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Ein Vorbild für Europa? Geimpftes Gibraltar wagt die (Wieder-)Öffnung

Gibraltar hat die Mehrzahl seiner Bevölkerung geimpft, der Lockdown wurde beendet
Gibraltar hat die Mehrzahl seiner Bevölkerung geimpft, der Lockdown wurde beendet   -   Copyright  Bernat Armangue/AP
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Gibraltar, die kleine britische Enklave an der Südküste Spaniens, wurde in diesem Winter von der Coronavirus-Pandemie hart getroffen - inzwischen ist sie eine der offensten Orte in Europa geworden.

Die Region ist dicht besiedelt und ständig pendeln Menschen zwischen Gibraltar und Spanien. 4.000 der insgesamt 33.000 Einwohner infzierten sich mit dem Coronavirus, 93 Menschen starben daran.

Die Bevölkerung hat die Impfkampagne tatkräftig unterstützt. Die Regierung rechnet damit bis Ende März alle Einwohner über 16 Jahren geimpft zu haben. Die erfolgreiche Impfkampagne ist größtenteils auf die Lieferungen von Pfizer-BioNTech-Impfstoff aus Großbritannien zurückzuführen.

Die erfolgreiche Impfkampagne bringt auch eine Lockerung der Beschränkungen mit sich- und könnte ein Vorgeschmack auf das sein, was sich Großbritannien erhofft, wenn ein ausreichend hoher Prozentsatz seiner 66 Millionen Einwohner geimpft ist.

"Die Tatsache, dass wir am Abend ausgegangen, schien so surreal"

Die Bürger von Gibraltar können nun wieder mit mehreren Freunden auswärts essen gehen - und auch Alkohol trinken. Derzeit gilt noch eine Ausgangssperre von Mitternacht bis 5 Uhr morgens, diese könnte aber am 25. März vollständig aufgehoben werden, wenn die Zahlen niedrig bleiben.

"Ich habe sofort einen Tisch für ein Abendessen im Piccadilly Gardens gebucht", erzählt der Beamte Jared Negron gegenüber Euronews.

"Ich wollte natürlich mit meinen Bekannten essen gehen. Das Essen, die Atmosphäre und die Tatsache, dass wir am Abend unterwegs waren, schien so surreal."

Er hofft nun auf einen "guten und COVID-freien Sommer", mit vielen geimpften Touristen, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Derzeit können Bürger oder Einwohner von Gibraltar dorthin einreisen, und Menschen, die nachweislich in der Region arbeiten. Es gibt strenge Gesundheitschecks, vor allem für diejenigen, die aus einem Risikogebiet einreisen, sie müssen zudem in Quarantäne.

Das könnte sich alles bald ändern, weil das Gebiet auf die Rückkehr der Touristen hofft.

Da es derzeit nur wenige Beschränkungen gibt, freut sich die Künstlerin Makedonda Shutova auf die Aufhebung einer weiteren: "Ein Schritt, den ich gern gehen würde ist aufzuhören, eine Maske zu tragen. Ich vermisse die schönen Gesichter und das Lächeln der Menschen. Die meisten Masken bestehen nur aus Stoff mit irgendwelchen Filtern, und ich glaube nicht, dass sie irgendeine Wirkung haben, besonders bei dem heißen Wetter."

Ein anderer Beamter, Stuart Greene, erzählt Euronews, dass er mit seiner Familie losgezogen ist, um auswärts zu essen und danach in der Stadt einzukaufen.

"Abgesehen davon, dass wir beim Einkaufen in der Stadt Masken getragen haben, fühlte es sich fast wieder normal an", meint er.

Bernat Armangue/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.
Eine Frau vor einer Bar in Gibraltar, 04.03.2021Bernat Armangue/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.

Operation "Freiheit"

Aber Gibraltars Ringen um die Wiedererlangung der Normalität hat gerade erst begonnen. Es steht immer noch vor vielen Herausforderungen bei der Wiedereröffnung in einer globalisierten Welt mit ungleichem Zugang zu Impfstoffen und dem Auftauchen neuer Virusvarianten.

Gesundheitsministerin Samantha Sacramento hat an Notfallplänen gearbeitet, darunter auch die Auffrischung der Impfungen mit einem Booster.

"Geimpft zu sein ist absolut kein Freibrief, sich maßlos zu verhalten. Aber wir müssen auch wieder ein bisschen menschlicher werden und frische Luft atmen können", sagte die Ministerin in einem Büro auf dem Dach des örtlichen Krankenhauses.

"Es ist die 'Operation Freiheit', aber mit Vorsicht", fügte sie hinzu.

Dieses Gleichgewicht zu finden, kann für ein Territorium, das sowohl mit Spanien als auch mit Großbritannien verbunden ist, knifflig sein. Als britisches Territorium hat Gibraltar fünf Impfstofflieferungen aus London erhalten, hauptsächlich die Impfung von Pfizer-BioNTech. Eine Handvoll Impfungen von AstraZeneca wurde ebenfalls für diejenigen reserviert, die möglicherweise allergisch auf den anderen Impfstoff reagieren.

Die Ausweitung von Gibraltars derzeit begrenzten Flügen von und nach Großbritannien, das ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit seine Impfkampagne voranbringt, könnte theoretisch durch die Anordnung von Tests und Quarantäne bei der Einreise erfolgen. Doch die ansteckende Virusvariante, die zuerst in Großbritannien gefunden wurde, gibt Anlass zur Sorge.

In Spanien haben die Einschränkungen die Coronawelle zum Jahresende eingedämmt, die die öffentlichen Krankenhäuser unter Druck gesetzt hat. Doch wie vielerorts in der Europäischen Union kommt die Impfkampagne nicht so recht voran, die 33 Millionen Einwohner, also 70 Prozent der Bevölkerung, impfen soll.

Die meisten der in Gibraltar ansässigen Menschen sind reisefreudig. Mit einer Fläche von nur 6,7 Quadratkilometern - ein Territorium, das nur ein wenig größer ist als der Vatikan oder Monaco, wobei der Großteil des Territoriums von dem berühmten Felsen dominiert wird - kann sich manchmal klaustrophobisch anfühlen.

"Ich bin jetzt schon seit ein paar Monaten auf dem Felsen, ohne einen Fuß auf Spanien gesetzt zu haben. Das ist ein großer Teil unseres Lebens, über die Grenze zu fahren und jedes Wochenende neue Städte zu besuchen. Darauf freue ich mich am meisten", sagt Christian Segovia, ein 24-jähriger Ingenieur, der bei einer Reederei arbeitet.

Mit über 15.000 vollständig geimpften Menschen und weiteren 11.000, die auf ihre zweite Dosis warten, werden jetzt in Gibraltar jetzt auch Menschen in ihren 20ern geimpft. Menschen, die nicht aus Gibraltar stammen aber regelmäßig ins Land kommen, etwa um im Gesundheitswesen oder in anderen Bereichen zu arbeiten, sind bereits geimpft. Die Behörden versuchen nun, alle übrigen Grenzgänger zu impfen.

Vanesa Olivero pendelt jeden Tag und überquert zu Fuß die Landebahn des Flughafens, die Gibraltar von der spanischen La Línea de la Concepción trennt. Vor der Pandemie machten etwa 15.000 Angestellte täglich diesen Trip, aber wegen der ausbleibenden Touristen sind es nun deutlich weniger.

Die 40-Jährige, die in einem der vielen Duty-Free-Läden in Gibraltar Tabak und Spirituosen verkauft, erklärt, dass sie es kaum abwarten kann, ihre Impfungen zu bekommen. Die Begegnung mit Kunden setze sie täglich der Gefahr aus, sich anzustecken. Sie leidet an Asthma, hat Zuhause zwei Töchter und ältere Verwandte, um die sie sich kümmern muss.

"Sagen Sie mir einfach, wo und wann, und ich werde beide Arme präsentieren", scherzte Olivero. "Ich will, dass das alles vorbei ist, dass ich zur Normalität zurückkehren kann, dass ich eine Umarmung geben kann, einen Kuss geben kann, dass ich mit Freunden etwas trinken gehen kann."

Fußball - mit Fans

Gibraltar hat Impfausweise an vollständig geimpfte Menschen ausgeteilt. Außerdem soll es demnächst eine App geben, die Impfdaten und Testergebnisse speichert. Die Behörden wollen sie bald mit anderen Plattformen verknüpfen, um den internationalen Reiseverkehr zu beleben. Kritiker bemängeln jedoch, dass solche Pässe diejenigen diskriminieren, die keinen Zugang zu Impfstoffen haben, besonders in ärmeren Ländern.

Gino Jiménez, Präsident von Gibraltars Catering Association, hegt einige Zweifel, begrüßt die App aber, wenn sie hilft, ausländische Touristen zurückzuholen. Sein Restaurant, ein beliebter lokaler Treffpunkt für Frühstück und Mittagessen, hält sich an die Gesundheitsrichtlinien und will laut eigener Aussage "diejenigen zurückholen, die noch unsicher sind, ob sie ausgehen können".

"Wir sind eine sehr enge, sehr gesellige Gemeinschaft. Und es gibt nichts Besseres, als mit einer Tasse Kaffee um den Tisch zu sitzen und zu reden", sagte Jiménez, der sich bei der Regierung dafür einsetzt, dass die fast 2.000 Angestellten der Restaurants und Kneipen, die meisten von ihnen Spanier, schnell geimpft werden.

Kellner tragen zwei Masken, die Tische sind für maximal sechs Personen reserviert und es gibt keinen Alkoholausschank am Nachmittag.

Nach der Wiedereröffnung der Schulen, der Verkürzung der nächtlichen Ausgangssperre und der Aufhebung der Maskenpflicht in nicht-kommerziellen Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte, ist das nächste große Ereignis, auf das sich "The Rock" freut, das Fußballspiel Gibraltars gegen die Niederlande am 30. März. Das WM-Qualifikationsspiel wird ein Test für zukünftige Massenveranstaltungen sein, wobei 50 Prozent der Stadionkapazität erlaubt sind und die Fans einen Impfnachweis erbringen müssen.

Die Zeit des Wartens überbrücken die Menschen auf Gibraltar mit ihrer neuen Normalität. Am Chatham Counterguard, einer Verteidigungsbastion aus dem 18. Jahrhundert, die zu einer Kneipenmeile mit Bars und Restaurants umfunktioniert wurde, feiern ein Dutzend Mannschaftskameraden des Collegians Gibraltar Hockey Teams bei einem Pint ihre erste Trainingseinheit seit November.

"Das ist es, was die Normalität ausmacht... mit den Leuten ein Bier trinken zu können", sagte Adrian Hernandez, 51. "Man, habe ich das vermisst!"