Wie weit Chinas Militär bei KI wirklich ist, bleibt unklar – trotz Schauvorführungen mit autonomen Drohnen, KI-Waffensystemen und „Roboterhunden“, sagen Experten Euronews.
China baut Künstliche Intelligenz (KI) umfassend in seine Streitkräfte ein. Damit will das Land Kommunikation, elektronische Störmaßnahmen und Kampfeinsätze grundlegend verändern, berichten chinesische Medien.
Demnach treibt Peking eine „AI-Plus“-Strategie voran: Neue Technologien sollen in Systeme der elektronischen Kriegsführung integriert werden, um gegnerische Störsender zu täuschen, schreibt die South China Morning Post (SCMP) (Quelle auf Englisch) in einem Bericht von Anfang des Monats.
KI soll chinesischen Forschern helfen, vorauszuberechnen, wie sich Drohnen in bis zu 5.000 Kilometer Entfernung stören lassen – ohne Satelliten. Das wäre laut Bericht besonders in Zeiten von Sonnenstürmen oder bei gegnerischen Elektronikangriffen von Vorteil.
China nutzt KI dem Bericht zufolge auch, um Funkverbindungen in Luft und See zu simulieren. So ließe sich eine unmittelbare Kommunikation zwischen Drohnen und U-Booten aufbauen, berichtet die SCMP.
China und die Vereinigten Staaten gelten als wichtigste Rivalen im Wettlauf darum, KI in allen Bereichen einzusetzen – auch im Militär.
Euronews Next fasst zusammen, was über Chinas Pläne für eine KI-gestützte Armee bislang bekannt ist.
„Xi sieht KI als Schlüssel zur globalen Machtrolle“
Im Jahr 2017 veröffentlichte China einen Entwicklungsplan für die nächste Generation der KI. Darin formuliert die Regierung das Ziel, bis 2030 „weltführend in Theorie, Technologie und Anwendung der Künstlichen Intelligenz“ zu werden.
Zwei Jahre später folgte eine neue Militärstrategie. Darin heißt es, Kriege entwickelten sich hin zu „informationisierter Kriegsführung“, und „intelligente Kriegsführung“ zeichne sich bereits ab. Mehrere Technologien, darunter KI, würden im internationalen militärischen Wettbewerb „an Fahrt gewinnen“.
Noch deutlicher wurde dieser Kurs in einer Rede im Jahr 2022 (Quelle auf Englisch) von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Er rief die Volksbefreiungsarmee (PLA) dazu auf, die „Merkmale der informationisierten und intelligenten Kriegsführung“ zu verstehen und „unbemannte, intelligente Kampffähigkeiten“ aufzubauen.
Die PLA spricht von „intelligenter Kriegsführung“. Damit meint sie laut Frank O’Donnell, Seniorforschungsberater beim Asia-Pacific Leadership Network (APLN), einen systematischen Ansatz: KI, Robotik und unbemannte Systeme sollen in Waffensysteme und in die militärische Entscheidungsfindung einfließen.
„Xi selbst ist überzeugt, dass gerade KI der Schlüssel zu globalem Machtstatus im 21. Jahrhundert ist“, sagte O’Donnell Euronews Next.
Mehrere Beiträge in der Militärzeitung PLA Daily beschreiben Chinas Ziel, ein Mensch-KI-Modell zu entwickeln. Danach gibt ein Befehlshaber die Absicht vor, und ein KI-System setzt diese in konkrete Befehle um, heißt es in einem Bericht (Quelle auf Englisch) der amerikanischen Denkfabrik Foundation for Defence of Democracies (FDD).
In einem solchen Modell würden die Systeme „wie digitale Stabsoffiziere“ agieren. Sie würden Aufgaben verteilen und Einsätze in Echtzeit koordinieren, so der Bericht.
Vollautonome Waffen sieht O’Donnell für China eher nicht als Endpunkt. Die Regierung betone immer wieder, dass Menschen die Kontrolle behalten müssten.
„Schwer zu beurteilen, wie weit China ist“
Wie weit China bei der Integration von KI in seine Streitkräfte tatsächlich ist, lässt sich kaum seriös einschätzen, so O’Donnell. Verlässliche öffentliche Informationen sind rar.
China hat einige autonome Drohnen präsentiert, die sich untereinander abstimmen und Angriffsentscheidungen treffen können, sagte er. Ziel sei es, gegnerische Sensorsysteme zu überlasten.
Die Öffentlichkeit bekam die neuesten Drohnen bei der Siegesparade im vergangenen Jahr zu sehen. Bei dieser jährlichen Schau demonstriert Peking seine militärische Stärke.
Sam Bresnick, Research Fellow an der Georgetown University in den Vereinigten Staaten, verweist darauf, dass Kommentatoren im Staatsfernsehen die Drohnen als KI-gestützt bezeichneten. Unklar bleibe jedoch, über welche Fähigkeiten sie tatsächlich verfügen.
„Bedeutet das, dass sie Ziele eigenständig auswählen? Treffen sie selbst die Entscheidung, Menschen anzugreifen? Oder können sie lediglich autonom zu bestimmten Orten navigieren?“, fragte Bresnick.
Die Präsentation möglicher KI-Drohnen zeige, wie leicht China „Hunderte dieser Systeme produzieren kann, weil das Land über eine sehr starke industrielle Basis verfügt“, sagte O’Donnell.
„Solche Drohnenschwärme sind eine gute Möglichkeit, Fähigkeiten beeindruckend in Szene zu setzen – bei relativ geringem Risiko eines Fehlschlags“, so O’Donnell weiter.
China dehnt den KI-Einsatz offenbar auch auf die Marine aus, ergänzte er. Die PLA präsentierte 2025 ein KI-gestütztes Entscheidungssystem, das die Tarnung einer Lenkwaffenfregatte – eines Kriegsschiffs zum Schutz anderer Einheiten – verbessern sollte.
Berichten zufolge hat China zudem „Roboterhunde“ entwickelt, die sich möglicherweise ohne menschliche Hilfe bewegen können. Bresnick bezweifelt jedoch, wie belastbar diese Technik ist.
„Ich messe diesen Videos kaum Bedeutung bei, weil sie in völlig kontrollierten Umgebungen entstehen“, sagte er. „Wir wissen nicht, ob der Roboter nicht doch von Menschen außerhalb des Bildes gesteuert wird.“
Wahrscheinlich arbeitet die PLA an deutlich mehr KI-Technologien, zu denen weder O’Donnell noch Bresnick Zugang haben.
„Es geht darum, Entscheidungs-, Sensor- und Kommunikationssysteme auszubauen und KI überall dort einzubetten“, erklärte O’Donnell. Ziel sei, dass die gesamten Streitkräfte schneller reagieren und den Gegner zugleich überfordern und verwirren können. „Es ist schwer zu beurteilen, wie weit China damit schon ist.“
Beschaffungsunterlagen der PLA zeigen laut Bresnick, dass das Militär auch große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) nutzen möchte – etwa um Verwaltungsprozesse zu automatisieren oder Kommandeure bei Entscheidungen zu unterstützen.
Es gebe zudem Hinweise, dass die PLA öffentliche Modelle wie DeepSeek in ihre Abläufe einbinden will, fügte er hinzu.
Wo Chinas KI-Aufrüstung Lücken zeigt
China rechnet wie die Vereinigten Staaten damit, dass ein möglicher künftiger Konflikt zwischen beiden Staaten „sehr schnell“ eskalieren könnte, sagte O’Donnell. Derjenige, der KI am umfassendsten nutze, hätte dann einen entscheidenden Vorteil.
Deshalb gehe China mit großem Tempo daran, KI in allen Teilstreitkräften einzuführen.
Allerdings hat China seine KI-gestützten Waffensysteme bislang nicht in echten Gefechten erprobt, sondern nur in Gefechtssimulationen, betonten O’Donnell und Bresnick. Im Vergleich zu US-Systemen seien die chinesischen Erfahrungen daher weniger realitätsnah.
„Die chinesischen Streitkräfte haben seit 1979 keinen Krieg mehr geführt“, sagte Bresnick. „Gemessen an internationalen Maßstäben ist das Militär sehr unerfahren.“
Bresnick zufolge interessiert sich die PLA auch für KI-gestützte Technologien der erweiterten und virtuellen Realität (Augmented Reality, AR, und Virtual Reality, VR), um Soldatinnen und Soldaten zu trainieren.
Hinzu kommt laut O’Donnell ein Mangel an KI-Infrastruktur. China fehlen Halbleiterchips und Hochleistungssysteme, die für den Aufbau komplexer KI-Waffensysteme nötig sind.
Zwar betonen Unternehmen wie Huawei, Alibaba Group, Baidu oder Xiaomi, sie entwickelten inzwischen KI-Modelle auf Basis in China produzierter Chips. Doch im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo der Branchenriese Nvidia sitzt, sieht O’Donnell weiterhin einen deutlichen technologischen Rückstand.