Bei Bauarbeiten auf dem Marineflugplatz Nordholz an der Nordsee machten Arbeiter einen überraschenden Fund: Bei Baggerarbeiten entdeckten sie ein nahezu vollständig erhaltenes Panzerfahrzeug aus dem 2. Weltkrieg. Das 29 Tonnen schwere Sturmgeschütz des Typs StuG III lag 80 Jahre im Sand verborgen.
Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben werden bei derartigen Funden meist nur einzelne Überreste oder Fahrzeugteile entdeckt. In diesem Fall aber stießen die Arbeiter jedoch auf ein nahezu vollständig erhaltenes Sturmgeschütz – ein seltenes Relikt aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in Nordwestdeutschland.
Bei dem Fund handelt es sich um ein Sturmgeschütz des Typs StuG III, eines der am häufigsten produzierten Kettenfahrzeuge der Wehrmacht. Im Gegensatz zu klassischen Panzern verfügte das Fahrzeug nicht über einen drehbaren Turm. Stattdessen war die Kanone fest nach vorn ausgerichtet, sodass zum Zielen jeweils das gesamte Fahrzeug bewegt werden musste.
Dr. Andreas Hüser, Leiter der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven, sagte Euronews, dass es sich bei dem Objekt "schlicht" um ein Sturmgeschütz des Zweiten Weltkriegs handelt: "Es war das am häufigsten gebaute Vollkettenfahrzeug der damaligen Zeit."
Der Rüstungskonzern Rheinmetall stellte damals mehr als 9.300 Exemplare her. Die Produktion lief bis in die letzten Kriegswochen und endete erst im April 1945. Eingesetzt wurden die Sturmgeschütze vor allem zur Bekämpfung feindlicher Panzer.
Als Bodenfund schließen sich für Dr. Hüser jedoch noch mehr Fragen an: "Der Erhaltungszustand ist sehr gut, Daran können viele Details nachvollzogen werden. Was können wir über die Besatzung herausfinden? Das Fahrzeug wurde nach Kriegsende im Erdboden entsorgt, das an sich ist schon beachtlich, wenn auch nicht ungewöhnlich."
Die Archäologische Denkmalpflege Cuxhaven beschäftigt sich mit Spuren der Menschen seit der Altsteinzeit und betrachtet unterdessen auch Relikte der jüngeren Vergangenheit aus archäologischer Sicht. Dr. Hüser: "Natürlich gibt es noch Augenzeugenberichte, aber vieles ist unterdessen aber auch schon in Vergessenheit geraten. Insofern interessieren wir uns bei dem Sturmgeschütz nicht nur um den Fund allein, sondern auch um das Fundumfeld. Wo auf dem Gelände des Militärflugplatzes wurde es vergraben? wurde das StuG zuvor noch "ausgeschlachtet"? Gibt es Spuren der Entsorgung? Was erzählen uns Abnutzungsspuren und auch weitere Funde aus dem Umfeld?"
Das entdeckte Fahrzeug gehörte einer in Nordholz stationierten Brigade, die überwiegend in Frankreich eingesetzt war. Ob das Sturmgeschütz selbst ebenfalls dort zum Einsatz kam, lässt sich bislang nicht eindeutig nachweisen. Nach Einschätzung der Experten war das Fahrzeug jedoch über einen längeren Zeitraum im Einsatz. Darauf deuten mindestens 17 weiße Markierungen am Kanonenrohr hin. Solche Kennzeichnungen wurden nach Angaben der Archäologen vermutlich für jeden abgeschossenen gegnerischen Panzer angebracht.
Vier Soldaten Besatzung: "Bedrückend eng"
Das Fahrzeug lässt sich problemlos öffnen, betont Archäologe Hüser: "Der Blick ins Innere ist sehr eindrucksvoll." Der Fahrersitz ist erhalten, ebenso wie die Vorrichtungen für die Kanone. "Es ist schon bedrückend eng."
Die Besatzung des Sturmgeschützes bestand aus vier Soldaten. Während der Fahrer im vorderen Bereich des Fahrzeugs saß, bediente ein weiterer Soldat die Kanone. Der Kommandant koordinierte den Einsatz und gab den Feuerbefehl, während ein vierter Mann die Aufgabe hatte, die Waffe nachzuladen.
Nach Einschätzung der Experten wurde das Sturmgeschütz kurz nach Kriegsende von den Alliierten zusammen mit weiterem Militärmaterial verscharrt. Bei den Grabungen kamen außerdem Munitionsreste und kleinere Granatensplitter ans Licht.
Dr. Hüser betont, dass das Thema Krieg kein aktuelles Phänomen ist: "Das können wir bis in prähistorische Zeiten zurückverfolgen. Technische Weiterentwicklungen bei der Bewaffnung sind dabei ein immer wieder festzustellendes Element. Auf der anderen Seite sind aber aus das mit Krieg verbundene menschliche Elend, teils tödliche Verletzungen und ähnliches aufzuführen. In letzter Konsequenz steht das StuG III aus Nordholz in dieser "Tradition".
Da das Fahrzeug am Rand einer Böschung in trockenem Sand lag, blieb es außergewöhnlich gut erhalten. An mehreren Stellen sind noch Reste der ursprünglichen Tarnlackierung zu erkennen, und Teile des Fahrwerks wirken trotz der jahrzehntelangen Lagerung im Boden nahezu unversehrt.
Dr. Hüser: "Nicht nur aus archäologischer Sicht, sondern auch allein aus dem Umstand, dass das Fahrzeug nahezu vollständig ist, ist der Fund ein wichtiger. Solche gepanzerten Fahrzeuge sind in dieser Vollständigkeit sonst eine Seltenheit."
Im August soll das Sturmgeschütz nach Munster in der Lüneburger Heide gebracht werden, wo Spezialisten es konservatorisch sichern und aufarbeiten. Anschließend ist geplant, das Fahrzeug an das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden zu übergeben. Dort kann es dann besichtigt werden.