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Coronakrise zwingt die Bauern in die Knie

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Coronakrise zwingt die Bauern in die Knie
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Die Coronakrise betrifft unser ganzes Leben, auch die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung. Wie sicher ist die Ernährung in den kommenden Monaten? Kommt es zu Schwierigkeiten bei Anbau oder Ernte? Je nachdem, wie lang die Krise dauert, ergeben sich in der Erntezeit Risiken für Kulturen mit hohem Handarbeitsbedarf, erklären Experten. Mit Einschränkungen sei vor allem bei Frischgemüse und Obst zu rechnen. Das liegt vor allem daran, dass hier für gewöhnlich ausländische Arbeitskräfte eingesetzt werden - die nun mit Transportproblemen oder Corona-Angst zu kämpfen haben. Die Erzeugerbetriebe könnte es unter Umständen hart treffen: Sie könnten in größere wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten - bis hin zur Betriebsschließung.

Bauern haben Existenzängste

In dieser Folge von Unreported Europe nimmt uns Mickaël Bourguignon mit zur Radieschen-Ernte. In dem 120 Hektar großen Familienbetrieb ist er dafür verantwortlich, dass die Ernte rechtzeitig eingebracht wird. Doch auf französischen Feldern herscht Furcht: Denn Covid-19 verhindert den freien Fluss fleißiger Farmarbeiter.

"Covid-19 hat bei den europäischen Landwirten echte Existenzängste ausgelöst: Woher die Erntehelfer nehmen? Wo die Ware verkaufen? Europas Bauern haben es wirklich nicht einfach", meint vor Ort euronews-Reporter Hans von der Brelie.

Cailloux-sur-Fontaines liegt am Rand der französischen Großstadt Lyon. Mickaël Bourguignon ist Miteigentümer des Betriebs, Gemüsebauer der dritten Generation. Er braucht Helfer aus Polen. Doch wegen Covid-19 sind die Grenzen in Europa geschlossen und Reiseverbindungen gekappt. Landwirte fürchten um ihre Ernte. Deshalb fordert die Europäische Kommission, Erntehelfer ohne Einschränkungen reisen zu lassen.

Aber Mickaël Bourguignon sagt: "Von der empfohlenen Grenzöffnung spürt man hier nichts. Vielleicht ändert sich das in einigen Wochen. Wir haben immer noch das alte Problem: fehlende Arbeitskräfte und Transportprobleme, die Helfer können nicht kommen."

Mickaël Bourguignons Großvater begann mit ein paar Hühnern, 1981 stieg sein Vater auf Gemüse um. Der Familienbetrieb wurde groß und verkauft mittlerweile Produkte bis nach Marseille im tiefen Süden. Heute kommen riesige Lebensmitteltransporter in das winzige Dorf, um all das schmackhafte Gemüse der Bourguignons zu den großen Verteilerplattformen zu bringen, von wo aus es seinen Weg in die Regale der Supermärkte in ganz Frankreich findet.

Polnische Erntehelfer werden von französischen Kurzarbeitern unterstützt

Seine polnische Erntehelferin Dorota Fuks ergänzt: "Später im Jahr brauchen wir noch viel mehr Helfer, die Ernte hat gerade erst begonnen. Normalerweise brauchen wir 30 bis 35 Leute. Heute haben wir nur 15 Helfer - und schon jetzt bräuchten wir dringend mehr."

Die polnischen Erntehelfer leben in Containern neben der Lagerhalle. Einige kamen bereits vor Schließung der Grenzen nach Frankreich, jetzt können sie nicht zurück. Andere sind in Polen - und können nicht nach Frankreich.

In der Notlage sollen jetzt französische Kurzarbeiter helfen. Einer von ihnen ist Dimitri Angelin. Der junge Franzose ist eigentlich Koch in einem schicken Lyoner Restaurant. Doch das hat nun wegen Covid-19 geschlossen:

"Ich habe mir gesagt, statt daheim die Zeit abzusitzen, könnte ich doch irgendwo helfen. Außerdem kann ich mit dem Lohn als Landarbeiter mein Kurzarbeitergeld aufstocken", sagt Dimitri Angelin.

Dimitri Angelin hat seinen Kochjob im Alter von 16 Jahren angefangen. Fünf Jahre lang lernte er "on the job". Heute hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag in einem teuren Restaurant im sechsten Arrondissement von Lyon. Er ist noch jung, 25, und hat Pläne für die Zukunft: Vielleicht die Einführung eines neuen Lebensmittelkonzepts, das noch im Detail ausgearbeitet werden muss, etwas Zeitgenössisches, vielleicht eine Internet-Lebensmittelplattform oder etwas Ähnliches. Er liebt seinen Beruf, kochen, zubereiten. Er hat auch etwas internationale Erfahrung, hat zum Beispiel Australien bereist, dort hat er Süßkartoffeln geerntet. - Das neue französische "chomage-technique"-System, in dem er sich befindet, bricht seinen Vertrag mit dem Restaurant nicht: Es ist ein "freeze-and-hold"-System, nach der C19-Krise, wenn das Restaurant wieder eröffnet wird, wird er dort wieder arbeiten. Aber jetzt, vor ein paar Tagen, als er den Aufruf der französischen Bauern hörte, in sozialen Medien und Radio/Fernsehen, meldete er sich zur Landarbeit. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Dimitri hat ein Gespür für das Gemeinwohl und möchte, dass die Gesellschaft zusammenarbeitet und sich die Menschen gegenseitig helfen. Er liebt sein Land, Frankreich, und will vermeiden, dass Covid-19 Schaden anrichtet. Er ist auch anderen Ländern gegenüber aufgeschlossen und sieht die Coronakrise als eine gemeinsame Herausforderung. In seiner unkomplizierten, geradlinigen Art ergreift er Gelegenheiten: zu helfen, sich zu bewegen, zu verändern, voranzuschreiten, zu unterstützen. Er ist ein echter Teamplayer. Und nun ja, die Arbeit auf dem Bauernhof ist leicht genug zu verstehen, sagt er, jeder kann es tun, meint er: "Alle können anpacken, lasst uns einander helfen."

Kombilohn soll Lebensmittelversorgung sicherstellen

Der Kombilohn ist eines der Mittel, mit dem Frankreichs Regierung die Lebensmittelversorgung sicherstellen will. 240.000 Kurzarbeiter haben sich innerhalb nur weniger Tage auf der eigens hierfür eingerichteten Internetplattform der Bauernverbände gemeldet. Doch Mickaël Bourguignon sieht trotzdem schwarz:

"Unser Spinatfeld liegt da drüben, dahinter der Weizen. Und noch ein Stück weiter hinten ist das Zwiebelfeld, gleich neben den Treibhäusern und den Salatfeldern", zeigt der Bauer. "Das ist ein Hektar Salat, der jetzt geschnitten werden muss. Wenn sich auf den Märkten nichts bewegt, muss ich den wegschmeißen. Vom Staat verlange ich, dass er unsere Abgabenlast während der Krise verringert oder abschafft, wir stecken echt in der Klemme."

Bienenzüchter trifft es besonders hart

Abstecher nach Saint-Alban-d'Ay in der Ardèche: Die paradiesische Landschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frankreichs Bienenzüchter ein Riesenproblem haben. So wie Francis Gruzelle. Wegen Covid-19 wurden fast sämtliche Ost- und Gemüsemärkte im Land geschlossen. Wo soll er nun seinen Honig verkaufen? Gegen chinesische Billigkonkurrenz in den Supermarktregalen kann er nicht ankommen.

Bereits vor Covid-19 ging es bergab. In den vergangenen zehn Jahren gaben 15.000 Bienenzüchter auf. Und jetzt?

"Covid-19 und die Ausgangssperre bedeuten das Aus für Tausende Bienenzüchter. Wir sind Opfer des unverkauften Honigs", sagt Francis Gruzelle, Präsident des regionalen Bienenzüchterverbandes, Bienen und Honig (L'Abeille Ardéchoise et Drômoise). "Es gibt keine Märkte mehr, das ist eine einzige Katastrophe. Covid-19 gibt uns Bienenzüchtern den Rest. Uns ging es ja schon vorher nicht gut: Insektizide, Pestizide, Bienensterben, steigende Betriebskosten."

Der Imker hat 150 Bienenstöcke mit jeweils etwa 70.000 Bienen: Gruzelle ist der Chef von über zehn Millionen Bienen. In einem sehr guten Jahr produzieren er und seine Bienen etwa zwei Tonnen Honig, in schlechten Jahren liegt er bei 200.000 Kilo. Der Franzose kommt aus Lothringen, seit 2002 lebt er in der Region Ardèche. China ist ein Problem für die Imker in Frankreich, sagt er, der ausländische Honig drückt die Preise und erobert die Supermärkte. Der Imker kritisiert die Supermarktketten: Es sei "unmöglich" für gewöhnliche französische Honigproduzenten, einen anständigen Platz in den Regalen der französischen Supermärkte zu bekommen.

Deshalb sind die meisten französischen Imker und Honigproduzenten völlig abhängig von den Bauernmärkten, die für sie der wichtigste Absatzmarkt für Honig sind. Gruzelle weist darauf hin, dass eine große Zahl von Imkern Bankkredite laufen hat und manchmal zu Betriebskosten verkaufen müssen, ohne Gewinnmarge. Wenn man die Fachzeitschriften der Imker liest, ist es in diesen Zeiten offensichtlich: immer mehr Imker geben auf, versuchen zu verkaufen, suchen jemanden, der sie übernehmen kann, warnt Gruzelle. Nun, und auch die Internet-Direktvermarktung ist keine echte Alternative: Honig ist schwer, die Versandkosten sind daher hoch. Sowieso wollen die meisten Leute keinen Honig im Internet kaufen, sie wollen einen lokalen Touch, eine persönliche Verbindung. Wiederholt betont Gruzelle, dass die Schließung der Bauernmärkte eine wirkliche Katastrophe für die Imker sei. Die Zahl der großen professionellen Imker in Frankreich, die sich um mindestens 500 Bienenstöcke kümmern, sei auf etwa 1.600 gesunken.

Als er 13 Jahre alt war, bekam der Francis Gruzelle seinen ersten Bienenkorb geschenkt, damals noch ganz aus Stroh. Heute ist er Präsident des regionalen Bienenzüchter-Vereins und spricht für 725 Kollegen, denen es ähnlich geht. Vor ein paar Tagen hat der dem Landwirtschaftsminister einen wütenden Brief geschrieben. Nun, was ist ihr Rezept gegen die Krise, Monsieur Gruzelle?

"Um die Bienenzüchter zu retten, muss die Mehrwertsteuer halbiert werden, wir brauchen eine Zucker-Beihilfe und sollten von Sozialabgaben befreit werden. Außerdem sollte man mit einer Werbekampagne die Konsumenten dazu bringen, ihren Honig beim Dorf-Imker zu kaufen statt im Supermarkt", zählt der Gruzelle auf.

Fast alle Märkte sind geschlossen

Die Hügel rund um Irigny sind bedeckt mit blühenden Obstbäumen. Sie gehören Jérémy Beroud, stolzer Besitzer eines Familienbetriebes, der sich über 20 Hektar ausdehnt. Woche für Woche stehen Jeremy und seine Leute auf acht Lyoner Obst- und Gemüsemärkten. Als der Präfekt den Befehl erteilte, alle Märkte zu schließen, packte ihn die Wut. Von einem Tag auf den anderen musste er umstellen auf Direktvertrieb. Die Kunden ordern jetzt per Facebook und Telefon.

"Die brutale Schließung der Märkte war ein Schock für uns", erzählt Jérémy Beroud. "Auf einmal waren da jede Menge Fragen: Wohin mit unseren Produkten? Was tun mit dem Gemüse, das noch wächst, aber bald geerntet werden muss? Die ganze Arbeit umsonst? Für Panik blieb keine Zeit: Die Stadtverwaltung von Lyon hat schnell reagiert. Die haben sofort begriffen, dass man auch nach Schließung der Märkte die Bevölkerung ernähren muss und dass die Produzenten, die sowieso schon in der Klemme stecken, weiterarbeiten müssen."

In den vergangenen Jahren chauffierte Jérémys Cousin, Jean-Louis Vignes, Geldsäcke in gepanzerten Spezialtransportern. Jetzt hat er umgestellt auf Obst und Gemüse. Überall im Großraum Lyon haben Bezirksbürgermeister und Produzenten sogenannte "Drive-In" Abgabestellen eingerichtet - garantiert ohne Gedränge:

"Wenn Sie näherkommen, beachten Sie bitte den Sicherheitsabstand", mahnt Jean-Louis Vignes.

Als Folge von Covid-19 und Ausgangssperre kaufen die Franzosen weniger Frischgemüse. Corinne Barret ist Präsidentin eines Lyoner Nachbarschafts-Vereins. Sie hat das Problem erkannt und die Initiative ergriffen. Beim Bürgermeister kümmerte sie sich um die notwendigen Genehmigungen, fand eine Verteilstelle (ein Vereinslokal mit riesigen Fenstern zum Bürgersteig), kontaktierte Ost- und Gemüseproduzenten.

"Die Anwohner kaufen lieber lokale Produkte, statt zum Supermarkt zu fahren. Unser Direktverkauf hilft den Produzenten, die nun weiterarbeiten können", so Corinne Barret. "Das Gemüse wächst ja weiter, wäre doch schade, es verrotten zu lassen, statt es zu ernten und zu verkaufen."

Jean-Louis Vignes erzählt: "Das ist das erste Mal, dass ich bei so einer Verteilaktion mit Direktabgabe mitmache. Dazu gehören Schutzmaßnahmen, Handschuhe - na ja, stimmt schon, die haben mittlerweile einige Löcher, die werde ich gleich mal wechseln. Wir arbeiten mit Gesichtsmaske und sagen den Leuten, dass sie den Sicherheitsabstand einhalten sollen, zu ihrem eigenen und zu unserem Schutz."

Sind Verbraucher bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen?

Sonst importiert Frankreich etwa vierzig Prozent seines Obst- und Gemüseverbrauchs. Covid-19 hat das radikal geändert. Ist die Schließung der Märkte eine gute oder schlechte Idee, will der euronews-Reporter von Anwohnern wissen?

"Die Schließung der Märkte war eine gute Idee, dort drängen sich die Leute und man weiß auch nicht so genau, ob alles desinfiziert ist. Diese Direktabgabe hier ist eine coole Alternativlösung", sagt Camille.

Und Délia meint: "Auf den Märkten ist es schwierig, Sicherheitsmaßnahmen durchzusetzen. Deshalb finde ich dieses System hier ganz gut. Allerdings sehe ich auch, dass das für die Produzenten kompliziert ist. Alles in allem muss ich schon sagen, dass das nicht gerade billig ist. Ich bin das erste Mal hier und ich glaube nicht, dass ich mir das jede Woche leisten kann."

Sind die Verbraucher bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen? Eine völlige Renationalisierung der Lebensmittelversorgung ist kaum vorstellbar - und wohl auch nicht vereinbar mit den Europaverträgen von 1957, die garantieren ja auch weiterhin den freien Warenfluss, einschliesslich Erdbeeren, Spargel, Gurken, Auberginen...

Doch Covid-19 könnte das Kaufverhalten der Menschen ändern - auch nach der Krise. Viele Kunden wollen wissen, woher das Obst und Gemüse kommt, das sie essen. Und da kurze Anbau- und Vermarktungswege auch umweltfreundlicher sind, könnte Covid-19 tatsächlich einen Trend verstärken, der sich bereits seit einigen Jahren abzeichnet, nämlich die Bereitschaft, etwas tiefer in den Geldbeutel zu greifen, dafür im Gegenzug aber lokal angebaute Lebensmittel von Bauern zu bekommen, die man mit Namen kennt.