Wer sein Team anfeuert, treibt den Puls oft so hoch, als würde er selbst sprinten – für manche Fans kann das sogar zum ernsten Gesundheitsrisiko werden.
Zum Start der Weltmeisterschaft warnen Kardiologinnen und Kardiologen Fans mit bestehenden Herzproblemen: Die emotionale Belastung der Spiele kann das Herz-Kreislauf-System stark beanspruchen.
„Intensive Emotionen, ob positiv oder negativ, können als auslösende Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Ereignisse wie einen Herzinfarkt wirken“, sagte die Kardiologin und European-Heart-Network-Vorständin Paola Santalucia gegenüber Euronews Health.
Starke emotionale Aufregung, etwa die leidenschaftliche Freude über den Einzug der eigenen Nationalmannschaft in die nächste Runde oder ein nervenaufreibendes Elfmeterschießen, kann für Menschen mit bekannter Herzerkrankung gefährlich werden, erklärte Santalucia.
Auch Menschen mit anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Adipositas oder Raucherinnen und Raucher sollten bei hoch emotionalen Partien besonders vorsichtig sein, fügte sie hinzu.
Starke Erregung lässt Herzfrequenz, Blutdruck und Stresshormone wie Cortisol ansteigen. In manchen Fällen rast das Herz mit bis zu 150 Schlägen pro Minute – vergleichbar mit einem Sprint.
Das zeigt eine jüngst veröffentlichte, auf Wearables basierende Studie, die (Quelle auf Englisch) Herzfrequenz und Stresslevel während des Finales des deutschen Pokals 2025 erfasste und die Daten mit Messungen an normalen Tagen über einen zwölfwöchigen Zeitraum verglich.
„Den größten Effekt sehen wir bei Fans, die das Spiel im Stadion live verfolgen und dabei Bier trinken“, sagte Christian Deutscher, Professor für Sportökonomie an der Universität Bielefeld und Mitautor der Studie. Hitze könne die Belastung zusätzlich erhöhen, erklärte er Euronews Health.
Auch Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause zeigten messbare körperliche Reaktionen. „Ihr Puls stieg trotzdem auf Werte, die mit einem Spaziergang vergleichbar sind, obwohl sie sich gar nicht bewegt haben“, sagte er.
Deutscher betonte, dass die intensivsten körperlichen Reaktionen nicht unbedingt bei Toren auftreten, sondern in Momenten der Ungewissheit: bei Elfmeterschießen, VAR-Überprüfungen oder wenn ein Schuss nur den Pfosten trifft.
„Diese unsicheren Momente sind es, auf die wir als Fans hinfiebern, und wir erwarten, dass sie unsere Vitalwerte am stärksten beeinflussen“, so Deutscher. Er und sein Team sammeln derzeit Daten von Fans in einer Folgestudie (Quelle auf Englisch) während der laufenden Weltmeisterschaft.
Fußball ist nicht schuld
Das Problem ist nicht der Fußball selbst, sondern die Reaktion des Körpers auf starke Gefühle.
„Die adrenerge Stimulation ist dann maximal: extrem hoher Blutdruck, hoher Puls, Adrenalin und Cortisol schießen in die Höhe – das ist eine bekannte Situation für ein akutes Ereignis“, sagte Dan Atar, Kardiologieprofessor am Universitätskrankenhaus Oslo in Norwegen, Euronews Health.
Bei „einigen wenigen unglücklichen Betroffenen“ kann eine solche Reaktion das Aufbrechen einer bereits bestehenden atherosklerotischen Plaque auslösen – Ablagerungen an der Arterienwand. Das führt dann zu einem Herzinfarkt.
Atar betonte, dass das jederzeit und überall passieren kann. In Norwegen etwa erleiden Menschen Herzinfarkte, wenn sie frühmorgens Schnee schaufeln – auch das löst eine starke adrenerge Stimulation aus.
„Es ist in keiner Weise gefährlich, ein Fußballspiel anzuschauen“, beruhigte er. „All das sind normale physiologische Reaktionen. Es ist nicht gefährlich, sich zu begeistern.“
Gleichzeitig räumte Atar ein, dass die Kombination aus emotionalem Stress, Alkoholkonsum, Hitze und bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Risiko erhöht, dass doch etwas Unerwünschtes passiert.
Um solche Situationen zu vermeiden, riet Santalucia Menschen mit höherem Risiko, ihre verordneten Medikamente konsequent einzunehmen, übermäßigen Alkoholkonsum, Rauchen und aufputschende Substanzen zu meiden und Warnzeichen wie Brustschmerzen, Luftnot oder einen sehr schnellen oder unregelmäßigen Herzschlag ernst zu nehmen.
„Die zentrale Botschaft lautet nicht, auf den Fußballabend zu verzichten“, sagte sie. „Entscheidend ist, das Spiel mit Maß und Bewusstsein zu genießen – besonders für alle, die bereits ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko haben.“