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Corona-Tragödie in europäischen Altenheimen: Versagen und Vorbilder

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Corona-Tragödie in europäischen Altenheimen: Versagen und Vorbilder
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In europäischen Altersheimen wütet das Coronavirus besonders schlimm: Dort ist Covid-19 im Durchschnitt für die Hälfte aller Todesfälle verantwortlich. In den am stärksten betroffenen Ländern bezeugen Familien, Betreuer und Verbände schlimme Vorfälle und vorbildliches Verhalten. Thema in dieser Unreported Europe-Folge.

"In den vergangenen vier Tagen haben wir leider in jeder Schicht, in der ich gearbeitet habe, jemanden verloren."
Anne Clark
britische Pflegerin aus Sheffield

Die Lombardei ist die Region, in der das Coronavirus die meisten Opfer forderte. Das Pio Albergo Trivulzio Senioren-Zentrum ist mit tausend Bewohnern eines der größten in Europa. Mehr als 200 von ihnen sind dort seit Beginn der Krise gestorben. Eine Untersuchung wegen "Totschlags und Fahrlässigkeit" ist im Gange.

Ein Gewerkschafter, der in der Apotheke des Zentrums arbeitet, sagt, dass viele Leben hätten gerettet werden können, wenn die Präventivmaßnahmen nicht wochenlang hinausgezögert worden wären:

"Anfang März ergriffen einige Mitarbeiter die Initiative und trugen Masken, die sie aber wieder abnehmen mussten, um die Patienten nicht zu erschrecken", erzählt Pietro La Grassa. "Außerdem musste die Region in Voraussicht der Epidemie, Krankenhausbetten freimachen und Patienten in Pflegeheime einweisen. Leider gab es an diesen Orten keine Kontrollen!"

Mehr als ein Viertel der Zentrums-Mitarbeiter haben sich mit dem Virus angesteckt und sind krankgeschrieben. Die Teams sind unterbesetzt, erschöpft und besorgt:

"Diejenigen von uns, die noch dort arbeiten, wurden nicht getestet. Und sie versetzen uns weiterhin von einer Einheit zur anderen, als ob nichts geschehen wäre", erzählt Krankenschwester Nadia Mordini.

Missstände in Altenheimen

Missstände, die viele Altenheim-Mitarbeiter in ganz Europa bezeugen können. Für diesen spanischen Pflegehelfer war es nicht mehr auszuhalten:

"Ich musste die Toten in Säcke legen. Ich musste sie strecken, weil sie zusammengekrümmt gestorben sind, das habe ich miterlebt", so David Pérez. "Ich musste ihre Augen schließen. Ich musste sie ins Leichenschauhaus bringen, oder, falls es voll war, auf den Parkplatz im Untergeschoss. Wenn es von Anfang an eine Isolierstation gegeben hätte, in die jeder mit Symptomen verlegt worden wäre, und der Rest wäre in seinem Zimmer geblieben, und wenn alle Betreuer Schutzausrüstung gehabt hätten, deren Lieferung zwei Wochen gedauert hatte, kann ich Ihnen versichern, dass sich das Virus nicht innerhalb der Senioren-Residenz ausgebreitet hätte."

Wut und Trauer bei den Angehörigen

Die Familien der Opfer bleiben in Schmerz und Wut zurück: Ein spanisches Ehepaar hat sich im Abstand von einigen Tagen in dem Pflegeheim, in dem sie sich ein Zimmer teilten, mit Covid-19 angesteckt. Ihre Kinder beklagen die mangelnde medizinische Versorgung ihrer Eltern, die unter Beruhigungsmitteln starben, nachdem sich ihr Zustand plötzlich verschlechtert hatte.

Tochter Almudena Ariza: "Es ist sehr schwer, sehr schwierig, sie sich so vorzustellen, allein oder vielleicht zusammen? Haben sie sich vielleicht gegenseitig die Schuld gegeben? Ich weiß es nicht. Weder mein Vater noch meine Mutter haben diesen Tod verdient. Ihnen wurde kein Platz in einem Krankenhaus oder an einem Beatmungsgerät zugestanden, weil sie 86 Jahre alt waren. Man hat sie einfach aufgegeben. Unsere Ältesten werden buchstäblich im Stich gelassen."

Konzentration des Pflegeheim-Marktes

Oft wird die Konzentration des europäischen Pflegeheim-Marktes auf große private Gruppen angeprangert, die oft von internationalen Pensions- und Investmentfonds kontrolliert werden. Ein äußerst lukratives Geschäft, das von vielen Verbänden, wie dem von Eileen Chubb, kritisiert wird. Als ehemalige Pflegekraft und Whistleblowerin kämpft sie seit langem gegen das Fehlverhalten von Pflegeheimen. Seit Beginn der Covid-19-Krise sind bei ihrer Hotline viele Beschwerden eingegangen.

"Es gibt zu viele Pflegeunternehmen, die bereit sind, Betten zu füllen, und es ist ihnen egal, auf welche Kosten", so die Direktorin von "Mitgefühl in der Pflege". "Und da das Pflegepersonal in diesen Einrichtungen bereits mit begrenzter Arbeitskraft Wunder bewirkt, braucht es nicht viel, um das Ganze über den Haufen zu werfen. Diese Unternehmen haben Gewinne in Milliardenhöhe erwirtschaftet. Und jetzt erzählen sie uns, dass sie diese Krise nicht vorhersehen und ihren Mitarbeitern Schutzausrüstung zur Verfügung stellen konnten? Das ist ungeheuerlich!"

Unterstützung von der Armee

In Ermangelung ausreichender Mittel haben viele europäische Pflegeheime die Armee um Hilfe gerufen. In einer belgischen Einrichtung halfen spezialisierte Militär-Angehörige, die Entvölkerung zu stoppen, nachdem 17 der 128 Bewohner in den ersten Wochen der Krise gestorben waren:

"Zu Beginn gab es nicht die notwendigen Schutzmaßnahmen. Am 7. April testeten wir die gesamte Einrichtung. Und es stellte sich heraus, dass fünfundsiebzig Prozent der Bewohner und 51 Prozent des Personals Covid-positiv waren", erzählt Patrick Smousse, Direktor des Pflegeheims "La Providence Saint Christophe". "Also haben wir das Militär hinzugezogen, um die Bewohner versorgen zu können."

Vorbilder in der Pflege

In seltenen Fällen gelang es Altenheimen, vermehrte Sterbefälle aufgrund von Covid-19 zu vermeiden. Das Vilanova Pflegeheim in der Nähe der Stadt Lyon ist heute in Frankreich berühmt.

"Die Direktorin dieses Pflegeheims und ein großer Teil der Mitarbeiter haben sich mehrere Wochen Tag und Nacht zusammen mit den Bewohnern isoliert. Infolgedessen wurde bisher niemand mit dem Virus angesteckt. Um ihre Bemühungen nicht zu gefährden, filmen wir durch die Fenster", sagt euronews-Reporterin Valérie Gauriat.

Auf die Frage, was sie angesichts der aktuellen Ereignisse davon hält, dass das Personal bei Ihnen eingezogen ist, sagt Bewohnerin Claudia Villard:

"Ich finde alle sehr nett. Für mich sind sie ein bisschen wie Familie. Ich sehe das Personal hin und her gehen, sie kommen, um 'Hallo' zu sagen, dann arbeiten sie weiter. Das macht mich glücklich!"

Am 18. März zog mehr als die Hälfte des Personals mit Sack und Pack sowie Schlafsäcken in die Räumlichkeiten ein. Zusammen mit der Leiterin waren sie entschlossen, die 106 Heimbewohner zu schützen:

"Unsere Bewohner müssen nicht in ihren Zimmern bleiben. So halten sie den sozialen Kontakt zu den anderen Bewohnern. Auch mit uns, da wir sie ständig sehen. Sie fühlen sich nicht verlassen und einsam", so Pflegeheimleiterin Valérie Martin.

Alle sind sich einig: Es war die Mühe wert, auch auf Kosten des persönlichen Lebens: "Ich habe einen zehn Monate alten Sohn. Er ist natürlich zu Hause, die Entwicklungen, die er gerade macht, verpasse ich. Aber für mich ergab es Sinn, mich hier zu isolieren, um die Bewohner und auch meine Familie zu schützen", meint Pflegerin Laura Pomarez.

Über die Erfahrungen dieses Pflegeheims hinaus müssen Lehren aus einer Krise gezogen werden, die so schwere Auswirkungen auf Pflegeheime hat, sagt Valérie Martin:

"Es bedurfte einer weltweiten Katastrophe, damit die Menschen begriffen, was in Pflegeheimen wirklich vor sich geht: fehlende Mittel, Finanzmangel, Personalmangel, die Nichtanerkennung des Berufes. Jetzt müssen Gelder für unsere Senioren freigegeben werden. Sie sind keine Last, die älteren Menschen, sie sind unser Gedächtnis. Also müssen wir sie lieben, sie begleiten. Und vor allem müssen wir ihnen ihr Leben bis zum Schluss angenehm gestalten."

Die kleine Gemeinschaft hat ihren Kampf gewonnen: Nach einer insgesamt siebenwöchigen Isolierung wurden alle Bewohner und Angestellten getestet: Keiner war Covid-19 positiv.