Im Gebiet Irkutsk starb eine Mitarbeiterin eines Pestinstituts. Zugleich kursieren Gerüchte über die "Schwarze Pest“. Ärzte stellten "Pneumonie unklarer Ursache“ fest.
In der russischen Region Irkutsk machen Gerüchte über einen möglichen Ausbruch der Lungenpest die Menschen nervös. Sie verbreiten sich seit dem Tod einer Mitarbeiterin des Irkutsker Forschungsinstituts zur Bekämpfung der Pest rasant.
Die 28-jährige Laborantin Darja Schipilowa starb in der Nacht zum zweiten Oktober auf der Intensivstation des Kreiskrankenhauses der Stadt Schelechow. Nach Angaben örtlicher Medien zerbrach ihr im Labor ein Röhrchen mit dem Erreger der Pestinfektion.
Der Vorfall führte zu drastischen Schutzmaßnahmen: Rund 200 Menschen stehen unter strenger medizinischer Beobachtung. Das Portal "Ljudi Baikala“ meldet, dass mehrere Krankenhäuser in Irkutsk aus Sicherheitsgründen geschlossen und unter Quarantäne gestellt wurden. Diese soll drei Wochen dauern. Am Samstag führte der Irkutsker Aluminiumbetrieb in Schelechow vorsorglich eine Maskenpflicht ein.
Bewohner von Schelechow berichten, sie hätten auf den Straßen Menschen in Schutzanzügen, mit Masken und Handschuhen gesehen. Nach ihren Angaben verteilten die Behörden auch in Kindergärten Masken.
Woher kommt die Pest?
Die verstorbene Laborantin beschäftigte sich beruflich mit gefährlichen Krankheitserregern. Nach der Version, die Kolleginnen und Kollegen sowie unabhängige Medien schildern, zerbrach ihr am 25. September bei der Arbeit mit lebendem Biomaterial im Labor versehentlich ein Röhrchen, das das gefährliche Bakterium Yersinia pestis enthielt.
Zwei Tage später verschlechterte sich Schipilowas Zustand plötzlich. Sie kam notfallmäßig in das Kreiskrankenhaus von Schelechow. Die Ärzte kannten zunächst die Vorgeschichte nicht und vermuteten eine schwere Form von Covid-19. Sie brachten die Patientin in ein spezialisiertes Covid-Zentrum. Doch der rasche Verfall und das klinische Bild veranlassten die Mediziner, Schnelltests auf besonders gefährliche Infektionen durchzuführen. Die Frau wurde an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Ihr Leben konnten die Ärzte trotzdem nicht retten.
Die Lungenform der Pest verläuft extrem schnell. Ohne rechtzeitige, gezielte Behandlung mit Antibiotika endet sie praktisch immer tödlich.
Vertuschen die Behörden Informationen?
Die umgehende Reaktion der Behörden zeigt, wie ernst sie den Fall nehmen. Die Leiterin der Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadzor, Anna Popowa, reiste eilig in das Krankenhaus von Schelechow und nahm an einer außerplanmäßigen Sitzung der sanitären Anti-Epidemie-Kommission unter Vorsitz des Regionschefs Igor Kobsew teil.
Nach dem Zwischenfall griffen die Verantwortlichen zu der für russische Behörden typischen Strategie, Informationen zu begrenzen. In den ersten 24 Stunden vermieden offizielle Vertreter der Region Irkutsk und der Gouverneur das Wort "Pest“. Am zweiten Oktober sprach der Gouverneur von einer „besonders gefährlichen Infektion“ und erklärte, die „Situation stehe unter strenger Kontrolle“. Tags darauf riefen die Behörden der Stadt Baikalsk die Bevölkerung auf, wegen der Pest nicht nach Schelechow zu fahren, löschten den Beitrag jedoch wenige Stunden später.
Auch der Chef der benachbarten Republik Burjatien, Alexej Zydjonow, äußerte sich zu dem Fall. Unter Berufung auf Rospotrebnadzor und die Regierung der Republik erklärte er zunächst, der Tod der Frau stehe mit der Pest in Zusammenhang. Später formulierte er seine Stellungnahme deutlich vorsichtiger um.
Die widersprüchlichen und unvollständigen Angaben heizten die Stimmung in sozialen Netzwerken in Irkutsk und den Nachbarregionen an. Dort breitete sich zunehmend Panik aus.
Der bekannte russische Epidemiologe Gennadi Onischenko versuchte, die Einwohner zu beruhigen. Er erklärte, die Hauptüberträger der Pest – Nagetiere und Flöhe – befänden sich in Sibirien Anfang Oktober bereits in der Winterruhe. Viele Menschen bleiben dennoch verunsichert.
"Lungenentzündung unklarer Ursache“
Am Sonntag erklärte Rospotrebnadzor, die sanitäre und epidemiologische Lage in der Region Irkutsk sei stabil. Die Frau sei an einer "Lungenentzündung unklarer Ursache“ gestorben. Das Amt betont, erweiterte Untersuchungen von Proben der Patientin hätten keine Mikroorganismen ergeben, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Verbindung stehen.
"Die sanitäre und epidemiologische Situation in der Region Irkutsk sowie in den Städten Irkutsk und Schelechow ist stabil“, heißt es in einer Mitteilung der Pressestelle von Rospotrebnadzor. "Ein spezielles Maßnahmenpaket wurde im Zusammenhang mit der Erkrankung einer Mitarbeiterin des Irkutsker Pestinstituts für Sibirien und den Fernen Osten organisiert und durchgeführt. Diagnose: "Lungenentzündung unklarer Ursache‘.“
Rospotrebnadzor teilte zudem mit, im Institut seien bei der Arbeit mit pathogenen Mikroorganismen keine Zwischenfälle registriert worden. Unter den Beschäftigten habe es in den vergangenen zehn Tagen keine Meldungen über Infektionskrankheiten gegeben.