In Südkorea wird vermutet, der Präsident der Ukraine habe den Transfer von Soldaten aus Nordkorea publik gemacht, um Waffen aus Seoul zu bekommen.
Der südkoreanische Geheimdienst geht davon aus, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Transfer von zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen öffentlich gemacht hat, um die Chancen für Waffenlieferungen an die Ukraine aus Südkorea zu erhöhen. Das sagte ein Abgeordneter am Mittwoch in Seoul.
Selenskyj hatte in der vergangenen Woche erklärt, die Ukraine habe zwei nordkoreanische Soldaten nach Südkorea geschickt. Es sei „nicht leicht gewesen, sie lebend gefangen zu nehmen“.
Wenige Stunden nach Selenskyjs Rede bei den Vereinten Nationen zeigte sich Südkoreas Präsident Lee Jae-myung verärgert. Die Regierung in Seoul betont, Vertraulichkeit sei entscheidend, um Angehörige der Gefangenen vor möglichen Repressionen in Nordkorea zu schützen.
Am Montag bestellte das Außenministerium in Seoul den ukrainischen Botschafter ein und äußerte „ernste Besorgnis“ über die Veröffentlichung durch Kyjiw.
Der Abgeordnete Yoo Yeong-ha erklärte am Mittwoch, der Geheimdienst gehe davon aus, Selenskyj habe sich bewusst für die Offenlegung entschieden. Er habe gehofft, „damit in Seoul öffentliche Unterstützung für Waffenlieferungen und weitere Hilfe an die Ukraine zu erzeugen“.
Ein weiterer Abgeordneter, Youn Kun-young, sagte, die beiden Kriegsgefangenen seien Mitte September aus der Ukraine in Südkorea angekommen.
Vertraulichkeit vereinbart
Die Männer seien „insgesamt bei guter Gesundheit, ohne gravierende Probleme“, so Youn. Laut dem Geheimdienst habe man ihre Bereitschaft, nach Südkorea zu kommen, mehrfach bestätigt.
Zu Wochenbeginn teilte das südkoreanische Außenministerium mit, wegen der persönlichen Sicherheit der Betroffenen und ihrer Familien hätten Seoul und Kyjiw „vereinbart, die Angelegenheit vertraulich zu behandeln“.
Yoo erklärte am Mittwoch, zwischen den Staats- und Regierungschefs beider Länder habe es keine formelle Vereinbarung über Geheimhaltung gegeben. Diplomaten aus Seoul und Kyjiw hätten sich jedoch in ihren Gesprächen auf Vertraulichkeit geeinigt.
„Von Beginn der Gespräche an hat die ukrainische Seite strikt vertrauliche Behandlung verlangt“, so Yoo. Kyjiw habe sich Sorgen über mögliche Folgen für künftige Gefangenenaustausche mit Russland gemacht.
Die Ukraine hatte die beiden nordkoreanischen Soldaten Anfang vergangenen Jahres gefangen genommen. Sie gehörten zu Einheiten aus Pjöngjang, die an der Seite Russlands kämpften.
Einer der Männer berichtete südkoreanischen Medien, er sei mit 17 Jahren eingezogen worden und habe in einer Aufklärungseinheit gedient.
Bereits zuvor hatte ein südkoreanischer Abgeordneter erklärt, die beiden Nordkoreaner wollten in Süden ein „normales Leben“ führen.
Lieferung von Defensivwaffen wird geprüft
Der Streit könnte Kyjiws Bitte um Waffenlieferungen aus Südkorea erschweren.
Südkorea liefert der Ukraine bislang keine Waffen. Die Regierung verweist auf ein innenpolitisches Verbot, Staaten in laufenden Kriegen militärisch zu unterstützen.
Anfragen nach Defensivwaffen prüft Seoul jedoch, besonders seit Nordkorea ab 2024 Truppen entsandt hat, um Russland bei der Abwehr eines überraschenden ukrainischen Vorstoßes in die Region Kursk zu unterstützen.