Euronews Next hat mit Taiwans Vizeaußenminister Wu Chih-chung exklusiv über den „Silicon Shield“ und die gefährlich wachsenden Spannungen gesprochen.
Für viele Europäer wirkt Taiwan weit entfernt, doch ein chinesischer Machtzugriff auf die Insel würde Schockwellen von Washington bis Tokio auslösen, sagte Taiwans Vizeaußenminister François Chih-chung Wu im Gespräch mit Euronews Next.
„Wenn China Taiwan angreift, trifft das Frankreich, Europa, die Vereinigten Staaten und Japan gleichermaßen. Taiwan gerät in eine schreckliche Lage – aber Sie auch“, warnte er.
Wu widerspricht dem chinesischen Anspruch, Taiwan gehöre seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 zum Staatsgebiet der Volksrepublik. Peking hat nie ausgeschlossen, die selbstverwaltete Insel mit Gewalt unter Kontrolle zu bringen. Die Führung erkennt Taiwan nicht als souveränen Staat an und besteht international auf der Bezeichnung „Chinesisches Taipeh“. Sie soll den Standpunkt untermauern, es gebe nur „ein China“ und Taiwan sei Teil davon.
Taiwan selbst trägt offiziell den Namen Republik China – ein Erbe jener Regierung, die nach ihrer Niederlage gegen die kommunistischen Truppen Mao Zedongs auf die Insel floh.
Die Geschichte Taiwans ist weit komplexer als das Narrativ, die Insel sei seit jeher Teil Chinas, betont Wu. Im Lauf der Zeit herrschten dort unter anderem die Niederländer, die Spanier, das Qing-Reich und Japan.
Die Qing-Dynastie verwaltete Teile Taiwans über mehr als 100 Jahre. Wirkliche Bedeutung maß sie der Insel aber nur von 1885 bis 1894 bei, als sie Taiwan zur Provinz erhob – gerade einmal zehn Jahre ernsthaften strategischen Interesses, die die heutigen chinesischen Behauptungen dauerhafter Souveränität infrage stellen.
„China war dort nicht das einzige Land“, sagt er. Diese Geschichte könne Pekings Ansprüche nicht rechtfertigen.
Inzwischen hat die Insel eine technologische Spitzenstellung aufgebaut, von der die Welt abhängt. Vor allem der Konzern Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) fertigt mehr als 90 % der weltweit modernsten Halbleiterchips.
Diese Technologie ist unverzichtbar für künstliche Intelligenz, Hochleistungsrechner, Smartphones und militärische Systeme.
Taiwans Silizium-Schutzschild
Nvidias Chef Jensen Huang nannte Taiwan in der vergangenen Woche „die beste Lieferkette der Welt“ und das „Epizentrum der KI-Revolution“.
Die USA und andere Staaten versuchen zwar, die Chipproduktion ins eigene Land zu holen. Doch sie werden Taiwan auf absehbare Zeit nicht einholen. Die nötige Präzisionsfertigung erlernt man über Jahrzehnte, Taiwan baut diese Fähigkeiten seit den 1970er-Jahren auf.
„Rund 70 % aller Halbleiter entstehen in Taiwan, dazu 95 % der modernsten Chips und 100 % der für künstliche Intelligenz bestimmten Chips“, sagte Wu.
„Auf einem Quadratzentimeter Halbleiter, kaum größer als eine Fingerspitze, bringen taiwanische Ingenieure mehr als zehn Milliarden Schaltkreise unter. Das ist unser Know-how. Wir sind bereit, es mit demokratischen Staaten zu teilen – auch im Interesse der gesamten Menschheit“, fügte er hinzu.
Wu sagte, dass mehr als 60.000 Container durch die Taiwanstraße fahren, die 180 Kilometer breite Meerenge zwischen der Insel Taiwan und dem asiatischen Kontinent. Das seien schätzungsweise drei Mal so viele Container wie durch den Panama- und den Suezkanal.
„Man kann sich vorstellen, welche Schäden ein chinesischer Angriff auf Taiwan oder auch nur eine Blockade um die Insel für die Interessen der Welt anrichten würde“, sagte er.
Die Stabilität der Region sei deshalb eine „globale Verantwortung“, so Wu. Taiwan mache sich jedoch keine Illusionen.
„Warum sollte Frankreich die Taiwaner schützen? Wir waren nie ein französisches Land; warum sollte Frankreich das tun? Aber Frankreich hat sehr wichtige Interessen in der Region und ist ein indo-pazifisches Land“, sagte er und fügte hinzu, dass das Gleiche für den Rest Europas gelte.
Auch Taiwan hat starke Interessen in Europa. Die hochentwickelten Photolithografie-Anlagen für die Chipproduktion kommen aus den Niederlanden, die Präzisionsoptik von Zeiss aus Deutschland, die Industriegase von Air Liquide aus Frankreich und die Chip-Designwerkzeuge vom Forschungszentrum IMEC im belgischen Leuven.
„Ganz Europa steckt in diesem einen Quadratzentimeter Silizium“, sagte er.
Gleichzeitig kooperieren taiwanische Unternehmen zunehmend mit Partnern in Europa oder starten dort neue Projekte. Jüngst haben der taiwanische Konzern Foxconn und das französische Unternehmen Thales eine Partnerschaft für Halbleiter und Weltraum-Rechenzentren geschlossen.
Mit der wachsenden Attraktivität Taiwans für internationale Partner nehme jedoch auch Chinas Nervosität zu, argumentiert Wu. „China spürt, dass es Taiwan verliert – und versucht deshalb mit allen verfügbaren Mitteln, es sich zurückzuholen“, sagte er. „Im chinesischen Denken gilt: einmal chinesisch, immer chinesisch. Das ist ein großes Problem.“
Trotz der Spannungen boomt Taiwans Wirtschaft. Nach von Bloomberg zusammengestellten Daten hat der Aktienmarkt des Landes in diesem Jahr den von Deutschland und Frankreich überholt.
„Angst ist in gewisser Weise nichts Schlechtes“, reflektiert der Diplomat. „Weil wir Angst haben, bereiten wir uns vor. China bedroht Taiwan seit 70 Jahren, und trotzdem haben wir eine Demokratie aufgebaut und Wohlstand erreicht“, sagte Wu.
Auf die Frage nach dem Gipfel im Mai zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping, bei dem Xi Medienberichten zufolge Chinas Anspruch auf Taiwan bekräftigte, sagte Wu, „für uns hat sich an der amerikanischen Politik überhaupt nichts geändert“ und dass nach dem Treffen der Vorsitzende des Repräsentantenhauses umgehend die Unterstützung der USA für die Insel zugesichert habe.
Verbindung nach Europa
Die USA gehören zwar zu Taiwans wichtigsten Verbündeten, doch auch Europa spielt für das Land eine große Rolle.
„Ich glaube, die Europäer beginnen zu erkennen, dass wir China nicht erlauben dürfen, unsere Freunde auszusuchen“, sagte er.
„Europa hat selbstverständlich das Recht, seine Freunde selbst zu wählen, und Freundschaften setzen nicht zwingend formelle diplomatische Beziehungen voraus.“
Zugleich räumte er ein, wie schwer es ist, Beziehungen nach Europa aufzubauen, und sagte: „China tut alles, um uns zu blockieren.“
„Ein so wichtiges Land wie Taiwan müsste eigentlich die Möglichkeit haben, mit Ihnen auf normale Weise über alle wichtigen Fragen zu sprechen. Das können wir nicht, und genau deshalb ist es schwierig.
Aber wenn wir uns die Ergebnisse ansehen, gibt es doch immer mehr Gelegenheiten für Taiwan und Europa, Dinge auf diskrete Weise zu besprechen. Das verdanken wir auch menschlicher Kreativität – wir können uns alle möglichen Formeln ausdenken, um zusammenzuarbeiten“, fügte er hinzu.
Er betonte: „Taiwan muss seine Unabhängigkeit nicht ausrufen“, und es sei nicht Hongkong, denn es habe eine eigene Armee und eine eigene Außenpolitik.
„Wir sind gezwungen, eine sehr schwierige Balance zu halten: Auf der einen Seite verteidigen wir unsere Demokratie und unsere Lebensweise, auf der anderen Seite dürfen wir China nicht zu weit provozieren, und wir müssen uns in einer Welt zurechtfinden, die selbst im Versuch der Neutralität am Ende neutral zugunsten Chinas ist.“
Wu fordert Europa jedoch nicht auf, für Taiwan in den Krieg zu ziehen. Er bittet um Freundschaft.
„Wenn man heiratet, fragt man den Partner auch nicht, ob er bereit ist, für einen zu sterben. Man baut eine Beziehung auf. Man arbeitet zusammen. Und daraus wächst eine natürliche Stärke“, sagte er.
„Gerade jetzt entsteht eine taiwanische Geschichte, und ich glaube sehr an die Widerstandskraft Taiwans.“