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Masih Alinejad über Islamisten: "Europa ist zum Jagdgebiet für Terroristen geworden"

Masih Alinejad in Berlin, 28.07.2026
Masih Alinejad in Berlin, 28.07.2026 Copyright  Donogh McCabe/Euronews
Copyright Donogh McCabe/Euronews
Von Laura Fleischmann & Donogh McCabe
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Die iranisch-amerikanische Aktivistin Masih Alinejad bezeichnet den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) am vergangenen als "Weckruf" für Europa. Es müsse seine Schwäche im Umgang mit islamistischem Terrorismus zu überwinden, so Alinejad zu Euronews.

Euronews: Dieses Wochenende ist ein Islamist mit einem Fahrzeug in eine Menschengruppe gefahren. Eine Person wurde getötet, 31 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Was denken Sie über den Anschlag?

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Alinejad: Es ist für mich als Überlebende eines islamistischen Terroranschlags zutiefst erschütternd. Zu sehen, dass Islamisten inzwischen auch hier im Herzen Europas, in Berlin, so leicht die Freiheit angreifen können. Denn das ist die Realität, der wir uns stellen müssen, wenn wir den Islamismus nicht bekämpfen. Wenn wir ihn gewähren lassen, kann sich dieser Krebs ausbreiten und letztlich Freiheit und Demokratie überall zerstören.

Für mich ist es kaum zu ertragen, dass einige westliche Politiker noch immer zögern, das Problem beim Namen zu nennen. Zunächst einmal sollten sie klar von islamistischem Terrorismus sprechen. [...] Die Frau, die hier im Herzen Europas getötet wurde, starb, weil sie Freiheit feierte. Das sollte für Europa ein Alarmzeichen und ein Weckruf sein, seine Schwäche im Umgang mit islamistischem Terrorismus zu überwinden.

Euronews: Der mutmaßliche islamistische Terrorist Abdul B. ist in Deutschland aufgewachsen und hat sich in den vergangenen Jahren radikalisiert. Was glauben Sie, bringt Menschen dazu, sich zu radikalisieren?

Alinejad: Politische Korrektheit. Ich selbst habe drei Attentatsversuche überlebt. Die Attentäter wurden von der Islamischen Republik beauftragt, mich vor meinem Haus in Brooklyn zu ermorden. Sie sollten mich auch an der Fairfield University töten, wo ich einen Vortrag halten wollte. Und hier in Berlin stehe ich rund um die Uhr unter Polizeischutz. Warum?

Weil Islamisten nicht ausgegrenzt werden – stattdessen werden oft wir zum Schweigen gebracht, von manchen Organisationen und Politikern. Warum? Weil sie glauben, dass wir Islamfeindlichkeit fördern würden, wenn wir über die systematische Gewalt des Islamismus sprechen. [...] Wenn Sie diejenigen zum Schweigen bringen, die davor warnen, dann schaffen Sie ein Vakuum. Islamisten nutzen die Zeit, um junge Menschen zu beeinflussen, sie zu indoktrinieren und zu radikalisieren.

Nicht jeder Krieg wird mit Waffen, Gewehren oder Atomwaffen geführt. Es gibt auch einen Krieg der Narrative. Die Islamische Republik und andere islamistische Kräfte versuchen, junge Menschen in westlichen Ländern zu radikalisieren und zu ihren Kämpfern zu machen – oft sogar Minderjährige. Warum? Weil sie wissen, dass sie die Freiheiten westlicher Demokratien, ihre Gesetze, ihre Kultur und ihre Toleranz nutzen können, um ihre Ideologie und ihren Terror zu verbreiten. [...] Man kann nicht einfach „Free Palestine“ sagen, ohne Palästina auch vom Islamismus befreien zu wollen.

Alinejad mit ihrer Mitarbeiterin, die bei einem Protest im Iran ein Auge verloren hat, 28.07.2026
Alinejad mit ihrer Mitarbeiterin, die bei einem Protest im Iran ein Auge verloren hat, 28.07.2026 Donogh McCabe/Euronews

Euronews: Wie schaffen es Aktivisten wie Sie, trotz Bedrohungen weiterhin so laut und sichtbar zu bleiben?

Alinejad: Diktatoren verfolgen mich auf amerikanischem Boden – nicht nur, weil sie mich zum Schweigen bringen wollen. Sie greifen damit auch die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und die Meinungsfreiheit an.

Wenn ich mich einschüchtern ließe, würde ich ihnen das Signal senden, dass ihre Einschüchterung funktioniert – und dass sie auch andere Dissidenten bedrohen oder töten können. Deshalb ist meine Strategie, stark zu bleiben. Denn Freiheit kann nicht von allein bestehen. Freiheit braucht Menschen, die für sie kämpfen und sie schützen.

Natürlich habe ich Angst. Ich muss überall ständig über meine Schulter schauen. Ich führe kein normales Leben, weil Terroristen Menschen wie mich ins Visier nehmen. Aber ich habe keine Angst davor, getötet zu werden. Meine eigentliche Sorge ist, dass sie unsere Meinungsfreiheit angreifen. [...] Mein Ziel ist es, junge Menschen und Politiker zu mobilisieren, um Terrorismus zu beenden. Und ich glaube, dass wir eines Tages Erfolg haben werden. Denn inzwischen sieht jeder: Auch Europa ist nicht mehr sicher. Europa ist zu einem Jagdgebiet für Terroristen geworden – für islamistische Terroristen. Wir müssen gemeinsam handeln, um das zu beenden.

Andernfalls werden auch Frauen hier ihre Freiheit verlieren, sich frei zu bewegen, weil Extremisten ihre eigene Kultur und ihre Form der Barbarei auch Ihnen aufzwingen wollen.

Menschen wie ich kämpfen deshalb nicht nur für den Iran oder für Frieden und Sicherheit im Nahen Osten. Wir schützen auch die nationale Sicherheit westlicher Demokratien und verteidigen die Demokratie gegen einen der größten Gefahren, den Islamismus.

Euronews: Was würden Sie Terroristen sagen, die Anschläge wie den auf den CSD verüben?

Alinejad: Ich habe Terroristen nichts zu sagen. Sie müssen zur Verantwortung gezogen werden. Sie gehören vor Gericht.

So wie die Vereinigten Staaten Agenten der Islamischen Republik, die beauftragt worden waren, mich zu ermorden, öffentlich vor Gericht gestellt haben. Ich habe damals nicht mit den Attentätern gesprochen. Ich habe der Islamischen Republik gesagt: Eure Zeit ist vorbei.

Wir brauchen eine klare Strategie, um terroristische Organisationen zu bekämpfen und sie auch als solche einzustufen. Terroristen verstehen meine Worte nicht. Ihre Sprache ist die Ermordung unschuldiger Menschen. [...] Deshalb richte ich meine Botschaft nicht an Terroristen, sondern an die Staats- und Regierungschefs der freien Welt.

Auto des Attentäters, Berliner Tiergarten, 26.07.2026
Auto des Attentäters, Berliner Tiergarten, 26.07.2026 Donogh McCabe/Euronews

Deshalb reise ich um die Welt. Ich trage das Schicksal verletzter Frauen mit mir. Ich trage die Geschichten der Mütter und Väter, deren Angehörige heute Morgen in meinem Land hingerichtet wurden.

Ich konnte vergangene Nacht nicht schlafen. Ich war im Gedanken bei den Menschen in meinem Land. Ich hoffte, dass sich vielleicht noch das Leben unschuldiger Demonstranten retten ließe. Doch sie wurden heute Morgen hingerichtet – unmittelbar nach dem Gebetsruf "Allahu Akbar".

Derselbe Ruf wird heute von Terroristen missbraucht – in der New Yorker U-Bahn ebenso wie hier in Berlin –, um unschuldige Menschen zu töten. [...] Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie westliche Aktivisten auf die Straße gehen und die Hamas oder die Islamische Republik unterstützen. Wo sind sie, wenn in meinem Land Massenhinrichtungen stattfinden?

Euronews: Wie steht es derzeit um queere Menschen im Iran?

Alinejad: Die LGBTQ-Community im Iran kann kein normales Leben führen. Sie wird nicht nur vom Regime verfolgt und hingerichtet. Das Regime radikalisiert auch Teile der Gesellschaft und indoktriniert Menschen, sodass selbst Familienangehörige im Namen sogenannter Ehrenmorde gegen queere Menschen vorgehen.

Ich befürchte, dass sich diese Ideologie auch in Europa ausbreitet. Wenn ich mit Menschen aus der LGBTQ-Community spreche, bricht es mir das Herz, dass sie im 21. Jahrhundert nicht frei entscheiden können, wen sie lieben, wie sie leben oder wie sie feiern möchten.

Für den bloßen Wunsch nach einem normalen Leben drohen ihnen Auspeitschungen, Hinrichtungen oder Steinigungen. Manche werden von radikalisierten Mitmenschen getötet. Sie müssen ihr Leben im Verborgenen führen.

Gleichzeitig gibt es viele mutige Menschen, die Widerstand leisten. Über soziale Medien kämpfen sie darum, ihre Identität zurückzugewinnen. Wir müssen sie sehen, anerkennen und unterstützen. Sie verdienen Freiheit, Würde und ein normales Leben.

Euronews: Sie sind derzeit in Berlin, um das Europa-Büro des World Liberty Congress zu eröffnen. Worum geht es bei diesem Netzwerk?

Alinejad: Ich bin in Berlin, weil ich gemeinsam mit Garri Kasparow, dem Schachweltmeister und prominenten Kritiker Putins, sowie Leopoldo López, dem venezolanischen Oppositionsführer, den World Liberty Congress gegründet habe.

Wir eröffnen nun offiziell unser Büro im Herzen Europas – in Berlin, einer Stadt, die für Freiheit steht. Der World Liberty Congress ist das größte Netzwerk von Dissidenten, Demokratiebewegungen und Freiheitsaktivisten aus mehr als 60 autoritär regierten Staaten.

Wenn man heute auf die Vereinten Nationen blickt, sieht man leider oft, wie Diktatoren sich gegenseitig unterstützen, füreinander stimmen und zusammenarbeiten.

Unser Netzwerk versteht sich deshalb als eine Art alternative Generalversammlung derjenigen, die tatsächlich ihre Völker vertreten – nicht die Diktatoren. [...]

Außerdem veranstalten wir den Women's Democracy Congress. Das ist besonders wichtig, weil wir eine globale feministische Bewegung aufbauen wollen.

Wenn Frauen in Afrika Vergewaltigung als Kriegswaffe erleben, wenn Frauen in Afghanistan von Schulen und Universitäten ausgeschlossen werden oder wenn Frauen im Iran allein deshalb getötet werden, weil sie als Frauen ihre Freiheit einfordern, dann erwarten sie Unterstützung von der internationalen Frauenbewegung – erleben aber häufig Schweigen.

Ich glaube deshalb, dass unser Büro in Berlin dazu beitragen kann, ein Bündnis zwischen Dissidenten und demokratischen Regierungen aufzubauen, politische Veränderungen anzustoßen und sich gemeinsam gegen Diktaturen zu stellen.

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