Ein vollständiger Zusammenbruch des Thwaites-Gletschers, auch „Doomsday Glacier“ genannt, könnte den Meeresspiegel weltweit um etwa 65 cm steigen lassen.
Der Thwaites-Gletscher, auch „Doomsday Glacier“ genannt, wird weiter schmelzen, selbst wenn sich die überhitzten Ozeane wieder abkühlen. Davor warnen Forschende.
In diesem Sommer haben die Weltmeere ihre bislang höchste gemessene Tagesdurchschnittstemperatur erreicht: Am 22. August lag die Oberflächentemperatur außerhalb der Polarregionen im Mittel bei 21,1 Grad. El Niño verstärkt sich im Pazifik weiter, deshalb ist ein deutlicher Temperaturrückgang in naher Zukunft unwahrscheinlich.
Doch selbst unter den „extremsten denkbaren Abkühlungsbedingungen“ der Ozeane verliert der Doomsday Glacier nach neuen Berechnungen des British Antarctic Survey (BAS) mindestens die nächsten 150 Jahre weiter Eis.
Ein vollständiger Zusammenbruch des Eisschilds würde den globalen Meeresspiegel Schätzungen zufolge um etwa 65 Zentimeter ansteigen lassen. Pro zusätzlichem Zentimeter Meeresspiegel wären rund sechs Millionen Menschen weltweit stärker von Küstenüberflutungen bedroht.
Doomsday Glacier: Künftiger Eisverlust gilt als unvermeidbar
Forschende haben ein Modellexperiment für den Thwaites-Gletscher und seinen Nachbarn, den Pine-Island-Gletscher, durchgeführt. Beide zählen derzeit zu den größten Eisverlust-Verursachern in diesem Teil der Antarktis.
In drei unabhängigen Computermodellen schalteten sie die schmelzenden Einflüsse des Ozeans unter beiden Gletschern vollständig ab, also jene Effekte, die durch den Klimawandel ausgelöst werden.
Die in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters (Quelle auf Englisch) veröffentlichte Studie zeigt einen „auffälligen Unterschied“ darin, wie sich beide Gletscher über einen Zeitraum von 150 Jahren entwickeln.
Der Pine-Island-Gletscher reagierte wie erwartet: In den Modellen hörte sein Eisschild auf zu schmelzen und begann wieder zu wachsen. Die Gletscherfront rückte in Richtung der Lage vor, die sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einnahm.
Der Thwaites-Gletscher verlor hingegen weiter Eis, obwohl im Modell kein Ozean-Schmelzen mehr stattfand. Die Verlustrate nahm mit der Zeit ab, weil der Gletscher immer dünner wurde.
„Die Ergebnisse zeigen, dass frühere Veränderungen beim ozeanbedingten Schmelzen dazu geführt haben, dass wir nun unumgänglichen zukünftigen Eisverlust am Thwaites-Gletscher in Kauf nehmen müssen“, sagt Dr. Rosie Williams, Glaziologin am BAS und Hauptautorin der Studie.
„Dieser Eisverlust lässt sich nicht rückgängig machen oder verhindern, indem wir den Ozean einfach abkühlen.“
Doomsday Glacier: Lässt sich das Schmelzen überhaupt stoppen?
Ein Szenario ohne jegliches Schmelzen gibt es in der Realität nicht. Allein das Meerwasser unter dem Gletschereis sorgt immer für einen gewissen Wärmefluss und damit für Schmelze.
Der Ozeanmodellierer des BAS und Mitautor der Studie, Professor Paul Holland, erklärt, dass sich der Thwaites-Gletscher in den 1940er-Jahren zurückzuziehen begann. Die Erwärmung der Weltmeere wurde dabei zu einem „entscheidenden Faktor“ für den Eisverlust.
Die Simulationen zeigen, dass das historische Schmelzen des Thwaites-Gletschers „künftige Generationen fest an die Herausforderungen des Meeresspiegelanstiegs bindet“. Nimmt die Welt die Emissionen von Treibhausgasen nicht deutlich zurück und kehrt sie idealerweise um, verstärkt sich der Eisverlust zusätzlich.
„Wir wissen noch nicht, ob die anderen großen Gletscher der Antarktis ebenfalls in einen Zustand unumkehrbarer Veränderung geraten“, sagt Holland.
„Wir müssen dringend handeln und jene menschlichen Aktivitäten verändern, die das ozeanbedingte Schmelzen dieser Gletscher antreiben.“