Hat ein russischer Frachter trotz Warnungen aus Kyjiw in Israels wichtigstem Hafen anlegen können? Nach ukrainischen Angaben könnte das Schiff Weizen aus von Russland besetzten Gebieten transportiert haben.
Ein unter russischer Flagge fahrender Massengutfrachter, der nach Angaben der Ukraine möglicherweise Getreide aus von Moskau besetzten Gebieten transportiert hat, hat in Israel angelegt und befindet sich inzwischen auf dem Weg nach Russland.
Tracking-Daten des Handelsinformationsdienstes Kpler zeigen, dass das Schiff ABINSK am 12. April im Hafen von Haifa, Israels größtem internationalen Seehafen, ankam und am 15. April wieder auslief.
Nach dem Auslaufen aus Haifa war das Schiff "in Ballast", also ohne Ladung, unterwegs. Das deutet darauf hin, dass es seine Fracht vor der Abfahrt in Haifa entladen haben könnte. Anschließend passierte es für mehrere Stunden den türkischen Hafen Çanakkale, als nächstes Ziel war Istanbul angegeben.
Das ukrainische Außenministerium teilte mit, es habe die israelischen Behörden im Vorfeld über das Schiff und die "mögliche Herkunft der Ladung aus den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine" informiert.
Demnach entlud das Schiff seine Fracht zwischen dem 12. und 14. April im Hafen. Die Ukraine beantragte auf Grundlage einer Entscheidung eines ukrainischen Gerichts die Beschlagnahmung der Ladung.
Laut einem Bericht von Axios sagte Israels Außenminister Gideon Sa'ar den ukrainischen Behörden, es sei zu spät gewesen, das Schiff festzuhalten, da es den Hafen bereits verlassen habe.
Warum durfte das Schiff anlegen?
Ein weltweites Verbot für russische Getreideexporte gibt es nicht. Zwar betrachtet die Ukraine die Ausfuhr von Getreide aus besetzten Gebieten ohne ihre Zustimmung nach nationalem Recht als illegal. Weil es aber keine verbindlichen internationalen Beschränkungen gibt, können Lieferungen wie diese weiterhin Häfen in aller Welt anlaufen.
Russisches Getreide fällt nicht unter das vollständige Verbot der EU-Sanktionen. Lebensmittel sind grundsätzlich von den weitreichenden Strafmaßnahmen ausgenommen, die die EU seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 verhängt hat.
Importe aus der von Russland besetzten Krim sind allerdings verboten, sofern sie nicht von der Ukraine genehmigt wurden.
In der Praxis sind EU-Häfen für die meisten Schiffe der russischen Handelsflotte geschlossen. Ausnahmen gelten für Schiffe, die Lebensmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse transportieren. Nicht zugelassen sind hingegen Mitglieder der sogenannten russischen "Schattenflotte" sowie Schiffe, die im Verdacht stehen, Getreide aus besetzten Gebieten der Ukraine zu transportieren.
Länder wie Israel und die Türkei sind nicht an die EU-Sanktionen gebunden. Ob ein solches Schiff gestoppt wird, hängt daher von den jeweiligen nationalen Rechtsvorschriften ab.
Nach internationalem Recht sind Plünderungen, Brandschatzungen und die Ausbeutung von Ressourcen durch eine Besatzungsmacht zu ihrem eigenen Vorteil verboten und können als Kriegsverbrechen gelten.
Was ist über die Ladung bekannt?
Ermittler des SeaKrime-Projekts, das illegale Schifffahrtsaktivitäten verfolgt und von der in Kyjiw ansässigen Website und NGO Myrotvorets betrieben wird, gehen davon aus, dass das Schiff mindestens 7.500 Tonnen Weizen aus besetzten Gebieten der Ukraine geladen hatte.
Nach ihren Erkenntnissen wurde das Getreide vor dem Export aus dem Hafen Kavkaz von einem Schiff auf ein anderes umgeladen und anschließend als Ware russischen Ursprungs deklariert.
Die Reporterin Kateryna Jaresko erklärte, die Schiffsladung stamme aus Kertsch auf der Krim, die Russland 2014 annektiert hatte. Ihren Recherchen zufolge lief das Schiff am 17. März mit einer Getreideladung aus und wurde am 12. April zum Entladen in Israel abgefertigt.
Aus öffentlich zugänglichen Schiffsverfolgungsdaten geht nicht hervor, wann das Schiff Russland oder die Krim verlassen hat. Die Daten zeigen jedoch, dass es zwischen 2018 und 2025 vor allem im östlichen Mittelmeer unterwegs war und mehrere russische Häfen anlief.
Die Ergebnisse von SeaKrime, die auf Open-Source-Tracking- und Schifffahrtsdaten beruhen, wurden bislang nicht unabhängig überprüft. In einer Erklärung des ukrainischen Außenministeriums heißt es jedoch, man vermute, dass die Ladung des Schiffs aus den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine stamme.
Das Ministerium bezeichnet die ABINSK als Teil der russischen "Schattenflotte" - eines verdeckt operierenden Netzwerks veralteter Schiffe, mit dem westliche Sanktionen umgangen werden sollen.
Diese Schiffe gehören oft zu einem komplexen Geflecht aus Briefkastenfirmen und nutzen Methoden wie das Abschalten von Ortungssystemen, um nicht entdeckt zu werden.
Online-Daten deuten darauf hin, dass die ABINSK 20 Jahre alt ist. Sie wurde 2006 in Japan gebaut. Das Durchschnittsalter von Handelsschiffen weltweit liegt bei etwas mehr als 20 Jahren. Das Schiff wechselte mehrfach den Eigentümer. Zuvor fuhr es unter liberianischer Flagge und trug den Namen Lago di Nemi.
Nach Angaben des ukrainischen Auslandsnachrichtendienstes wurden 2025 mehr als zwei Millionen Tonnen Getreide aus den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine exportiert. 53,6 Prozent dieser Lieferungen gingen demnach nach Ägypten und Bangladesch.