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Im Boot über den Ärmelkanal: Migranten auf gefährlicher Reise

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Im Boot über den Ärmelkanal: Migranten auf gefährlicher Reise
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Immer mehr Migranten versuchen unter Lebensgefahr in kleinen Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen. Warum jetzt? Und was wird dagegen unternommen? Das ist das Thema dieser Unreported Europe-Reportage.

"Wenn die Regierungen in Frankreich oder Großbritannien uns nicht mit Lastwagen (gehen) lässt, müssen wir es mit dem Boot versuchen.“
Migrant

Bisher waren Fähren das Ziel: Verzweifelte Migranten versteckten sich in Lastwagen, um nach Großbritannien zu gelangen. Aber jetzt haben die Schmuggler ihre Taktik geändert.

"Ich nehme jetzt eine Autofähre über den Ärmelkanal nach Calais. Ich will mit Menschen in Frankreich sprechen, deren Ziel Großbritannien ist", sagt euronews-Reporter Damon Embling. "Was macht die britische Insel so attraktiv, dass sie scheinbar alles riskieren, um in dieses Land zu kommen."

Foto: Prefecture maritime de la Manche et de la Mer du Nord

Polizeiaktionen in Calais

Morgens in Calais: Französische Gendarmen lösen Migrantenlager auf. Menschen aus dem Irak, Iran, Afghanistan, Syrien und Afrika sind vor Ort. Clara Houin, Human Rights Observers-Koordinatorin, erzählt:

"Polizeiaktionen wie diese gibt es jeden Tag in Calais. Man fordert die Asylsuchenden auf, ihre Zelte nur wenige Meter zu verschieben. Wenn die Leute nicht da sind, werden ihre Sachen, - die Zelte, persönliche Gegenstände, Telefone, Kleidung und manchmal auch ihre Papiere - mitgenommen. Den Aufbau von Lagern zu verhindern, gehört zum politischen Kalkül, um ein großes Lager wie den 'Dschungel' 2015 in Calais zu vermeiden."

"Traumziel" Großbritannien

Großbritannien bleibt das "Traumziel" für viele Migranten: Ein Land, in dem sie Englisch sprechen und wieder mit Freunden und Familie zusammenkommen können. Obwohl ihnen die französische Polizei das Leben schwer macht, sind sie fest entschlossen:

"Wir müssen hier bleiben. Die britische und die französische Regierung sollen uns bitte in Ruhe lassen", sagt einer der Migranten.

Die Polizeiaktionen, verschärfte Hafenkontrollen und der Brexit: Das treibt die Menschen verstärkt in kleine Boote, um den Ärmelkanal zu überqueren. Außerdem soll es billiger und erfolgreicher sein als die Flucht im Lkw:

"Wenn die Regierungen in Frankreich oder Großbritannien uns nicht mit Lastwagen gehen lässt, müssen wir es mit dem Boot versuchen. Das ist zwar gefährlich für uns, aber wir werden es tun. So wie ich bald. Sobald wir ein Boot haben, gehts los", meint ein Migrant.

Unter den mehr als 200 Migranten, die Anfang des Monats in nur 48 Stunden von britischen Rettungskräften aufgegriffen wurden, waren auch Kinder. Nach Angaben der französischen Behörde versuchten 2019 mehr als 2700 Personen, den Ärmelkanal zu überqueren - eine 17-fache Steigerung gegenüber 2016. Mehr als 1800 schafften es angeblich 2019 bis zur britischen Küste. 125 von ihnen wurden in europäische Länder zurückgeschickt.

"Es ist das erste Jahr, in dem ich hier Migranten beobachte. Vorher habe ich nie welche gesehen. Früher waren sie in Lagern in anderen Gegenden. Es wurden Plätze für sie geschaffen. Und dann wurden sie geräumt. Jetzt kommen sie hierher", erzählt Raymond Randoux. Der Jäger wohnt seit fast 60 Jahren nicht weit von diesem Strand weg nahe Calais. Er vermutet, dass die Schlepperboote aus Großbritannien kommen: "Die meisten der Schlepper kommen aus England, sie transportieren die Boote in Lastwagen. Ich glaube, sie blasen sie bei ihrer Ankunft hier mit einer Pumpe auf, denn wenn sie übers Wasser kämen, würden sie mit Sicherheit entdeckt werden. Die meisten von ihnen kommen von dort."

Foto: Prefecture maritime de la Manche et de la Mer du Nord

Angst vor der Katastrophe

Auf der britischen Seite des Ärmelkanals warnt der ehemalige Küstenwächter Andy Roberts vor einer großen Katastrophe - vor allem bei der jetzigen Kälte:

"Diese Boote kommen nicht mit einem Bootsführer oder einem Steuermann. Sie werden einfach vom Strand ins Meer geschoben und sind dann auf sich allein gestellt. Bisher wurden zwei oder drei Todesfälle gemeldet, aber eines Tages wird es eine Katastrophe geben."

Die Meerenge zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa, die Straße von Dover, ist die verkehrsreichste Schifffahrtsstraße der Welt. Migranten wissen, dass sie nur in britische Gewässer gelangen müssen:

"Es gibt Anekdoten darüber, dass sich Migranten weigern, von französischen Grenztruppen gerettet zu werden, wenn sie in den dortigen Hoheitsgewässern aufgegriffen werden. Und es ist zu gefährlich, jemanden zu retten, der sich weigert, gerettet zu werden. In britischen Gewässern ist es dann Aufgabe der britischen Regierung, die Suche und Rettung von Menschen in Seenot zu koordinieren", meint Roberts. Und wenn die Bootsflüchtlinge in britischem Hoheitsgewässer aufgegriffen werden, werden sie nach Großbritannien gebracht.

Ungelöste Probleme in Frankreich

Die französischen Behörden ließen zwar 2016 den berüchtigten "Dschungel" von Calais abreißen. Aber das löste nicht das Problem. Heute leben beispielsweise Hunderte Migranten in der Nähe von Dunkerque in einem schmutzigen, kalten, stillgelegten Lagerkomplex. Coline Slotala, eine Mitarbeiterin von DROP Solidarité Dunkerque, erklärt: "Dort leben Familien, dort alleinstehende Männer, es ist ein sehr gefährlicher Ort", auf die Frage, wie sie diese Zustände findet, sagt sie: "Das ist mir völlig unverständlich. Ich komme fast jeden Tag. Ich verstehe nicht, warum Frankreich das zulässt."

Die Menschen, darunter kleine Kinder, leben unter harten Bedingungen. Einer der Migranten zeigt dem Reporter sein Zelt: "Das ist unser Zuhause, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Bad... wir leben hier ohne alles." Der Mann wurde bereits zweimal im Boot Richtung Großbritannien aufgegriffen, und er wird es wieder versuchen. Auf die Frage, wie viel er für den Schlepper bezahlt sagt er: "Ungefähr 2000 Euro, äh, Pfund und jetzt im Winter, 3000 Pfund."

Laut Angaben der britischen Regierung gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich und Belgien, um die illegale Einreise zu bekämpfen. Es werden viele Ortungsgeräte und Drohnen eingesetzt. Die Mehrheit der Migranten, die ihr Glück über den Ärmelkanal versuchen, würden aufgehalten.

Ungeliebte Asylsuchende in Großbritannien

Eine britische Hilfsorganisation unterstützt junge Asylsuchende, die es als Alleinreisende bis nach Großbritannien geschafft haben, unter anderem mit Englischunterricht. Unter ihnen ein Afghane, er kam versteckt in einem Lkw ins Land: "In meiner Heimat wäre ich schon tot, da bin ich sicher. Nein, ich bereue es nicht wirklich, denn ich habe ein gutes Leben in Großbritannien und bin glücklich", sagt er.

Aber er und die anderen jungen Leute treffen auf eine wachsende Anti-Immigranten-Stimmung. Unter anderem die Botschaft "Wir haben die Kontrolle über unsere Grenzen verloren" beflügelte den Brexit. Die Regierung steht unter Druck, vermehrt Asylsuchende zurückzuschicken. Bridget Chapman vom Kent Refugee Action Network meint:

"Menschen, deren Asylantrag eine Chance hätte, müssen die Möglichkeit erhalten, ihren Antrag auf der französischen Seite des Kanals zu stellen. Nach der Bearbeitung könnten sie diese Reise auf eine sichere und legale Art und Weise antreten. Es geht nicht darum, die Schleusen zu öffnen, sondern den Schleppern ihr Handwerk zu legen. Wir können keine Situation tolerieren, in der Menschen mit Chancen auf Asyl auf der verkehrsreichsten Schifffahrtsroute der Welt in kleinen Booten ihr Leben riskieren."

Foto: Prefecture maritime de la Manche et de la Mer du Nord