Die türkischen Behörden nahmen am Mittwochmorgen den Chef des Brokers Tera Yatirim Menkul Degerler AS fest. Das Unternehmen steht im Zentrum eines Anlageskandals: Fonds von mehr als 18 Milliarden Dollar für 450.000 Menschen werden abgewickelt.
Der Gründer von Tera Yatırım, einer türkischen Brokerfirma, deren Fondstochter vergangene Woche Zahlungsausfälle gemeldet hat, bleibt bis zum Prozess in Untersuchungshaft.
Die Festnahme von Emre Tezmen und vier weiteren Personen trifft die Branche in einer Phase großer Verunsicherung. Anleger in 131 türkischen Fonds müssen nun bis zu sechs Monate warten, bis ihre Anlagen verkauft sind. Wie viel Geld sie am Ende zurückbekommen, ist offen.
Die Krise nahm ihren Anfang, als einige Fonds, darunter die von Tera Portföy und Pusula Portföy, Auszahlungswünsche nicht mehr vollständig bedienen konnten. Die Fonds waren stark in Aktien investiert, die nur selten gehandelt werden. Größere Verkaufsaufträge hätten die Kurse schnell deutlich gedrückt und damit die Mittel zur Rückzahlung der Anleger verringert.
Die Fonds-Tochter von Tera Yatırım erklärte am 16. September, sie habe fällige Zahlungen verfehlt, nachdem Anleger zwei ihrer Fonds in größerem Umfang verlassen hatten. Pusula Portföy meldete ebenfalls Verzögerungen.
Tezmen war bereits am 19. September vorläufig festgenommen worden. In den frühen Morgenstunden des Mittwochs ordnete ein Gericht seine formelle Verhaftung an, ebenso die von Tera-Aufsichtsratsmitglied Kerem Alkin, seinem Bruder und Ökonomen Emre Alkin, Tera-Portföy-Geschäftsführer Alper Öztürk sowie Pusula-Finans-Holding-Chef Serdar Turhan, berichtete der Sender NTV.
Kerem Alkin war bis vergangenes Jahr im türkischen Außenministerium tätig und von 2021 bis 2024 Botschafter der Türkei bei der OECD. Sein Bruder Emre gilt als prominenter Ökonom und Fernsehexperte.
Die türkischen Behörden haben Vermögenswerte von Führungskräften mehrerer Finanzhäuser eingefroren. Außerdem schränkten sie Transaktionen dieser Personen, ihrer Ehepartner und nahen Angehörigen ein, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.
Staatsanwälte forderten zudem Unterlagen zu Geld- und Kryptoüberweisungen ins Ausland seit 2024 an, um zu klären, ob Vermögen außer Landes geschafft wurde.
Die Brokerfirma Bulls Yatırım teilte am Mittwoch mit, ihr Aufsichtsratschef Kemal Akkaya sei nach seiner Aussage bei der Staatsanwaltschaft wieder auf freiem Fuß. Akkaya habe erklärt, das Unternehmen sei an weder „Ponzi“ noch „Kettenmodellen“ beteiligt.
Bereits am Freitag, kurz nach Bekanntwerden des Skandals, schrieb Justizminister Akın Gürlek in einem Beitrag in sozialen Medien: „Diejenigen, die den Schweiß, die Arbeit und die Ersparnisse unserer Bürger ausbeuten, werden sich vor dem Gesetz verantworten müssen!“
Der Minister fügte hinzu, die Behörden gingen Hinweisen auf „Ponzi-ähnliche“ Methoden nach. Zu diesem Zeitpunkt saßen bereits vier Verdächtige in Untersuchungshaft, 51 Personen durften die Türkei nicht verlassen.
Wie die Fonds kollabierten
Die Fonds legten den Großteil ihres Geldes in Aktien an, die nur in geringen Stückzahlen im Umlauf waren und selten gehandelt wurden. Schon relativ kleine Kaufaufträge konnten deshalb die Kurse deutlich nach oben treiben.
Die steigenden Bewertungen ließen die ausgewiesenen Renditen glänzen und zogen neue Sparer an, deren Einlagen wiederum in die gleichen oder verwandte Titel flossen. Einige Fondsmanager nahmen zudem Kredite auf Basis der gehaltenen Aktien auf, um noch mehr davon zu kaufen.
Als Anleger dann ihr Geld abzogen, musste der Bestand verkauft werden. Das drohte die Kurse rasch und kräftig einbrechen zu lassen. Mit den wachsenden Rückgabewünschen wurde das zum akuten Problem: Die Fonds benötigten Bargeld, um die Anleger auszuzahlen, doch schnelle Verkäufe hätten die Kurse weiter in den Keller gedrückt.
Warnsignale gab es schon vor den Zahlungsschwierigkeiten der vergangenen Woche.
Bereits im Juni hatte der Indexanbieter MSCI vor „möglichen abgestimmten Handelsaktivitäten“ in Titeln kleinerer börsennotierter türkischer Unternehmen gewarnt, die in Fondsportfolios lagen. Solche Muster könnten die Preise verzerren, hieß es. Tera oder andere Firmen nannte MSCI damals nicht beim Namen.
Die Tera-Aktie selbst war vom Börsengang bis zu ihrem Höchststand um mehr als 50.000 % gestiegen. Nachdem die türkische Finanzaufsicht im August strengere Regeln für Investmentfonds eingeführt hatte, beschleunigte sich der Absturz.
MSCI erklärte, es werde bei seiner Überprüfung im November weitere Schritte zur Behandlung türkischer Wertpapiere in seinen Indizes prüfen, falls bis dahin nicht genügend Fortschritte erkennbar seien.
Schadenbegrenzung
Die Kapitalmarktaufsicht CMB ordnete die Abwicklung von 131 Fonds an, die von sieben Unternehmen verwaltet werden.
Am Mittwoch teilte die Behörde mit, dass 455.758 einzelne Anleger Anteile an diesen Fonds halten. Die İşbank und die staatliche Ziraat Bank sollen die Abwicklung begleiten. Zugleich verlängerte die Aufsicht am 21. September den Zeitraum für den Verkauf der Portfolios von drei auf sechs Monate.
„Diese Regelung wurde getroffen, um die Fonds unter den bestmöglichen Bedingungen zu verkaufen, unter Berücksichtigung der Zusammensetzung ihrer Portfolios und der Marktlage“, erklärte die Behörde.
Die Erlöse aus den Verkäufen sollen anteilig an die Anleger fließen. Wie hoch die Rückzahlungen letztlich ausfallen, bleibt aber ungewiss.
Finanzminister Mehmet Şimşek bezifferte das Gesamtvolumen der betroffenen Fonds auf 18,3 Milliarden Dollar (15,9 Milliarden Euro). Er betonte, er erwarte nicht, dass sich die Krise auf den gesamten türkischen Finanzmarkt ausdehne.
„Wir haben den problematischen Bereich unter Quarantäne gestellt“, sagte der Minister in einem Fernsehinterview. Die betroffenen Fonds machten nur rund zehn Prozent des Sektors aus.
Der Borsa-Istanbul-Index All Shares hat seit Beginn der vergangenen Woche um zwölf Prozent nachgegeben, rund 50 gelistete Aktien verloren 40 Prozent oder mehr.