Seit 2021 sank die Häftlingszahl von 465.000 auf 282.000, auch weil viele als Vertragssoldaten in der Ukraine dienen. Trotzdem plant Russland nun sieben neue Gefängniskomplexe für über 20.000 Insassen. Bis 2035 sollen sie fertig sien. Einer auch im russisch besetzten Cherson.
Russland plant, bis 2035 sieben große Gefängniskomplexe zu bauen. Grundlage ist ein Regierungsdekret, das das föderale Programm zur Weiterentwicklung des Strafvollzugs anpasst.
Das Projekt wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Die Zahl der Häftlinge in Russland ist seit 2021 stark gesunken (von rund 465.000 auf 282.000), weil der Kreml massenhaft Gefangene als Soldaten für den Krieg in der Ukraine rekrutiert hat. Dennoch sollen die neuen Kombi-Anstalten aus Untersuchungshaft und Strafkolonie bis 2035 entstehen, um Kosten zu senken und modernere IT-Überwachungssysteme zu nutzen
Die Anlagen, die russische Journalisten „Supergefängnisse“ nennen, sollen zusammen mehr als 20.000 Menschen aufnehmen: 5.380 Untersuchungshäftlinge und 15.120 verurteilte Gefangene.
In den Komplexen entstehen auch Gerichtssäle sowie Büros für Staatsanwälte, Verteidiger und öffentliche Kontrollkommissionen. Die Regierung will überall Überwachungs- und Sicherheitstechnik einsetzen.
Geplant sind die Komplexe in den Regionen Kaluga, Astrachan und Tjumen, in Burjatien und der Region Transbaikalien sowie in dem Teil der ukrainischen Region Cherson, der derzeit unter russischer Militärbesatzung steht.
Die erste Anlage soll bis 2030 in Tatarstan eröffnen. Vorläufige Schätzungen veranschlagen die Kosten für einen einzelnen Komplex auf 134 bis 208 Millionen Euro. Insgesamt rechnen russische Medien damit, dass das Programm mehr als 2,4 Milliarden Euro verschlingt.
Nach Angaben des Justizministeriums senkt die Bündelung von Untersuchungshaft und Strafvollzug in einer Einrichtung die Haftkosten um 25–30 %. Die Investitionen sollen sich binnen 10 Jahren amortisieren, vor allem durch wegfallende Gefangenentransporte und weniger Personal.
Die Pläne folgen auf einen starken Rückgang der Gefangenenzahlen. Ende 2021 saßen in Russland 465.000 Menschen in Haft. Bis 2026 sank die Zahl auf 282.000 – ein Minus von fast 40 %.
Der Leiter des Föderalen Strafvollzugsdienstes, Arkadi Gostew, sagte im Mai, die Anwerbung von Gefangenen als Vertragssoldaten für den Krieg gegen die Ukraine habe erheblich zu diesem Rückgang beigetragen.
Die Rekrutierung von Inhaftierten begann im Sommer 2022, unmittelbar nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar desselben Jahres. Zunächst übernahm die vom Kreml gesteuerte Söldnerorganisation Wagner-Gruppe diese Aufgabe, später direkt das Verteidigungsministerium.
Rechtsexperten kritisieren die Pläne. Sie erwarten, dass die Hausordnung in den neuen Komplexen unverändert bleibt oder noch strenger wird. Die Verlagerung von Gefängnissen aus Stadtzentren in entlegene Gebiete – besonders in Burjatien und der Region Transbaikalien – erschwere Angehörigen, Menschenrechtsorganisationen und Rechtsbeiständen den Zugang zu den Inhaftierten deutlich.
Folter an Gefangenen bleibt weit verbreitet
Das russische Gefängnissystem steht seit Jahren in der Kritik internationaler Menschenrechtsgremien. Die Haftbedingungen gelten als deutlich unter internationalen Standards.
Die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in Russland stellte in einem Bericht von 2025 fest, dass Folter weiterhin "systematisch und weit verbreitet“ ist. Für die Jahre 2024 bis 2025 dokumentierte sie 258 Fälle. Zu den häufigsten Methoden gehören Stromschläge, Schläge und Scheinhinrichtungen.
Der UN-Menschenrechtsrat forderte Moskau nach der allgemeinen Staatenüberprüfung 2024 auf, Folter als eigenständigen Straftatbestand zu verankern, Ermittlungen zu gemeldeten Fällen zu stärken und den Rechtsrahmen an die UN-Konvention gegen Folter anzupassen. Russland wies den Großteil dieser Empfehlungen zurück.
Human Rights Watch berichtete 2024, dass russische Behörden Verdächtige im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Veranstaltungshalle Crocus City Hall bei Moskau im März desselben Jahres gefoltert hätten. Die Beamten zeichneten die Misshandlungen demnach auf und verbreiteten die Videos.
Eine Beobachtungsmission der OSZE stellte fest, dass Haftanstalten in Russland häufig überfüllt sind und über schlechte sanitäre Einrichtungen verfügen. Nahrungsversorgung und medizinische Betreuung gelten als unzureichend, zudem kommt Zwangsarbeit vor.
Der Oppositionspolitiker Alexei Nawalny starb im Februar 2024 in einer abgelegenen Strafkolonie in der Arktis, in der er eine 19-jährige Haftstrafe verbüßte. Unabhängige russische Medien beschrieben das Lager als berüchtigt für besonders harte Haftbedingungen und mutmaßliche Folter.
Russland trat im September 2025 nach seinem Ausschluss aus dem Europarat formell aus dem Europäischen Übereinkommen zur Verhütung von Folter aus. Damit endeten auch die Kontrollbesuche europäischer Inspektorinnen und Inspektoren in russischen Gefängnissen.
Die UN-Sonderberichterstatterin dokumentierte zudem eine Rückkehr der Strafpsychiatrie. Gerichte verhängen demnach wieder Zwangspsychiatrie als Sanktionsmittel gegen Menschen, die wegen Anti-Kriegs-Äußerungen verfolgt werden.