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Scrollen statt Sex? Was die Handynutzung mit der sinkenden Geburtenrate zu tun hat

In vielen Ländern der Welt brechen die Geburtenraten ein.
In vielen Ländern der Welt brechen die Geburtenraten ein. Copyright  Photo by Vitaly Gariev on Unsplash
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Die Geburtenraten in Deutschland und Europa sinken seit Jahren. Eine neue Studie rückt nun eine überraschende mögliche Ursache in den Fokus. Ein zunehmend verbreitetes Arbeitsmodell könnte dagegen helfen, den Rückgang zumindest etwas abzufedern.

Laut Statistischem Bundesamt lag die Geburtenrate in Deutschland 2024 bei 1,35 Kindern pro Frau, zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Vorläufige Zahlen für 2025 zeigen einen weiteren Rückgang auf rund 654.300 Geburten.

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Doch der Wunsch nach Kindern ist nicht verschwunden. Eine Auswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) auf Basis des Familiendemografie-Panels FReDA zeigt, dass Frauen sich im Schnitt 1,76 Kinder wünschen, Männer 1,74. Das ist deutlich mehr, als derzeit geboren wird. "Kinder zu bekommen bleibt ein zentrales Lebensziel für die meisten jungen Menschen. Der derzeitige Geburtenrückgang zeigt also keinen Rückgang der Familienorientierung, sondern weist vielmehr auf ein Aufschieben von Geburten hin", erklärt Bevölkerungsforscherin Dr. Carmen Friedrich vom BiB. Der sogenannte "Fertility Gap", also die Lücke zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl, hat sich bei Frauen zuletzt auf 0,41 verdoppelt.

Wie Smartphones soziale Kontakte verändern

In der Suche nach Erklärungen für den weltweiten Geburtenrückgang rückte die Financial Times im Mai 2026 eine neue US-Studie in den Mittelpunkt, über die in Deutschland unter anderem der Tagesspiegel berichtete: die Arbeit von Nathan Hudson und Wirtschaftsprofessor Hernan Moscoso Boedo von der University of Cincinnati. Die These: Smartphones haben den weltweiten Rückgang von Teenagerschwangerschaften nicht allein verursacht, aber maßgeblich beschleunigt.

Ab etwa 2007, dem Jahr des ersten iPhones, brach die Geburtenrate unter 15- bis 19-Jährigen weltweit ein. Hudson und Moscoso Boedo analysierten Daten aus 128 Ländern mit sehr unterschiedlichen Gesundheitssystemen, Sozialpolitiken, Religionen und Wirtschaftslagen. In vielen Ländern fanden sie denselben Knick, zeitlich verschoben je nachdem, wann Smartphones dort zur Massenware wurden. In den USA sank die Geburtenrate bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren zwischen 2007 und 2024 um 71 Prozent, bei Frauen zwischen 20 und 24 Jahren um 43 Prozent. Bei Frauen Mitte 30 blieb sie stabil oder stieg sogar. "Wir stellen fest, dass die Fertilität bei Teenagern weltweit am schnellsten gesunken ist", sagte Moscoso Boedo in einer Pressemitteilung der University of Cincinnati.

Weniger persönliche Begegnungen, weniger Schwangerschaften

Der angenommene Mechanismus ist sozial, nicht biologisch. Sobald genug Jugendliche in einem Netzwerk ein Smartphone besitzen, verlagert sich das gemeinsame Leben ins Digitale. Persönliche Begegnungen, aus denen ungeplante Schwangerschaften entstehen können, werden seltener.

Daten aus der American Time Use Survey stützen diese Beobachtung: US-Teenager verbrachten 2003 noch 68 Minuten täglich mit persönlichen sozialen Kontakten; 2019 waren es nur noch 38 Minuten. Gleichzeitig stieg die tägliche Bildschirmzeit für digitale Freizeitaktivitäten von 22 auf 96 Minuten, also auf mehr als das Dreifache. Financial Times-Chefdatenjournalist John Burn-Murdoch formulierte es in einem Podcast der Zeitung so: "Tiefe, starke Beziehungen entstehen aus sehr viel persönlicher Zeit miteinander. Wenn wir uns nur noch halb so oft treffen, dauert dieser Prozess viel länger, wenn er überhaupt stattfindet."

Um Korrelation und mögliche Kausalität voneinander zu trennen, untersuchten Hudson und Moscoso Boedo den 4G-Netzausbau in US-Landkreisen. In Regionen, in denen 4G früher verfügbar war, sanken Teenager-Geburtenraten früher und stärker. Eine Parallelanalyse für England und Wales zeigte dasselbe Muster. Dort bietet der National Health Service universalen Zugang zu Verhütung, wodurch Sozialpolitik als alleinige Erklärung ausscheidet.

Was die Studie zeigt und was nicht

Der nachgewiesene Effekt betrifft vor allem ungewollte Schwangerschaften unter Teenagern. Für Frauen über 25, auf die rund 80 Prozent aller Geburten entfallen, zeigen die Daten keinen signifikanten Effekt. Die Studie erklärt den allgemeinen Geburtenrückgang also nicht allein.

Ihr Wert liegt vielmehr darin, einen sozialen Mechanismus sichtbar zu machen: Wenn Jugendliche weniger Zeit miteinander verbringen und mehr Kontakte ins Digitale verlagern, verändert das auch die Bedingungen, unter denen Beziehungen und potentiell auch Schwangerschaften entstehen. Damit fügt sich die Studie in eine breitere Debatte darüber ein, wie stark Smartphones das Sozialleben junger Menschen verändert haben.

Europa im Geburten-Vergleich

Deutschland folgt einem gesamteuropäischen Trend. Laut Eurostat wurden 2024 in der EU rund 3,55 Millionen Kinder geboren; 3,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Die durchschnittliche Geburtenrate lag bei 1,34 Kindern pro Frau, nach 1,38 im Jahr 2023. Seit 1964, als der Wert noch bei 2,62 lag, hat er sich damit fast halbiert. Kein europäisches Land liegt derzeit noch über der Bestandserhaltungsgrenze von 2,1. Innerhalb der EU reicht die Spanne von 1,01 in Malta bis 1,72 in Bulgarien. Frankreich liegt mit 1,61 unter den großen Volkswirtschaften vorn, Spanien kommt auf 1,10, Italien auf 1,18.

Auch Länder mit ausgebauter Familienpolitik verzeichnen Rückgänge. Die nordischen Staaten gelten traditionell als Vorbilder für Elternzeit, Kinderbetreuung und Gleichstellungspolitik. Dennoch haben sie in den vergangenen Jahren teils stark sinkende Geburtenraten erlebt. "Die Erklärung länderübergreifender Unterschiede in der Fruchtbarkeit ist nach wie vor schwierig. Viele Faktoren, die früher die Unterschiede zwischen Staaten erklärten, haben in den vergangenen Jahren offenbar an Gewicht verloren", sagt Dr. Julia Hellstrand von der Universität Helsinki.

Wie Arbeit im Homeoffice die Geburtenrate beeinflusst

Familienpolitik bleibt ein Teil der Debatte, aber keine Allzwecklösung. Soziologe Martin Bujard vom BiB verwies im Gespräch mit Deutschlandfunk darauf, dass die Geburtenrate in Deutschland nach familienpolitischen Reformen um 2010 tatsächlich gestiegen sei. Heute wirkten jedoch Krisen, steigende Wohnkosten und Inflation stärker. Demograf Lyman Stone vom Institute for Family Studies ergänzt in der Financial Times: "Wenn man seine Zeit auf Instagram verbringt, sind die eigenen Maßstäbe an einem künstlichen Bild davon verankert, was normal ist." Auch das erschwere die Partnersuche.

Eine aktuelle Studie des ifo Instituts und der Universität Stanford zeigt einen weiteren möglichen Hebel: In Haushalten mit mindestens einem Tag Homeoffice pro Woche liegt die Geburtenrate im Durchschnitt um 14 Prozent höher als in Haushalten ohne Homeoffice. Ifo-Forscher Mathias Dolls erklärt: "Mehr Flexibilität durch Homeoffice könnte dazu beitragen, dass Menschen ihre gewünschte Familiengröße eher verwirklichen können."

Für Deutschland berechnen die Autoren, dass eine Homeoffice-Quote auf US-Niveau mit rund 13.500 zusätzlichen Geburten pro Jahr verbunden sein könnte. Burn-Murdoch von der Financial Times verweist zudem auf Australien, das sozialen Netzwerken für Minderjährige gesetzliche Grenzen gesetzt hat. Was das für das Beziehungs- und Sozialleben der nächsten Teenager-Generation bedeutet, werde sich in zehn Jahren zeigen.

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