Bereits wenige Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillstands begannen die Vertriebenen aus dem Süden des Landes in ihre Dörfer zurückzukehren, obwohl die Straßen immer noch gefährlich sind - nach 46 Tagen eines verheerenden Krieges, der weite Teile des Südlibanon betraf.
Als das Waffenstillstandsabkommen zwischen Libanon und Israel in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um Mitternacht (Ortszeit) in Kraft trat, strömten in den frühen Morgenstunden Tausende Vertriebene in ihre Dörfer südlich des Litani-Flusses.
Auf den Hauptstraßen Richtung Süden staute sich der Verkehr – obwohl viele von ihnen völlig unpassierbar waren. Die Szene erinnerte an frühere Kriege, als die Menschen im Süden sehnsüchtig auf den Moment der Rückkehr warteten. Nun sahen sie sich mit einem ähnlichen Bild konfrontiert – allerdings mit noch größeren Zerstörungen und erheblichen Gefahren.
Mitten im Geschehen
Die Kamera von Euronews hielt die ersten Momente der Rückkehr fest. Zwischen den dicht an dicht stehenden Autos und den erschöpften Gesichtern wurde deutlich, wie sehr diese Heimkehr von einem fragilen Waffenstillstand und ungelösten Problemen überschattet ist.
Euronews sprach mit Vertriebenen, die ihre Entschlossenheit betonten, trotz schwieriger Bedingungen, anhaltender Gefahren und warnender Stimmen zurückzukehren – oft nur, um die Überreste ihrer Häuser zu erreichen.
Einige von ihnen warfen den Behörden Nachlässigkeit vor. Zahraa Kanso, Vertriebene aus der Stadt Shihabiyeh im Südlibanon, sagte: "Wir haben uns nie auf den Staat verlassen – deshalb haben wir auch nicht das Gefühl, dass es eine Regierung gibt."
Moussa Alawiyeh, ein Vertriebener aus der Grenzstadt Maroun al-Ras, wandte sich direkt an den Präsidenten: "Wir sind die Bewohner des Grenzgebiets – warum werden wir zum Sündenbock gemacht?"
Wie Alawiyeh beobachtete auch Euronews die Haltung vieler Menschen aus den Grenzdörfern: Sie glauben, dass das Waffenstillstandsabkommen keine Garantie für eine sichere Rückkehr in ihre Häuser bietet.
Riskante Rückkehr
Obwohl viele Menschen unmittelbar nach Inkrafttreten des Waffenstillstands in ihre Dörfer zurückkehrten, blieb der Weg dorthin schwierig. Kontrollpunkte, unterbrochene Verkehrsverbindungen und zerstörte Straßen sowie anhaltende Sicherheitsrisiken machten die Rückkehr zu einer mühsamen und gefährlichen Aufgabe.
Die Qasimiyeh-Brücke, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen dem Norden und dem Süden des Litani-Flusses, wurde bei einem israelischen Angriff teilweise zerstört. Die libanesische Armee teilte mit, dass eine Spezialeinheit gemeinsam mit Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Akteuren mit der Instandsetzung begonnen habe, um die Brücke wieder vollständig nutzbar zu machen.
In der Nähe wurde eine Militäreinheit stationiert, um die Arbeiten zu sichern. Videoaufnahmen zeigen Fahrzeuge und Bulldozer, die Krater beseitigen, die durch den Beschuss entstanden sind.
Noch bevor die Armee eingriff, hatten Anwohner selbst begonnen, die Straße notdürftig freizumachen, teils mit bloßen Händen, um den Verkehr wieder zu ermöglichen.
Auf weiteren Aufnahmen ist zu sehen, wie sich Menschenmengen an der Brücke drängen. Einige Bewohner überqueren sie zu Fuß und weichen dabei Trümmern aus – ein Bild, das die Entschlossenheit vieler zeigt, trotz aller Risiken in ihre Heimat zurückzukehren.
Warnungen und Risiken für die Rückkehrer
Trotz der Entschlossenheit vieler Rückkehrer ist die Heimkehr von Warnungen und realen Gefahren begleitet. Die libanesische Armee rief die Bevölkerung angesichts wiederholter Verletzungen des Waffenstillstands zur Vorsicht auf. Sie verwies auf Angriffe und sporadischen Beschuss durch israelische Streitkräfte in mehreren Dörfern und forderte die Menschen auf, gefährliche Gebiete zu meiden.
Auch die Terrororganisation Hisbollah appellierte am Donnerstagabend an die Vertriebenen aus dem Süden, dem Bekaa-Tal und den südlichen Vororten von Beirut, vorerst abzuwarten. Sie warnte vor möglichen Verstößen gegen das Abkommen und riet davon ab, in potenzielle Zielgebiete zurückzukehren, solange die Lage unklar ist.
Die israelische Armee wiederum warnte die Bewohner des Südlibanons eindringlich davor, sich südlich des Litani-Flusses aufzuhalten. Sie kündigte an, ihre militärische Präsenz fortzusetzen, und begründete dies mit "terroristischen Aktivitäten" der Hisbollah.
Die Risiken gehen jedoch über mögliche Gefechte hinaus. Rückkehrer sehen sich auch mit den Hinterlassenschaften des Krieges konfrontiert: Streubomben, Blindgänger und nicht explodierte Munition, die in der Region verstreut sind, sowie mögliche Belastungen von Boden und Wasser durch schädliche Substanzen.
Eine Realität voller Ungewissheit
Mit der schrittweisen Rückkehr wird das Ausmaß der Zerstörung zunehmend sichtbar. Erste Einschätzungen deuten auf erhebliche Schäden hin. Einem Bericht des Nationalen Rates für Wissenschaftliche Forschung zufolge wurden innerhalb von nur 35 Tagen – zwischen dem 2. März und dem 7. April 2026 – rund 40.000 Wohneinheiten vollständig oder teilweise zerstört. Weitere 37.836 Gebäude wurden schwer beschädigt oder komplett zerstört.
Der Waffenstillstand gilt zudem nicht für alle Gebiete im Südlibanon. Ganze Regionen bleiben außerhalb der fragilen Stabilität. Gleichzeitig ist das Abkommen zeitlich begrenzt: In rund zehn Tagen soll es auslaufen, während politische und praktische Lösungen noch offen sind. Israel hält weiterhin eine etwa zehn Kilometer breite Sicherheitszone auf libanesischem Gebiet aufrecht.
Vor diesem Hintergrund gleicht die Rückkehr für viele einem Schritt ins Ungewisse. Zwischen dem Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, einer instabilen Sicherheitslage und massiver Zerstörung stehen die Menschen im Süden vor einer schwierigen Entscheidung: zurückkehren – trotz aller Risiken – oder die Gefahr in Kauf nehmen, dass Teile des Landes dauerhaft außerhalb staatlicher Kontrolle bleiben.