Ein ehemaliger ukrainischer Offizier steht in Deutschland wegen der Nord-Stream-Sabotage vor Gericht. Heute hat der Prozess begonnen.
Mehr als vier Jahre nach den Sprengungen an den Nord-Stream-Pipelines beginnt heute in Hamburg der Prozess gegen einen ehemaligen ukrainischen Offizier.
Der 50-Jährige soll der Kopf des Teams sein, das 2022 die Gasleitungen in der Ostsee sabotierte.
Im September 2022, sieben Monate nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine, erschütterten mehrere Explosionen die Ostsee. Sie beschädigten drei der vier Nord-Stream-Pipelines, die russisches Gas nach Europa transportieren sollten.
Damals machten einige im Westen Russland rasch dafür verantwortlich, seine eigene Exportleitung sabotiert zu haben. Deutsche Ermittler identifizierten jedoch eine Zelle von Ukrainern, die sie als mutmaßliche Täter ansehen.
Ermittler werfen Sergiy Kuznietsov, einem ehemaligen Offizier der ukrainischen Spezialkräfte, vor, eine Gruppe von Tauchern, einen Sprengstoffexperten und einen Skipper angeführt zu haben, die Sprengsätze an den Leitungen angebracht haben sollen.
Kuznietsov, den die Behörden im vergangenen Jahr in Italien festnahmen und nach Deutschland überstellten, muss sich unter anderem wegen eines „Kriegsverbrechens“, eines Angriffs auf zivile Infrastruktur und wegen Herbeiführung einer Explosion verantworten.
Vor Beginn des Prozesses in der norddeutschen Stadt Hamburg protestierte eine kleine Gruppe pro-ukrainischer Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude.
Sie hielten Schilder mit der Aufschrift „Russland ist ein Terrorist“ und „Was sind Kriegsverbrechen? Eine gesprengte Pipeline? Oder die Bombardierung von Gebäuden und das Töten von Menschen?“
Laut Anklageschrift reiste Kuznietsov Anfang September 2022 mit einem gefälschten ukrainischen Pass nach Deutschland ein. Gemeinsam mit dem restlichen Sabotageteam stach er im Ostseehafen Rostock an Bord einer gecharterten Yacht in See.
Die Yacht war demnach mit großen Mengen militärischen Sprengstoffs beladen und nahm Kurs auf eine Stelle nahe der dänischen Insel Bornholm, an der die Pipelines auf dem Meeresgrund verlaufen.
Taucher sollen anschließend Sprengsätze mit Zeitzündern an den Leitungen angebracht haben. Diese explodierten einige Tage später.
Sabotageangriffe
Kuznietsovs Verteidiger versuchten vergeblich, die Zuständigkeit des deutschen Gerichts anzufechten. Sie deuten an, dass sie argumentieren könnten, die Pipelines seien im Kampf der Ukraine gegen die russische Invasion legitime militärische Ziele gewesen.
Der Angeklagte will im Prozess jede Aussage verweigern, berichtete das Nachrichtenmagazin „Stern“ am Mittwoch. Ehemalige Mitglieder der ukrainischen Spezialkräfte dürfen über ihre frühere Tätigkeit öffentlich nicht sprechen.
Die Pipelines baute und betrieb ein Firmenkonsortium unter Leitung des russischen Energieriesen Gazprom.
Zum Zeitpunkt der Explosionen war keine der Leitungen in Betrieb.
Moskau hatte die Gaslieferungen nach Westeuropa über Nord Stream 1 bereits gestoppt, nachdem die Europäische Union wegen des Kriegs in der Ukraine Sanktionen verhängt hatte. Nord Stream 1 besteht aus zwei Leitungen.
Nord Stream 2, ebenfalls bestehend aus zwei Leitungen, war gerade erst fertiggestellt worden und nie in Betrieb gegangen.
Auf die Frage der Nachrichtenagentur AFP, was Russland von dem Prozess erwarte, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow, er rechne damit, „dass diejenigen benannt werden, die ihn durchgeführt haben, ebenso wie diejenigen, die ihn angeordnet haben“.
„Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthafte Zweifel daran hat, wer in Wirklichkeit dahintersteckt“, fügte Peskow hinzu.
Ein ranghoher ukrainischer Regierungsvertreter sagte der AFP hingegen, Kyjiw habe „keinerlei Erwartungen an den Prozess“.
Heikles Thema
Kyjiw bestreitet konsequent, die Sabotage geplant zu haben.
Gleichzeitig machte die ukrainische Regierung keinen Hehl aus ihrer Zufriedenheit über das Ergebnis. Die Zerstörung der Pipelines habe Moskaus Fähigkeit geschwächt, den Krieg zu finanzieren, hieß es.
Einen weiteren Verdächtigen, der teilweise als Wolodymyr Z. identifiziert und beschuldigt wird, als Taucher an der Sabotage beteiligt gewesen zu sein, nahmen die Behörden im August in Kroatien fest.
Ein kroatisches Gericht hat seiner Auslieferung nach Deutschland zugestimmt. Der Mann legt jedoch Rechtsmittel dagegen ein.
Medienberichten zufolge beriet Wolodymyr Z. die Produzenten eines Hollywoodfilms, der von der Sabotage inspiriert ist. Oscar-Preisträger Adrien Brody soll den Kopf der Sabotageeinheit verkörpern.
Zuvor war Wolodymyr Z. in Polen festgenommen worden, war aber freigekommen, nachdem ein polnischer Richter seine Auslieferung an Deutschland verweigert hatte. Die Sabotage der Pipelines sei als Teil der ukrainischen Verteidigung gerechtfertigt, urteilte er.
Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine hat sich Deutschland zum wichtigsten militärischen Unterstützer Kyjiws entwickelt und wirft Russland regelmäßig Sabotage und Spionage auf deutschem Boden vor.
Die Nord-Stream-Sabotage bleibt in Deutschland dennoch ein heikles Thema.
Manche machen die Anschläge mitverantwortlich für steigende Energiepreise und eine Gasversorgungskrise, die Europas größte Volkswirtschaft erschütterte.