In Jarosławiec an der polnischen Ostseeküste wird Europas größter künstlicher Strand ausgebaut. Was 2015 als Küstenschutzmaßnahme begann, ist heute eines der meistbesuchten Strandziele Polens – und lockt viele deutsche Urlauber an.
An der polnischen Ostseeküste, im kleinen Ort Jarosławiec (deutsch Jershöft), liegt der größte künstliche Strand Europas. Rund fünf Hektar weißer Sand – so groß wie sieben Fußballfelder – wurden aus dem Meeresgrund aufgespült und haben den einstigen Fischerort in ein viel diskutiertes Reiseziel verwandelt, das mittlerweile den Spitznamen "polnisches Dubaj" trägt. Was als Küstenschutzprojekt begann, ist heute einer der meistgesuchten Badeorte Polens und bekommt gerade seinen bisher größten Ausbau.
Von der Erosionskrise zur Touristenattraktion
Wer den Strand heute besucht, ahnt kaum, dass er nicht als Urlaubsparadies geplant war, sondern als Antwort auf eine ernste Bedrohung. Über Jahrzehnte fraß die Ostsee die bis zu 24 Meter hohe Steilküste bei Jarosławiec an. Teile des Ufers drohten abzurutschen und die Infrastruktur des kleinen Ortes in Gefahr zu bringen. Die Lösung kam 2015, als das polnische Seeamt in Słupsk (deutsch Stolp) ein Küstenschutzprojekt von bislang ungekanntem Ausmaß für die polnische Küste beschloss.
Auf einem 700 Meter langen Küstenabschnitt wurde zunächst eine marode Betonverbauung abgebrochen, wie die Gemeindeverwaltung Jarosławiec auf ihrer Website schreibt. An ihrer Stelle errichteten Ingenieure fünf massive Stützen aus Natursteinblöcken aus Granit, die rund 180 Meter weit ins Meer hineinragen. Diese Konstruktion wirkt wie ausgestreckte Arme, die den Sand festhalten sollen.
Den Raum zwischen diesen "Granitrahmen" füllten Bagger mit Sand auf, gewonnen direkt vom Meeresgrund der Ostsee, mit Saugbaggern aus einer Tiefe von rund zwölf Metern. Das Ergebnis ist eine rund fünf Hektar große Strandfläche, laut Polen Journal das größte künstlich geschaffene Küstenstück dieser Art in ganz Europa. Das Gesamtprojekt kostete 170 Millionen Złoty, umgerechnet rund 40 Millionen Euro. 2018 war der Strand fertiggestellt, 2021 wurde er offiziell als Festland anerkannt. Neuland, das es vorher schlicht nicht gab.
Ein Strand, der Fürsorge braucht
Anders als ein natürlicher Strand ist das "polnische Dubaj" keine beständige Erscheinung. Wind, Wellen und Meeresströmungen tragen den aufgeschütteten Sand kontinuierlich wieder ab. Deshalb muss regelmäßig neuer Sand vom Meeresgrund gepumpt werden, vor allem in den Herbst- und Wintermonaten. Dabei kommt manchmal mehr ans Tageslicht als erwartet: Mit dem Sand gelangen auch Bernsteine aus der Meerestiefe an den Strand. Küstenschutz ist hier also kein einmaliges Bauprojekt, sondern ein fortlaufender Prozess, weshalb der Strand je nach Saison und zuletzt durchgeführten Auffüllungsmaßnahmen zeitweise breiter oder schmaler wirkt.
Großer Ausbau 2026: Plattform, Promenade und Gastronomie
Für die Saison 2026 steht die bisher umfangreichste Modernisierung des Strandes an. Die Gemeinde Postomino (deutsch Pustamin), zu der Jarosławiec gehört und in der 2024 laut polnischem Statistikamt knapp 6.800 Menschen leben, hat einen Architekturwettbewerb für eine neue Aussichtsplattform und einen neuen Strandabgang auf der Steilküste ausgeschrieben.
Das Interesse war enorm: Über 800 Mal wurde das Wettbewerbsreglement heruntergeladen, 79 Architekturbüros wurden eingeladen, 19 Konzepte eingereicht. Den ersten Preis und damit den Auftrag gewann das Büro Restudio Jacaszek Architekci mit einem Entwurf, der eine teilweise verglaste Aussichtsplattform hoch oben auf der Steilküste vorsieht, von der aus sich ein Panoramablick auf Strand und Ostsee bietet. Ein serpentinenartiger Weg schlängelt sich die Klippe hinab – und ein Aufzug mit einer Kapazität von bis zu 53 Personen soll die rund 17 Meter hohe Klippe künftig auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität überbrückbar machen.
Parallel dazu werden erstmals Strom- und Abwasseranschlüsse am Strand verlegt, was die Grundlage für gastronomische Betriebe und weitere Freizeitangebote schafft. Insgesamt hat der Gemeinderat von Postomino für 2026 sieben offizielle Badebereiche festgelegt – darunter zwei explizit als "Dubai 1" und "Dubai 2" ausgewiesene Zonen, weitere Strandabschnitte in Rusinowo (deutsch Rützenhagen) sowie ein Binnensee.
Warum der Strand für Deutsche besonders interessant ist
Jarosławiec liegt geografisch günstig zwischen Stettin und Danzig, von Berlin aus in weniger als vier Stunden erreichbar. Bereits 1865 wurde Jarosławiec, damals noch Jershöft, zu einem der ältesten preußischen Ostseebäder. Das Interesse aus Deutschland wächst nun wieder spürbar.
Polens Tourismusbranche boomt insgesamt: 2025 verzeichnete das Land laut Eurostat mit einem Plus von sieben Prozent den zweithöchsten Anstieg bei Tourismusübernachtungen in der gesamten EU – übertroffen nur von Malta.
Im Sommer 2025 verzeichnete die polnische Ostseeküste einen deutlichen Aufschwung: In den Monaten Juli und August begrüßten die Küstengemeinden insgesamt 2,1 Millionen Touristen, die zusammen 9 Millionen Übernachtungen buchten – ein Plus von sechs Prozent bei den Ankünften und 3,3 Prozent bei den Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr, wie das polnische Statistikamt GUS belegt. Unter den ausländischen Besuchern dominierten Deutsche mit großem Abstand: Mit knapp 199.000 Touristen stellten sie mehr als die Hälfte aller internationalen Gäste an der Küste – und generierten mit 770.400 Übernachtungen rund 60 Prozent aller von Ausländern gebuchten Nächte.
Das echte Dubai verliert Touristen
Hinzu kommt ein aktueller Faktor: Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges meiden immer mehr Deutsche die Golfregion. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate, der Luftraum über der Region ist phasenweise gesperrt. Der World Travel & Tourism Council (WTTC) bezifferte den wirtschaftlichen Schaden bereits Mitte März 2026 auf mindestens 600 Millionen US-Dollar pro Tag – allein durch den Rückgang der internationalen Besucherausgaben im Nahen Osten. Die großen Drehkreuze der Region, darunter Dubai, Abu Dhabi und Doha, die normalerweise täglich rund 526.000 Passagiere abfertigen, waren von Schließungen und Betriebsunterbrechungen betroffen. Während das echte Dubai also mit massiven Buchungsrückgängen kämpft, erlebt sein polnisches Namensvetter gerade seinen größten Aufschwung.
Künstliche Strände: Ein europäisches Phänomen
Jarosławiec steht mit seinem künstlichen Projekt nicht allein. Entlang der gesamten polnischen Ostseeküste sind Sandaufspülungen eine anerkannte Standardmethode des Küstenschutzes. Auch in anderen Teilen Europas wurde in den vergangenen Jahrzehnten Sand gezielt aufgeschüttet, um Küsten zu stabilisieren oder neue Badezonen zu schaffen.
Eines der bekanntesten Beispiele ist der Playa de Las Teresitas auf Teneriffa: In den 1970er Jahren wurden rund 270.000 Tonnen feiner Sand aus der Westsahara importiert, um den ursprünglichen Kiesstrand in einen weitläufigen Sandstrand umzuwandeln. Auch an der niederländischen Nordseeküste und entlang der Adria werden durch regelmäßige Aufspülungen Strände erhalten, die sonst durch Erosion immer schmaler werden würden.
Die Methode bleibt dennoch umstritten, wie auch Travelbook berichtet. Die Europäische Umweltagentur (EEA) weist darauf hin, dass solche Eingriffe in natürliche Küstenprozesse die Lebensräume von Meerestieren und Küstenpflanzen verändern können. Angesichts des steigenden Meeresspiegels und intensiverer Stürme gelten Strandaufspülungen langfristig als nur begrenzt wirksam – und da sie regelmäßig wiederholt werden müssen, sind sie dauerhaft kostenintensiv.
Ein Trend – oder nachhaltige Tourismusstrategie?
Ob der Vergleich mit Dubai dem kleinen Ort wirklich gerecht wird, darüber lässt sich streiten. Die Gemeinde Jarosławiec räumt auf ihrer Website selbst ein: Keine goldbeschlagenen Hotellobbys, keine hundert Stockwerke hohen Glastürme – dafür gibt es frischen Fisch direkt am Hafen und gute Waffeln. Dennoch hat der Marketingbegriff gewirkt: Seit die großen polnischen Medien den Namen "polnisches Dubaj" prägten, gehört Jarosławiec seit 2021 laut Google-Auswertung zu den zehn meistgesuchten Badeorten Polens, und seit Fertigstellung des Strandes 2018 haben laut Gemeinde Hunderttausende den Ort allein wegen dieser Attraktion besucht.
Für einen goldenen Strand muss man also nicht unbedingt um die halbe Welt fliegen. Nur das Wetter an der Ostsee muss man sich mitunter noch ein wenig schön denken.