Der Streit zwischen Sławosz Uznański-Wiśniewski und der polnischen Raumfahrtagentur POLSA verschärft sich. Nach Kritik an seinen Äußerungen präzisiert der Astronaut seine Aussagen in den sozialen Netzwerken, nimmt sie aber nicht zurück.
Am Anfang stand eine Sondersitzung des POLSA-Rates hinter verschlossenen Türen. Eines der Themen war die Beteiligung der polnischen Weltraumagentur am europäischen Programm für sichere Satellitenkommunikation IRIS2.
IRIS2 ist ein EU-Projekt im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro und soll ein einheitliches, weltraumgestütztes Kommunikationssystem schaffen. Geplant ist ein Verbund aus 290 Satelliten, die bis 2029 in die Umlaufbahn gebracht werden sollen. Die Europäische Weltraumorganisation ESA soll das Projekt steuern. Ihr Budget für die aktuelle Dreijahresperiode liegt bei einem Rekordwert von 22,3 Milliarden Euro – rund 30 Prozent mehr als im vorherigen Zeitraum.
Sławosz Uznański-Wiśniewski im Konflikt mit POLSA
Inhaltlich stellt der polnische Astronaut das Projekt nicht infrage. Vor wenigen Monaten nahm er in Brüssel an einer internationalen Konferenz zu IRIS2 teil und sagte im Gespräch mit Euronews, er sei zufrieden, dass Europa den Weltraum als strategischen Bereich begreife. Das sei sowohl für zivile als auch für militärische Anwendungen wichtig.
Zugleich räumte er ein, dass Europa im Vergleich zu anderen globalen Akteuren noch viel aufzuholen habe, wenn es mehr technologische Autonomie gewinnen und eigene europäische Lösungen aufbauen wolle. Er verwies dabei unter anderem auf die Vereinigten Staaten, wo sich der Markt besonders dynamisch entwickelt – vor allem seit private Unternehmen eigenständig Raumflüge anbieten dürfen.
Auch den Sinn von IRIS2 als solchem stellt Sławosz Uznański-Wiśniewski nicht infrage. Bei der vertraulichen Ratssitzung merkte er jedoch an, dass angesichts der aktuellen Fähigkeiten einzelner Staaten vor allem Frankreich und Deutschland profitieren dürften, weil Unternehmen aus diesen Ländern maßgeblich am Aufbau der Infrastruktur beteiligt seien. Deshalb regte er an zu prüfen, ob und welche konkreten Vorteile Polen aus dem Programm ziehen könne.
Genau dieser Hinweis soll der Präsidentin von POLSA, Marta Wachowicz, missfallen haben. In einem Schreiben an die Mitglieder des Agenturrats kritisierte sie nicht nur diese Äußerung des Astronauten, sondern seine gesamte öffentliche Aktivität. Das Schreiben lag zuerst dem Sender TVN24 vor.
Zensurvorwurf
In dem Brief forderte Wachowicz "unverzügliche und entschlossene Schritte, um Uznański-Wiśniewski davon abzubringen, öffentlich Fragen zu kommentieren, die mit der Arbeit der Agentur, strategischen Projekten, der Sicherheit des Staates und der internationalen Zusammenarbeit zusammenhängen". Seinen Äußerungen zufolge schadeten seine Aussagen sogar der Sicherheit Polens und internationalen Projekten.
Der Vorgang löste in Polen einen Sturm aus. Medien und vor allem Oppositionspolitiker sprechen von einem skandalösen Eingriff in die Meinungsfreiheit. Sie sehen darin auch den Versuch, die Autorität des Astronauten zu untergraben – jenes Mannes, der noch vor Kurzem als eine Art lebende Visitenkarte Polens galt.
Am Freitag äußerte sich der Betroffene schließlich selbst in den sozialen Netzwerken. Er erklärte, er kenne den Wortlaut des umstrittenen Schreibens nicht; niemand habe ihn persönlich dazu kontaktiert. Den Vorgang bezeichnete er knapp als Versuch der Zensur.
Uznański-Wiśniewski präzisierte zudem die eigenen Aussagen, die in dem Brief zitiert wurden und seiner Ansicht nach aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Er blieb jedoch bei seiner Einschätzung, dass IRIS2 in der derzeitigen Konstellation vor allem Frankreich und Deutschland zugutekommen werde. Zugleich brachte er weitere, brisante Punkte vor, die seine Zweifel am Kurs von POLSA untermauern sollen.
Hinweise auf Missmanagement
"Ich habe unter anderem gefragt, ob es stimmt, dass POLSA im Jahr 2025 weniger als achtunddreißig Prozent der Mittel ausgegeben hat, die das Ministerium für Entwicklung und Technologie zur Verfügung gestellt hat, und ob es stimmt, dass die Agentur keine zweckgebundenen Zuschüsse für fachliche Projekte für 2026 beantragt hat. Ich bat außerdem um eine Erklärung für die Entscheidung, die Abteilung für Information und Promotion aufzulösen, einschließlich der Entlassung der POLSA-Sprecherin zwei Wochen vor dem Start der polnischen technologie- und wissenschaftsorientierten Mission zur ISS, obwohl sie vom Entwicklungsministerium mit der Kommunikationskoordination dieser Mission beauftragt worden war. Ich wollte auch wissen, ob und wenn ja, welche Bildungsprogramme POLSA erarbeitet und polnischen Schulen zur Verfügung gestellt hat.
Dazu gehört die Frage, wie viele der 212.000 Fotos und Videoaufnahmen, die ich und andere Astronauten der Mission Axiom-4 angefertigt haben, den Bürgern in Polen zugänglich gemacht wurden – obwohl POLSA bis Ende 2025 exklusiven Zugriff auf sämtliche audiovisuellen Materialien hatte. Außerdem fragte ich nach den Verzögerungen beim Aufbau des Nationalen Satelliteninformationssystems, die durch ausbleibende Aufträge für weitere Dienste entstehen und zum Verlust von KPO-Mitteln führen könnten, die für diesen Zweck vorgesehen sind", schrieb der Astronaut.
Seine Ausführungen werden von polnischen Medien breit aufgegriffen. In dem inzwischen offenen Konflikt dürfte nun vor allem entscheidend sein, wie sich das Finanzministerium positioniert, dem POLSA unterstellt ist.
Damit ist die Affäre jedoch nicht beendet. Nach Informationen von Interia Biznes soll das Bezirksinspektorat der Arbeitsaufsicht in Gdańsk, wo POLSA seinen Sitz hat, bereits im April eine Beschwerde früherer Beschäftigter erhalten haben. Darin ist von Mobbing die Rede, von der Missachtung der Pflicht, die Würde und andere Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter zu achten, von verbaler Aggression, häufigen fristlosen Kündigungen angeblich wegen Verschuldens der Beschäftigten, Lohnkürzungen bei unveränderten Aufgaben, Erpressung und Überstunden. Auch darauf hatte Sławosz Uznański-Wiśniewski hingewiesen.
ISS-Mission machte ihn in Polen bekannt
Bekannt wurde Sławosz Uznański-Wiśniewski, als bestätigt wurde, dass er an einer Mission zur Internationalen Raumstation ISS teilnehmen soll. Im Juni vergangenen Jahres flog er schließlich ins All und verbrachte zusammen mit drei weiteren Besatzungsmitgliedern rund zwei Wochen im Weltraum.
Dort führte er Experimente durch, die von polnischen Unternehmen und Hochschulen entwickelt worden waren. Sie betrafen unter anderem die Gesundheit von Astronauten sowie die Frage, wie sich neue Materialien und Technologien im All bewähren – darunter auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz.