Die KI-Firma Anthropic sammelt 65 Milliarden Dollar frisches Kapital ein und wird mit 965 Milliarden höher bewertet als OpenAI mit 730 Milliarden.
Das KI-Unternehmen Anthropic hat am Donnerstag mitgeteilt, dass es in einer privaten Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar (55,8 Milliarden Euro) eingesammelt hat. Damit steigt die Bewertung auf 965 Milliarden Dollar (829 Milliarden Euro). Das vor fünf Jahren gegründete Unternehmen hinter dem Chatbot Claude zählt damit zu den weltweit wertvollsten Start-ups und nimmt Kurs auf einen wohl bevorstehenden Börsengang an der Wall Street.
Mit der neuen Bewertung überholt Anthropic seinen Hauptkonkurrenten OpenAI, den Entwickler von ChatGPT, beim Unternehmenswert und beim Umsatz. Anthropic gibt an, aufs Jahr hochgerechnet 47 Milliarden Dollar (40,4 Milliarden Euro) umzusetzen. Das Geld kommt von Kundinnen und Kunden, die Claude nutzen, um Programmcode zu schreiben sowie berufliche und private Aufgaben erledigen zu lassen.
Anthropic entstand 2021, gegründet von früheren Führungskräften von OpenAI. Sowohl Anthropic als auch OpenAI und Elon Musks Raumfahrt- und KI-Unternehmen SpaceX gelten inzwischen als heiße Kandidaten für einen Börsengang. Alle drei Unternehmen schreiben jedoch weiterhin Verluste, was die Sorge vor einer neuen KI-Blase schürt.
Anthropic mit Sitz in San Francisco erklärte, die neue Runde werde von den Investmentfirmen Altimeter Capital, Dragoneer Investment Group, Greenoaks Capital und Sequoia Capital angeführt.
„Das frische Kapital hilft uns, die historisch hohe Nachfrage zu bedienen, an der Spitze der Forschung zu bleiben und Claude in noch mehr Arbeitsumgebungen zu bringen“, erklärte Finanzchef Krishna Rao in einer Mitteilung.
Ebenfalls am Donnerstag stellte Anthropic sein neuestes KI-Modell vor, Claude Opus 4.8. Der Konzern betont, die Version sei beim Programmieren und bei anderen professionellen Aufgaben noch leistungsfähiger als frühere Modelle.
Das schnelle Wachstum von Anthropic und die wachsende Popularität von Claude setzen OpenAI trotz dessen frühen Vorsprungs unter Druck. ChatGPT hatte den kommerziellen KI-Boom überhaupt erst ausgelöst und den Namen weltweit bekannt gemacht.
OpenAI hatte zuletzt im März eine anvisierte Bewertung von 852 Milliarden Dollar (732 Milliarden Euro) gemeldet, nach einer Finanzierungsrunde über 122 Milliarden Dollar (104,8 Milliarden Euro). SpaceX wurde im vergangenen Jahr mit 800 Milliarden Dollar (680 Milliarden Euro) bewertet; nach der Fusion des Raumfahrtunternehmens mit Musks Firma xAI im Februar stieg der Wert auf 1,25 Billionen Dollar (1,06 Billionen Euro).
Musk hat vor Kurzem Pläne für einen der größten Aktienverkäufe aller Zeiten präsentiert und kann das Angebot bereits ab kommender Woche Investoren vorstellen.
OpenAI räumte zudem ein wichtiges Hindernis auf dem Weg an die Börse aus dem Weg: Ein Bundesgericht wies in der vergangenen Woche eine Klage von Musk ab, der Mitgründer und früher Geldgeber von OpenAI ist. Eine Geschworenenjury hatte wochenlang verhandelt, ob das Unternehmen seine ursprüngliche, gemeinnützige Zielsetzung verraten habe. Musk kündigte an, gegen die Entscheidung in Berufung zu gehen.
Trotz des jüngsten Erfolgs musste Anthropic in diesem Jahr auch Rückschläge einstecken. Besonders heftig fällt ein Rechtsstreit mit der Regierung von Präsident Donald Trump aus. Im Kern geht es darum, wie KI-Systeme wie Claude im Krieg eingesetzt werden dürfen.
Trump ordnete im Februar an, dass alle US-Behörden Claude nicht länger nutzen dürfen. Verteidigungsminister Pete Hegseth stufte das Unternehmen nach einem ungewöhnlich offenen Schlagabtausch zwischen dem Pentagon und CEO Dario Amodei als Risiko für die Lieferkette ein. Anthropic zog vor Gericht; der Streit beschäftigt noch zwei Bundesgerichte.
Parallel dazu verhandelt Anthropic mit dem Weißen Haus über die Cyber-Sicherheitsfunktionen und Risiken seines bislang leistungsstärksten Modells Mythos, das der breiten Öffentlichkeit noch nicht frei zur Verfügung steht.
Zudem spielte Anthropic im Vatikan eine wichtige Rolle, bevor Papst Leo XIV. am Montag zu einer strengen Regulierung von KI aufrief und Entwickler dazu mahnte, am Gemeinwohl statt nur am Profit orientiert zu arbeiten.
In dem Grundsatzdokument „Magnifica Humanitas“ („Großartige Menschheit“), der ersten Enzyklika Leos, prangerte der Papst immer wieder die gefährliche Konzentration von Macht und Daten in den Händen weniger privater Akteure an.