Nach einer neuen Welle russischer Drohnen- und Raketenangriffe haben die Streitkräfte der Ukraine Raffinerien und den zentralen Pipeline-Knotenpunkt in Saratow in Russland attackiert. Saratow ist mehr als 1.000 Kilometer von Kyjiw entfernt.
Die russischen Streitkräfte haben in der Nacht zum Sonntag eine neue Serie von Luftangriffen auf die Ukraine gestartet und dabei weit mehr als 200 Angriffsdrohnen eingesetzt. Die meisten konnten abgefangen werden, so die ukrainische Luftwaffe, aber es wurden 14 Drohnen registriert, die an 11 verschiedenen Orten einschlugen.
"Nach vorläufigen Angaben schoss die Luftverteidigung ab 08:30 Uhr 212 feindliche Drohnen der Typen Shahed, Gerbera, Italmas und andere Drohnen im Norden und Osten des Landes ab", so verlautete aus Kyjiw.
Nach Angaben des staatlichen Katastrophenschutzes der Ukraine griffen russische Streitkräfte mit einer Drohne das Gelände eines Unternehmens in der Region Tschernihiw im Norden des Landes an. Dabei wurde ein 58-jähriger Mann getötet. Durch den Angriff brach ein Feuer aus, das 7 Lastwagen zerstörte.
Das Ziel der russischen Luftangriffe war nach Angaben der örtlichen Behörden auch ein weiteres Unternehmen in der Region Riwne, westlich von Kyjiw.
Der Luftangriff auf Dnipro, im Südosten der Ukraine, löste ein Feuer aus. Auch das Lagerhaus eines Logistikunternehmens geriet in Brand. Insgesamt führten russische Truppen nach Angaben der Regionalverwaltung etwa 20 Drohnen- und Artillerieangriffe auf das Gebiet Dnipropetrowsk durch, zwei Menschen wurden verletzt.
Durch die Angriffe wurden ein Kindergarten, eine Arztpraxis, mehrere Wohn- und Privathäuser sowie landwirtschaftliche Gebäude beschädigt, auch auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebs brach ein Feuer aus.
Ukraine bittet um Luftabwehr, IRIS-T aus Deutschland geliefert
Insgesamt hätten die russischen Streitkräfte in dieser Woche mehr als 2.300 Angriffsdrohnen, etwa 1.560 gelenkte Fliegerbomben und 108 Raketen verschiedener Typen auf die Ukraine abgefeuert, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij in den sozialen Medien.
"All diese Angriffe richten sich nur gegen zivile Infrastrukturen - Wohnhäuser, Energieversorgung", so der ukrainische Präsident. Und er wiederholte seinen Aufruf an die westlichen Partner, Kyjiw mit Raketen für Luftabwehrsysteme zu versorgen, um genügend Kapazitäten zum Abfangen russischer Angriffe zu haben.
Nach Angaben von Selensky, hat die Ukraine am Samstag eine IRIS-T Boden-Luft-Rakete aus Deutschland erhalten.
"Wir arbeiten jeden Tag daran, mehr Abwehrmöglichkeiten gegen den russischen Terror zu haben. Gestern haben wir einen neuen IRIS-T-Raketenwerfer erhalten. Wir danken Deutschland für seinen kontinuierlichen Beitrag zum Schutz der Menschen. Tausende und Abertausende von Leben konnten dank dieser starken Unterstützung gerettet werden", erklärte Selenskyj.
"Wir zählen sowohl auf die amerikanischen als auch auf die europäischen Partner. Die ballistische Abwehr ist eine der wichtigsten Prioritäten für die Ukraine", so der ukrainische Präsident weiter. "Eine starke Luftabwehr kann unserer Bevölkerung mehr Schutz bieten und Russland seinen letzten Vorteil nehmen".
Brände in russischen Raffinerien
Unterdessen griffen ukrainische Drohnen erneut Ölinfrastrukturen in verschiedenen Regionen Russlands an.
In der Region Saratow wurde eine Ölraffinerie, eine der größten in der Wolga-Region, getroffen. Die zu Rosneft gehörende Raffinerie verarbeitet rund 7 Millionen Tonnen Öl pro Jahr. Der Gouverneur der Region, Roman Busargin, erklärte, dass bei dem Angriff zivile Infrastrukturen beschädigt wurden, nannte aber keine Einzelheiten.
Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte bestätigte den Angriff und das Feuer in der Raffinerie.
Der Angriff auf die Raffinerie im russischen Saratow wurde von ukrainischer Seite bestätigt.
In der Region Kirow griffen Berichten zufolge ukrainische Drohnen die Produktions- und Lieferstation Lazarevo an, die dem Transit von Öl nach Zentralrussland dient. Der Gouverneur der Region, Alexander Sokolov, berichtete jedoch nur über den morgendlichen Drohnenangriff auf "ein Unternehmen auf dem Gebiet des Bezirks Urzhum", ohne den Namen der Firma zu nennen. Nach Angaben des Gouverneurs brach ein Feuer aus, aber es gebe keine Toten oder Verletzten.
Die ukrainischen Sondereinsatzkräfte bestätigten die Informationen und gaben an, dass sie "einen wichtigen Knotenpunkt der größten Ölpipelines von Sibirien nach Europa getroffen haben".
"Das fast 1.200 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernte Lazarevo LPDS in der Region Kirow ist ein Schlüsselpunkt der Ölpipeline Surgut-Polotsk", so die Agentur. Über sie wird Öl aus Sibirien und Nordrussland zu den Ostseehäfen Primorsk, Ust-Luga und Belarus transportiert.
Die Station ist außerdem mit dem Druschba-Pipelinesystem verbunden.
In der Region Rostow geriet ein Treibstofflager nach einem Drohnenangriff in Brand. Im BezirkMatveevo-Kurgangeriet ein Treibstofflager eines Privatunternehmens, das landwirtschaftliche Erzeuger beliefert, durch herabfallende Drohnentrümmer in Brand, sagte der Gouverneur der Region, Juri Schljusar. Auch eine Apotheke, zwei Geschäfte und ein Auto seien beschädigt worden.
Die ukrainischen Streitkräfte erklärten, sie hätten ein Öllager von Agroprodukt in der Stadt Matveev Kurgan angegriffen - es liegt fast an der Grenze zur Ukraine und beherbergt große Tanks, Straßen- und Eisenbahnverladeterminals.
Die Zerschlagung der gegnerischen Ölraffinerie- und Logistikinfrastruktur verringere die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Gegners, einen Krieg gegen die Ukraine zu führen, betonten die ukrainischen Streitkräfte.
Zuvor hatten westliche Nachrichtenagenturen darauf hingewiesen, dass nach einer Reihe ukrainischer Angriffe fast alle großen Ölraffinerien in Zentralrussland gezwungen seien, ihre Produktion einzustellen oder zu reduzieren.
Lage im Kernkraftwerk Saporischschja
Unterdessen dementierte Kyjiw die Behauptung Russlands, eine ukrainische Drohne habe das von Russland besetzte Kernkraftwerk Saporischschja, das größte in der Ukraine und in Europa, angegriffen.
Das AKW wurde in den ersten Kriegswochen von russischen Streitkräften beschlagnahmt und befindet sich nach wie vor in der Nähe der Frontlinie in der südlichen Region Saporischschja. Es ist eines von vier Kernkraftwerken, die Russland besetzt hält.
Das staatliche russische Atomagentur Rosatom erklärte am Samstag, die Drohne sei explodiert und habe ein Loch in die Wand der Turbinenhalle gesprengt. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Alexej Lichatschow, beschuldigte die Ukraine eines "vorsätzlichen" Angriffs.
Das ukrainische Militär wies diese Behauptung zurück und bezeichnete sie als "einen weiteren Propagandatrick" Russlands und wies darauf hin, dass sie das Kernkraftwerk nicht angegriffen hätten und es nicht ihr Ziel gewesen sei. "Zum Zeitpunkt des Vorfalls gab es an dem betreffenden Abschnitt der Frontlinie keine aktiven Feindseligkeiten, und es wurden keine Waffen eingesetzt", erklärte das ukrainische Militär.
Rafael Grossi, Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde, äußerte sich nach dem Vorfall in einer Veröffentlichung aud X "äußerst besorgt".
Das Kernkraftwerk Saporischschja wurde seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 wiederholt beschossen, was Angst vor einem nuklearen Unglück auslöste.