Astana lockt Kryptoinvestoren mit Steueranreizen und neuen Regeln. Digitale Vermögenswerte sollen auf lizenzierte heimische Plattformen zurückkehren und eine Branche beleben, die nach dem Ende des Mining-Booms abgewandert ist.
Kasachstan entwickelte sich vor fünf Jahren zu einem der weltweit größten Zentren für Kryptomining. Der Boom brachte das Stromnetz des Landes an seine Grenzen, und die Regierung verschärfte die Regeln – viele Miner gingen daraufhin ins Ausland oder arbeiteten im Verborgenen.
Jetzt will die kasachische Regierung die Branche wieder ins Land holen. Sie lockt mit Steuererleichterungen und rechtlicher Sicherheit.
Ein neues Dekret soll Bürgerinnen und Bürger dazu bewegen, ihre Kryptowährungen offenzulegen, auf regulierte Plattformen im Inland zu übertragen und digitale Vermögenswerte stärker in die Wirtschaft des Landes einzubinden.
Private Anleger erhalten für drei Jahre eine Steuerbefreiung auf Einkünfte aus Geschäften mit digitalen Vermögenswerten. Voraussetzung ist, dass diese nicht mit Betrug, Geldwäsche oder nicht lizenzierten Kryptodiensten verbunden sind.
Die Entscheidung eröffnet Minern neue Möglichkeiten, legal im Land zu arbeiten – und sie soll dafür sorgen, dass mehr Menschen vom Geschäft profitieren.
Kasachstan: Kryptoboom endet abrupt
Beim Mining von Kryptowährungen lösen leistungsstarke Computer komplizierte Rechenaufgaben. So werden Transaktionen überprüft und einer Blockchain hinzugefügt, dem digitalen Register, in dem die Geschichte einer Kryptowährung festgehalten wird.
Wer eine Aufgabe erfolgreich abschließt, erhält Kryptowährung direkt in seine digitale Brieftasche. Bei Bitcoin etwa winken teils erhebliche Gewinne.
Der Nachteil: Der Prozess verbraucht sehr viel Strom, weil die Rechner dauerhaft unter hoher Last laufen.
Nachdem China 2021 das Bitcoin-Mining verboten hatte, suchten viele Unternehmen neue Standorte mit günstiger Energie.
Kasachstan stieg damals rasch zum zweitgrößten Bitcoin-Mining-Standort nach den USA auf. Viele wollten am Boom teilhaben, manche stellten Miner sogar auf ihren Balkonen auf.
Andere tarnten ganze Mining-Farmen als Gemüselager, Gewächshäuser oder KI-Rechenzentren in verlassenen Industrieanlagen aus Sowjetzeiten, um den massiven Stromverbrauch zu verbergen.
Den Kryptoboom konnte das Land jedoch nicht lange genießen. Der rasche Zustrom von Minern überlastete das ohnehin veraltete Stromnetz.
Im Oktober 2021 führte die stark gestiegene Nachfrage zu Ausfällen in drei Kraftwerken im Nordosten Kasachstans, mehrere Regionen waren von Stromabschaltungen betroffen. In der Spitze sollen Miner rund acht Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes verbraucht haben.
Die Behörden reagierten mit immer strengeren Regeln für Stromverbrauch und die Legalisierung digitaler Werte. Viele Miner wanderten ab, zugleich breitete sich ein illegaler Markt aus.
Ganz verboten hat Kasachstan das Kryptomining jedoch nie und hielt sich damit die Option offen, das Potenzial später zu nutzen.
Nach Angaben der Finanzaufsicht Astana International Financial Centre (AIFC) besitzen Bürgerinnen und Bürger des Landes rund 1 Million Kryptogeld-Wallets.
Das AIFC, modelliert nach der Finanzfreizone DIFC in Dubai, dient Kasachstan als Testfeld für Finanzinnovationen und ist die Aufsichtsbehörde für Unternehmen mit digitalen Vermögenswerten.
Die Zahl liegt fast viermal über den Nutzerinnen und Nutzern, die bei zugelassenen heimischen Börsen registriert sind. Dort waren im März 256.900 Konten gemeldet.
Kasachstan holt Kryptovermögen zurück ins Land
Fachleute sehen darin Teil eines weltweiten Trends: Viele Staaten versuchen, Krypto-Anleger mit Anreizen und klareren Gesetzen zurück auf heimische Plattformen zu holen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate, Hongkong und Singapur haben ähnliche Steuerregeln eingeführt, kombiniert mit klaren Lizenzen, Aufsicht und Zugang zu Bankdienstleistungen. Das bringt ihnen zusätzliche Einnahmen.
Das Dekret nimmt zudem das Energieproblem in den Blick, das die frühere Mining-Krise ausgelöst hatte.
Künftig darf Begleitgas aus Ölfeldern, das der Staat nicht benötigt, zur Stromerzeugung für Mining-Anlagen genutzt werden. Miner sollen dadurch weniger von dem nationalen Netz abhängen.
Für Nurkhat Kushimov, General Manager von Binance Kasachstan, ist die Steuererleichterung der zentrale Punkt des Dekrets.
„Das ist ein starkes Signal für Nutzerinnen und Nutzer, regulierte Rechtsräume und die dort aktiven Plattformen zu wählen“, sagte Kushimov Euronews.
„So wird der Betrieb in einem lizenzierten Umfeld attraktiver, das Vertrauen in den Markt wächst und es entstehen Bedingungen für weiteres Wachstum.“
Bakhytzhan Kenzhebayev, Vorsitzender der kasachischen Association of Fintech, AI and Crypto Industry, hält die Steuerbefreiung für wichtig, weil sie private Anleger von einer zentralen Unsicherheit befreit: der Frage, wann und auf welcher Grundlage eine Steuerpflicht entsteht. Aus seiner Sicht reicht der Schritt allein jedoch nicht.
„Nutzerinnen und Nutzer entscheiden sich nicht wegen des Steuersatzes für eine Plattform, sondern wegen einer Kombination von Faktoren: Wie einfach lässt sich die Landeswährung ein- und auszahlen, wie hoch ist die Liquidität, wie verständlich sind die Regeln“, sagte Kenzhebayev Euronews.
„Für lizenzierte Anbieter ist die Vorhersehbarkeit der Regeln oft wertvoller als der unmittelbare Vorteil.“
Daniyar Mubarakov, Präsident der Blockchain and Digital Mining Association Kasachstans, begrüßt jede Form von staatlicher Unterstützung. Zugleich fragt er, wie lange der Vorteil tatsächlich gilt.
„Für bestimmte Unternehmergruppen bedeutet ein bevorzugtes Steuerregime nicht nur geringere Abgaben heute, sondern auch, dass sie künftig durch höhere Volumina womöglich ein Mehrfaches an Steuern zahlen“, sagte Mubarakov.
Vize-Digitalminister Gizzat Baitursynov erklärte, sein Ressort arbeite an einem Vorschlag für ein vereinfachtes Steuersystem, das nach Ablauf der dreijährigen Befreiung greifen soll.
Außerdem wolle das Ministerium Steuerprüfungen für private Anleger für die vergangenen drei Jahre streichen.
Steuervorteile allein reichen nicht
Fachleute sind sich einig, dass die Rückkehr kasachischer Privatanleger auf heimische Plattformen vor allem von deren Wettbewerbsfähigkeit abhängt.
„Für die meisten Nutzerinnen und Nutzer bleiben Servicequalität, Liquidität, verfügbare Produkte, Transaktionsgeschwindigkeit und die reibungslose Anbindung an das Bankensystem entscheidend“, sagte Kushimov.
Kenzhebayev sieht die größten Risiken derzeit in den rechtlichen Definitionen und Begriffen. Wird die Steuerbefreiung zu weit gefasst, könnte sie dazu dienen, auch andere, nicht-krypto-bezogene Vermögenswerte der Besteuerung zu entziehen.
„Dann droht in ein oder zwei Jahren eine Rücknahme der Regel. Das richtet mehr Schaden an, als eine von Anfang an hohe, aber stabile Steuerbelastung“, erklärte er.
Außerdem warnt er, dass derselbe digitale Vermögenswert unterschiedlich behandelt werden kann – je nachdem, ob er unter die Regeln des AIFC oder unter das nationale Recht fällt. Unternehmen müssten dann zwei unterschiedliche Rechtsrahmen gleichzeitig erfüllen.
„Die Schwierigkeiten entstehen an dieser Schnittstelle. Am Ende baut der Marktteilnehmer zwei parallele Infrastrukturen für ein einziges Geschäft – das treibt die Kosten“, sagte er.
Kenzhebayev ist überzeugt, dass Steuererleichterungen allein Nutzerinnen und Nutzer nicht dauerhaft auf lizenzierte kasachische Plattformen ziehen.
Entscheidend wären aus seiner Sicht verlässlicher Zugang zu Bankdienstleistungen, klare Regeln für den Tausch von Krypto in die Landeswährung, einfache Vorgaben für die sichere Verwahrung von Kundengeldern und ein Regulierungsrahmen, der lizenzierte Anbieter nicht benachteiligt.