Die "Pioneering Spirit" des Schweizer Unternehmens Allseas hat vor dem Darß zwei Plattformen für Deutschlands größten Ostsee-Windpark gesetzt. Nun liegt sie wieder in Rotterdam.
Gut dreieinhalb Fußballfelder lang und 124 Meter breit: Die "Pioneering Spirit" ist mit einer Bruttoraumzahl von rund 403.000 das volumenmäßig größte Schiff der Welt, auch wenn andere Schiffe länger sind.
Die Bauweise ist ungewöhnlich. Zwei Rümpfe tragen das Schiff, dazwischen klafft am Bug ein Schlitz von 122 mal 59 Metern. Durch ihn schiebt sich das Schiff um eine Plattform und hebt sie mit Balken in einem Stück an. Ein System gleicht die Wellenbewegung aus, zwölf Strahlruder halten das Schiff exakt auf Position. Betreiber Allseas nennt Hebelasten von bis zu 60.000 Tonnen für Plattform-Oberbauten und 20.000 Tonnen für Unterbauten.
Auftrag in der Ostsee erledigt
Dieses Schiff war in den vergangenen Wochen vor der deutschen Ostseeküste im Einsatz. Inzwischen ist es weitergezogen: Laut Positionsdaten liegt es seit dem 24. Oktober in Rotterdam. Vor dem Darß ist der Gigant nicht mehr zu sehen.
Zurück bleiben zwei Umspannplattformen für den Windpark Gennaker. Er entsteht rund 15 Kilometer nördlich der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst und soll nach Fertigstellung der größte Offshore-Windpark der deutschen Ostsee sein. Das Projekt ist international aufgestellt. Der Netzbetreiber 50Hertz bestellte die Plattformen bei einem niederländisch-belgischen Werftenkonsortium, das ein Schweizer Unternehmen mit der Installation beauftragte.
Ende September legte der Gigant vor Warnemünde einen Zwischenstopp ein. Einen Hafenliegeplatz konnte er wegen seiner Größe nicht anlaufen. Die Polizei fuhr deshalb zum Schiff hinaus und prüfte die Einreisepapiere der 348 Besatzungsmitglieder. Bauteile brachte man aus dem Rostocker Hafen an Bord.
Anschließend ging es in das Einsatzgebiet nördlich des Darß. Die Arbeiten begannen Anfang Oktober und waren laut Medienberichten Mitte des Monats beendet. Am 23. Oktober meldete Allseas den Abschluss.
Das Unternehmen installierte beide Plattformen samt Unterbauten in einer einzigen Kampagne. Wegen des flachen Wassers kam dafür ein Hebesystem für Unterbauten zum Einsatz.
Schweizer Firma, deutscher Auftrag
Allseas hat seinen Hauptsitz in Châtel-Saint-Denis in der Schweiz. Büros und Werften betreibt die Firma auch in den Niederlanden. Die Plattformen stammen von einem niederländisch-belgischen Werftenkonsortium, die Windturbinen für Gennaker liefert Siemens Gamesa. Entwickelt wird der Park von Skyborn Renewables, gemeinsam mit den Stadtwerken München setzt Skyborn ihn um. Mehrere Länder arbeiten damit an einem Projekt vor der deutschen Küste zusammen.
Allseas wurde 1985 von Edward Heerema gegründet und gilt als familiengeführtes Unternehmen. Das Riesenschiff trug bis 2015 den Namen "Pieter Schelte", nach Heeremas Vater, einem Offshore-Pionier, der zeitweise der Waffen-SS angehörte. Nach Protesten jüdischer Verbände und von Gewerkschaften benannte Allseas das Schiff um.
In Deutschland erinnert man sich an das Schiff vor allem wegen Nord Stream 2. 2018 und 2019 verlegte es dort Rohre in der Ostsee, bis US-Sanktionsdrohungen den Einsatz stoppten. Diesmal arbeitete es für den Ausbau erneuerbarer Energieen.
Das Projekt Gennaker
Vorgesehen sind 63 Turbinen der 15-Megawatt-Klasse mit insgesamt 976,5 Megawatt. Sie sollen jährlich etwa 3,8 Terawattstunden Strom erzeugen, rechnerisch genug für rund eine Million Haushalte. Der Park liegt im Küstenmeer von Mecklenburg-Vorpommern. Skyborn Renewables setzt ihn gemeinsam mit den Stadtwerken München um, die 25 Prozent halten.
Insgesamt sind mehr als 3 Milliarden Euro eingeplant. Im September 2026 wurde eine Fremdfinanzierung von rund 2,1 Milliarden Euro abgeschlossen. Der Entwickler selbst bezeichnet das Vorhaben als größte Infrastrukturinvestition im Land seit der Wiedervereinigung.
Die beiden Plattformen "Darß" und "Zingst" gehören zur Netzanbindung OST-6-1 von 50Hertz. Sie sammeln den Strom der Windräder und erhöhen die Spannung von 66 auf 220 Kilovolt. Von dort führen Seekabel an Land nach Dierhagen, anschließend geht es über rund 35 Kilometer Landkabel zum Umspannwerk Gnewitz im Landkreis Rostock. Die Anbindung ist für 927 Megawatt ausgelegt, knapp 50 Megawatt weniger als die geplante Windparkleistung. Das liegt daran, dass die Anlagen selten gleichzeitig ihre volle Leistung erreichen.
Die eigentliche Arbeit steht noch bevor. Zuerst folgen Kabel und Landanschluss, dann sollen 2027 und 2028 Fundamente und Turbinen installiert werden. Bis Ende 2028 soll der Park voll in Betrieb sein.
Wind an der Ostseeküste
Offshore-Wind ist vor dem Darß nicht neu. In der Nähe läuft seit 2011 der Park EnBW Baltic 1, der erste kommerzielle der deutschen Ostsee. Er hat 21 Anlagen und 48,3 Megawatt. 2015 folgte EnBW Baltic 2 mit 80 Anlagen und 288 Megawatt, rund 32 Kilometer nördlich von Rügen. Hinzu kommen unter anderem Wikinger, Arkona und Windanker von Iberdrola mit 315 Megawatt.
Gennaker würde rund 20-mal so viel leisten wie Baltic 1. Schon eine einzige der neuen Turbinen kommt mit bis zu 15,5 Megawatt auf rund ein Drittel der Leistung des gesamten Pionierparks.
Die Ostsee spielt bislang eine Nebenrolle. Laut IWR-Auswertung des Marktstammdatenregisters standen Ende September bundesweit 1.813 Offshore-Anlagen mit 11.568,7 Megawatt. Davon entfielen rund 9.426 Megawatt auf die Nordsee und 2.143 Megawatt auf die Ostsee. Gennaker würde die Ostsee-Leistung rechnerisch um etwa 46 Prozent erhöhen.