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Generalmajor Pötzsch: So reagiert die Bundeswehr auf hybride Attacken

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Generalmajor Dr. Volker Pötzsch ist seit März 2026 Chef des Stabes im Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr.
Generalmajor Dr. Volker Pötzsch ist seit März 2026 Chef des Stabes im Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr. -  Copyright  Euronews Defence & Space Summit
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Von Angela Skujins & Franziska Müller & Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am •Zuletzt aktualisiert
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Deutschlands Cyberabwehr steht vor neuen Herausforderungen: Generalmajor Volker Pötzsch erklärt im Euronews-Interview, wie Deutschland auf hybride Angriffe reagieren sollte, warum die Ukraine keine Blaupause ist und welche Rolle autonome Systeme künftig spielen.

Während des Defence & Space Summit hat Euronews mit Generalmajor Dr. Volker Pötzsch gesprochen. Er ist seit März 2026 Chef des Stabes des Kommandos Cyber- und Informationsraum. Der Offizier, gelernter Informatiker, kennt die Bundeswehr von innen. Seine militärische Laufbahn hat bei der Luftwaffe begonnen und ist im Verteidigungsministerium ins Kommando Cyber- und Informationsraum gewechselt.

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Wie sollte Deutschland auf Angriffe reagieren, die unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges bleiben, etwa Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation?

Generalmajor Pötzsch: Ich denke, dass wir bereits über einen sehr gut etablierten Mechanismus zur Reaktion verfügen. Ich meine damit die sogenannte Attribution in Friedenszeiten. Das ist der Weg, für den wir uns entschieden haben, und ich denke, dass es der beste und wahrscheinlich der einzige Weg ist, den wir haben. Es geht darum, die Angreifer öffentlich zu benennen und dieses "Blame and Shame"-Prinzip anzuwenden.

Das Problem bei hybriden Bedrohungen ist die Frage, wie wir auf die Situation reagieren, die wir derzeit erleben. Unser Bundeskanzler hat es sehr treffend formuliert, als er sagte: "Wir wissen, dass wir nicht im Krieg sind, aber wir sind auch nicht im Frieden."

Als wir diesen Mechanismus rund um die Attribution aufgebaut haben, haben wir uns eine Situation vorgestellt, in der mehr oder weniger Frieden herrscht, in der wir selbst im Frieden leben und in der Schuldzuweisungen und Scham wirklich wirken.

Ein konkretes Beispiel zum Thema Attribution: Beim Drohnenvorfall in Leipzig wurde Russland für eine mit Sprengstoff beladene Drohne verantwortlich gemacht. Es gab allerdings Kritik daran, dass Bundeskanzler Friedrich Merz an diesem Tag nicht selbst vor die Öffentlichkeit getreten ist und eine Erklärung abgegeben hat. Wie sehen Sie das?

Generalmajor Pötzsch: Für mich geht es nicht um die Frage, wer etwas sagt. Es geht darum, wirklich an die Öffentlichkeit zu gehen und zu sagen, wen wir für verantwortlich halten und wem wir etwas nachweisen können.

Für mich persönlich geht es also nicht darum, ob es der Bundeskanzler oder ein Minister ist. Es geht darum, dass Deutschland als Ganzes, als Regierung und als Gesellschaft, jemanden öffentlich benennt.

Wie haben Sie die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit nach dieser Attribution wahrgenommen? Waren die Menschen erleichtert, weil die deutsche Regierung klar Stellung bezogen und mit dem Finger auf Russland gezeigt hatte?

Generalmajor Pötzsch: An diesem Punkt ist es immer sehr heikel: Denn einerseits fühlt man sich vielleicht erleichtert, weil man weiß, wer einen angreift, wer einen bedroht, wer unsere Lebensweise bedroht. Andererseits wird es aber ernst, wenn man nun tatsächlich jemanden beim Namen nennen kann. Man kann nicht mehr so tun, als gäbe es keine Angriffe. Für jeden einzelnen unserer Bürger und auch für uns selbst wird es nun also wirklich zu einer Tatsache und ist keine bloße Möglichkeit mehr.

Es gibt also wahrscheinlich beides: ein Gefühl von größerer Sicherheit, weil nun jemand benannt wurde, aber auch das Gefühl von größerer Unsicherheit, weil dadurch sichtbarer wird als zuvor, dass wir angegriffen werden.

Wie schaffen es die Bundeswehr, bei diesen Vorfällen hybrider Kriegsführung die Oberhand zu behalten, zumal Russland bei der Durchführung solcher Kampagnen immer kreativer vorgeht. Wie bleiben Sie einen Schritt voraus?

Generalmajor Pötzsch: Indem wir das Know-How unserer Soldatinnen und Soldaten sowie unserer zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen.

Wir haben in Deutschland schon sehr früh damit begonnen, Universitätskurse und Masterstudiengänge an unseren eigenen Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg einzurichten. Dort bauen wir unser Fachwissen auf und gewinnen unsere Mitarbeiter.

Natürlich arbeiten wir auch sehr eng mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen, ebenso mit der Industrie und natürlich innerhalb der NATO und der EU. Es geht also wieder einmal darum, Partnerschaften einzugehen und Informationen und bewährte Verfahren auszutauschen. So versuchen wir, dass wir in puncto Qualität an der Spitze bleiben.

Teilt Berlin diese Informationen über hybride Kriegsführung auch mit anderen Mitgliedsländern der Europäischen Union?

Generalmajor Pötzsch: Ja, auf jeden Fall. In diesem Jahr wurde das EU-Cyberabwehrzentrum eingerichtet. Und das ist mehr oder weniger die Stelle, an der dieser gesamte Informationsaustausch stattfinden muss und auch stattfinden wird. Ja, das ist also die Verpflichtung. Das ist unser Engagement.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat angekündigt, einen Mechanismus nach dem Vorbild von Artikel 4 für die Europäische Union einzurichten. Es gibt allerdings Kritik, dass dies zu einer Doppelung der NATO-Strukturen führen könnte, wenn es um Artikel 4 und Artikel 5 geht. Wie sehen Sie das?

Generalmajor Pötzsch: Ich denke, dass eine Doppelung nie wirklich das Problem ist, solange wir beides richtig machen. Wir haben nur eine Streitmacht. Wenn wir Deutschland betrachten, haben wir nur eine Bundeswehr. Es gibt nicht die eine deutsche Bundeswehr für die NATO und eine für die EU. Wir müssen also in beiden Strukturen arbeiten, und daran sind wir wirklich gewöhnt. Für mich persönlich ist das daher kein Problem.

Am Wochenende hat der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow ein Video veröffentlicht, das eine mögliche Zukunft der ukrainischen Kriegsführung zeigt. Mit der Vision, humanoide Roboter an der Front einzusetzen und perspektivisch Roboter und Drohnen gemeinsam operieren zu lassen. Sehen Sie eine solche Zukunft auch für Deutschland?

Generalmajor Pötzsch: Zunächst einmal bin ich wirklich beeindruckt davon, wie die ukrainischen Streitkräfte ihre Positionen auf dem Schlachtfeld angesichts dieser Aggression halten. Wenn wir uns den Krieg in der Ukraine ansehen, ziehen wir daraus viele Lehren. Aber er ist keine Blaupause für uns.

Natürlich investieren auch wir stark in autonome Systeme. Aber wir werden sie wahrscheinlich anders einsetzen und sie an anderen Stellen in unserem Portfolio einsetzen.

Wann immer Menschen auf dem Schlachtfeld besonders gefährdet sind, werden wir ebenfalls darauf setzen, mehr autonome Systeme einzusetzen – allerdings unter sehr enger menschlicher Kontrolle.

Gibt es etwas, das Sie nicht vom ukrainischen Schlachtfeld übernehmen möchten?

Generalmajor Pötzsch: Zunächst einmal würde ich mir wirklich wünschen, dass die Bundeswehr niemals in eine Situation gerät, in der wir einen solchen Krieg führen müssen. Aber wenn es dazu kommt, geht es nicht so sehr um die Frage, was wir wollen. Es geht vielmehr darum, wozu uns der Konflikt zwingen könnte, oder wozu nicht.

Und genau das ist das Problem.

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland, die westlichen Staaten und die NATO über ein völlig anderes Spektrum an Fähigkeiten verfügen, wenn wir beispielsweise Luftstreitkräfte, Seestreitkräfte und dergleichen betrachten. Der Krieg, den wir führen würden, wäre also definitiv ein anderer. Aber wie er sich tatsächlich entwickeln würde, das kann nur die Kristallkugel vorhersagen.

Die EU-Botschafter diskutieren derzeit über einen Bericht zur Verteidigungsbereitschaft der EU. Laut durchgesickerten Informationen aus diesem Dokument sind die 27 EU-Mitgliedstaaten beim Ausbau ihrer Verteidigungsfähigkeiten nicht schnell genug, um das Ziel für 2030 zu erreichen. Was ist aus Ihrer Sicht Deutschlands größte Schwachstelle, wenn es um diese Fähigkeiten und das Erreichen dieses Ziels geht?

Generalmajor Pötzsch: Ich möchte nicht so sehr über Schwachstellen sprechen. Ich denke, dass wir als Deutschland aus eigener Kraft aufgewacht sind und dass wir massiv investieren - nicht nur finanziell, sondern auch personell und materiell - um nun wieder auf ein völlig anderes Niveau zu gelangen, damit wir uns verteidigen und einen Beitrag zu den Verteidigungsfähigkeiten der NATO leisten können.

Und natürlich ist das immer wie ein Wettbewerb, ein ständiger Wettlauf. Man muss schneller sein als der Gegner oder der Konkurrent. Genau das versuchen wir gerade zu erreichen.

Aber auch hier gilt: Wir beginnen auf nationaler Ebene, doch dieser Wettlauf wird auf multinationaler Ebene gewonnen oder verloren. Deshalb sind die EU und die NATO für uns die zentralen Anknüpfungspunkte, auf die sich alles konzentriert.

Deutschland hat eine wachsende Technologie- und Verteidigungsbranche. Gleichzeitig gibt es natürlich große Unternehmen wie Rheinmetall. Wie einfach ist es für kleinere und mittlere Unternehmen, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen?

Generalmajor Pötzsch: Es wird einfacher. Von der Struktur her ist es allerdings nicht so einfach. Warum? Weil ich als Militär, wenn ich einen Vertrag mit einem Start-up abschließen möchte, sicherstellen muss, dass es seine Dienstleistungen und Produkte sicher und zuverlässig bereitstellen kann – künftig für fast eine halbe Million Soldatinnen und Soldaten.

Das ist für die meisten Start-ups eine ziemlich schwierige Aufgabe, selbst für einige sogenannte Unicorns oder Scale-ups.

Deshalb setze ich mich immer für Partnerschaften ein: für strategische Partnerschaften zwischen einem Start-up und einem etablierten großen Rüstungsunternehmen. Nicht dafür, dass das Start-up von diesem Unternehmen aufgekauft wird.

Bewahren Sie sich Ihre eigene Kultur, behalten Sie Ihre Agilität. Das, was diese Leute im "do-it-yourself"-Stil in einer Werkstatt leisten können, bringen Sie das mit an den Tisch. Aber habt einen Partner, der sich bereits sehr gut damit auskennt, wie man skaliert und wie man die sicheren und geschützten Dienstleistungen bereitstellt, die die Streitkräfte benötigen.

Euronews: Vielen Dank für das Gespräch.

Generalmajor Pötzsch: Vielen Dank.

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