Bandenmäßiger Betrug, Bestechung, Urkundenfälschung: Dafür wurde Hendrik Holt zu fast neun Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Festnahme in Dubai ist nun unklar, ob und wann er nach Deutschland überstellt wird.
Der wegen millionenschweren Betrugs verurteilte Hendrik Holt ist rund vier Wochen nach seiner Flucht aus einem Berliner Gefängnis in Dubai festgenommen worden. Das teilte die Staatsanwaltschaft Osnabrück mit, wie mehrere deutsche Medien berichten. Ob und wann der 36-Jährige nach Deutschland ausgeliefert wird, ist bislang offen.
Ging es nach Flucht aus Berliner Vollzug Richtung Moskau?
Holt war seit dem 25. August auf der Flucht, nachdem er von einem genehmigten Ausgang nicht in die Justizvollzugsanstalt in Berlin zurückgekehrt war, wo er sich im offenen Vollzug befand. Einen Tag nach seiner Flucht, also am 26. August, ging bei dem Berliner Gefängnis eine E-Mail ein, in der sinngemäß mitgeteilt wurde, Holt werde nicht wiederkommen. Bei seiner Flucht ließ er nach Angaben des Spiegel seine Ehefrau und sein Kind zurück.
Kurz nach seinem Verschwinden Ende August tauchte ein Instagram-Beitrag auf, der nahelegte, Holt halte sich in Moskau auf. In der Story, die sich nach 24 Stunden automatisch löschte, postete er das Bild einer nächtlichen Straße mit dem Kommentar, er sende Liebesgrüße aus Moskau, der Kaviar sei fantastisch.
Spiegel-Recherchen zufolge habe das Bild tatsächlich eine Moskauer Straße gezeigt. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück machte damals keine Angaben zur Echtheit des Beitrags.
Bandenmäßiger Betrug mit frei erfundenen Windparks
Hendrik Holt hat sich einiges zuschulden kommen lassen. Das Landgericht Osnabrück hatte Holt bereits 2022 wegen bandenmäßigen Betrugs, Bestechung und Urkundenfälschung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fast neun Jahren verurteilt. Der aus dem emsländischen Haselünne stammende Unternehmer hatte mit seiner Firma Holt Holding zusammen mit einem Geschäftspartner und Familienangehörigen ausländischen Energiekonzernen Windparkprojekte verkauft, die es in Wahrheit gar nicht ga.
Nach Recherchen des Handelsblatts aus dem Jahr 2020 sollen Holt und seine Partner auf diese Weise eine zweistellige Millionensumme ergaunert haben, unter anderem von den Konzernen CEZ aus Tschechien und SSE aus Schottland.
Zusätzlich hatte Holt ausländische Diplomaten bestochen, um sich mit einem Diplomatenpass Immunität vor deutschen Strafverfolgern zu verschaffen, wie mehrere Medien berichten.
Auch mit einem frei erfundenen Doktortitel hatte er sich geschmückt. Laut Handelsblatt-Recherchen war Holt zudem Sponsor der Münchner Sicherheitskonferenz und pflegte demnach Kontakte bis in die Hochpolitik. Der Sponsoring-Vertrag mit der Sicherheitskonferenz sei bereits im Zuge der damaligen Ermittlungen 2020 ausgesetzt worden, berichtet das Blatt.
Zuletzt saß Holt in einem Gefängnis in Berlin, seit Ende Oktober 2024 im offenen Vollzug. Über ihn wurde nach seiner Verurteilung ein Insolvenzverfahren eröffnet. Nach Angaben von Insolvenzverwalter Malte Köster, die dpa Anfang September aufgriff, belaufen sich die Forderungen gegen Holt auf rund 40 Millionen Euro, überwiegend von betrogenen Investoren.
Auffällige Firma der Ehefrau
Bereits vor der Festnahme hatte im September eine erst im April gegründete Firma von Holts Ehefrau für Aufsehen gesorgt: das Holt Family Office mit Sitz in Berlin, worüberzuerst die Hannoversche Allgemeine Zeitung und die Welt berichtet hatten.
Die GmbH verfügt laut Handelsregistereintrag über ein Stammkapital von einer Million Euro, obwohl gesetzlich lediglich 25.000 Euro vorgeschrieben sind. Unternehmenszweck sei die Verwaltung eigenen Vermögens sowie der Handel mit Luxusgütern und Kunstgegenständen. Woher das Kapital stammt, ist nicht bekannt.
Verbindung zum Flughafen Rostock-Laage
Die Firma teilt sich eine Adresse zwischen Potsdamer Platz und Tiergarten mit der Investmentfirma Crisp Partners, die seit 2025 Betreiberin des Regionalflughafens Rostock-Laage ist.
Laut dpa soll Holt den Flughafen-Verkauf im vergangenen Jahr aus dem offenen Vollzug heraus über Mittelsmänner eingefädelt haben. Crisp-Partners-Chefin Ira Lauth ließ über ihre Anwältin mitteilen, sie kenne den Sitz des Holt Family Office an der gemeinsamen Adresse nicht. Dort habe ein Bürodienstleister Dutzende Firmen registriert, Holt selbst sei nie in den Geschäftsräumen von Crisp Partners gewesen.
Ihr Ehemann Karsten Lauth, Projektleiter bei Crisp Partners, hatte zuvor bestätigt, Holt aus Berliner Netzwerken zu kennen, und dessen Vermittlerrolle beim Flughafen-Deal eingeräumt. Holt sei aber weder am Flughafen noch an Crisp Partners beteiligt, betonte er.
Wann wird der Windkraft-Betrüger nach Deutschland ausgeliefert?
Nach Angaben von Staatsanwaltschaftssprecher Martin Schanz wurde Holt bereits am Dienstag in den Vereinigten Arabischen Emiraten gefasst. Grundlage seien gemeinsame Fahndungsmaßnahmen der Staatsanwaltschaft Osnabrück und der Zentralen Kriminalinspektion Osnabrück gewesen, zitiert der NDR den Sprecher. Zuerst hatten die Hannoversche Allgemeine Zeitung und das Portal OM Online über die Festnahme berichtet, bevor die Staatsanwaltschaft sie am Mittwoch offiziell bestätigte.
Holt befinde sich dem Spiegel zufolge weiterhin in Dubai. Alls nächsten Schritt müssten die deutschen Behörden nun ein Auslieferungsersuchen an die Vereinigten Arabischen Emirate stellen, berichtet der NDR unter Berufung auf den Staatsanwalt. Das Ersuchen erfolge auf diplomatischem Weg.
Ein zuvor unterzeichnetes Rechtshilfeabkommen zwischen Deutschland und den Emiraten regele allerdings keine Auslieferungen, weshalb es auf eine Einzelfallprüfung ankomme. Wann genau Holt überstellt werden könnte, lasse sich derzeit nicht vorhersagen.
Sollte es zu einer Überstellung kommen, dürfte Holt seine bisherigen Haftprivilegien verlieren. Der Windkraft-Betrüger verbüßt eine siebeneinhalbjährige Freiheitsstrafe.
Wie sich nun im Zuge der Festnahme herausstellte, war der vermeintliche Moskau-Aufenthalt eine gezielte Finte. Nach Informationen des NDR wusste die Staatsanwaltschaft zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sich Holt tatsächlich in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufhielt. Der Sender berichtet zudem, Holt sei zunächst über Polen und die Türkei nach Dubai geflohen. Unklar bleibe, wie er als verurteilter Straftäter überhaupt ins außereuropäische Ausland reisen konnte, da Freigängern eigentlich die Reisepässe entzogen werden.