Finden Sie uns
Werbung

Spanien vor der Wahl: Die Rentenlücke, die niemand genau beziffern kann

Mehrere Rentner demonstrieren auf einem Foto, aufgenommen am Mittwoch, dem 26. September 2018, in Madrid, Spanien.
In einem am Mittwoch, 26. September 2018, in Madrid aufgenommenen Foto protestieren Rentner. -  Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Cristian Caraballo
Zuerst veröffentlicht am •Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Spanien zahlt so hohe Renten wie nie, das Defizit der Sozialversicherung ist so niedrig wie seit 2011 nicht mehr. Doch ein Fünftel der Einnahmen stammt vom Staat, die Schulden übersteigen 136 Milliarden Euro.

Am 5. Oktober hat Pedro Sánchez Parlamentswahlen für den 29. November angekündigt. Wie bei jeder Wahl rücken damit die Renten sofort ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine der meistgestellten Fragen lautet: Ist das Rentensystem eigentlich insolvent? Die Daten erlauben keine endgültige Antwort, weder in die eine noch in die andere Richtung.

WERBUNG
WERBUNG

In diesem Jahr verzeichnet Spanien die höchste monatliche Rentenzahlung seiner Geschichte: fast 14,5 Milliarden Euro. Das Defizit der Sozialversicherung liegt mit 0,4 Prozent des BIP zugleich auf dem niedrigsten Stand seit 2011. Gleichzeitig stammen mehr als 20 Prozent der Einnahmen des Systems der Sozialen Sicherheit aus dem Staatshaushalt, die Schulden beim Schatzamt übersteigen 136 Milliarden Euro, und die massenhafte Verrentung der "Babyboomer" hat gerade erst begonnen.

Kann ein Umlagesystem zusammenbrechen?

Das spanische Rentensystem funktioniert nach dem Umlageprinzip: Die heutigen Beiträge finanzieren die heutigen Renten. Für den einzelnen Arbeitnehmer gibt es keine individuelle Kapitaldeckung und keinen Rententopf, der einfach leer wird. Die Verfassung verpflichtet den Staat in Artikel 50, angemessene Renten zu garantieren und regelmäßig anzupassen. Reichen die Mittel nicht aus, muss der Staat die Lücke durch Kredite oder direkte Zuschüsse schließen.

Von einer klassischen Pleite kann deshalb keine Rede sein. Umlagesysteme gehen nicht unter wie ein Unternehmen. Solange ein Staat dahintersteht, werden die Renten weiter ausgezahlt. Das Problem entsteht, wenn die Kosten des Systems schneller wachsen als die Wirtschaft, die es trägt. Am Ende muss jemand entscheiden, wer diese Mehrkosten schultert.

Santiago Calvo, Professor für quantitative Volkswirtschaftslehre und öffentliche Finanzen sowie stellvertretender Leiter des Ruth-Richardson-Zentrums, argumentiert in die gleiche Richtung. Die Sozialversicherung könne nicht wie ein Unternehmen insolvent werden, erklärt er, denn dahinter stehe die Fähigkeit des Staates, Steuern zu erheben und Schulden aufzunehmen.

Damit verlagert sich das Risiko jedoch auf den Staat selbst. In "Der Elefant im Raum", dem Buch, das er gemeinsam mit Daniel Fernández verfasst hat, sprechen die Autoren von einer Pleite "nach griechischem Vorbild". Calvo beschreibt ein Szenario, in dem der Staat jahrelang die Lücke über neue Schulden finanziert und eine Rezession oder ein Zinsanstieg plötzlich die Risikoprämien nach oben treibt. Dann verliert Spanien die Möglichkeit, sich zu vertretbaren Kosten zu refinanzieren.

"In diesem Moment wird die Anpassung nicht mehr im Kongress beschlossen, mit Zeitplan und schrittweise, sondern mit den Gläubigern als Bedingung für ein Rettungspaket ausgehandelt. Und der größte Posten im Haushalt ist der erste, an den man herangeht", warnt er. In Griechenland, erinnert Calvo, trafen die Kürzungen auch bereits verrentete Menschen. Die durchschnittliche Rente sank von rund 1.350 Euro im Jahr 2009 auf 833 Euro wenige Jahre später. Die folgenden Zahlen zeigen, wie umstritten die Debatte ist.

Offizielle Rechnung: 0,4 Prozent des BIP

Nach Angaben des Ministeriums für Inklusion, Sozialversicherung und Migration ist die Lage derzeit vergleichsweise entspannt. 2025 schloss die Sozialversicherung mit einem Fehlbetrag von 7,4 Milliarden Euro ab. Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber 2024, als das Defizit noch 9,8 Milliarden Euro betrug.

Der Fehlbetrag für 2025 entsprach 0,4 Prozent des BIP. Das ist der niedrigste Wert seit 2011 und ein großer Fortschritt gegenüber 1,7 Prozent im Jahr 2016. Die Beitragseinnahmen stiegen 2025 um 6,9 Prozent auf 176,9 Milliarden Euro. Bis August 2026 summierten sie sich auf 126,0 Milliarden, ein Plus von 7,5 Prozent. Das Rekordwachstum am Arbeitsmarkt war einer der wichtigsten Treiber, zusammen mit der steigenden Zahl der Beschäftigten, die in das System einzahlen.

Ende Juli 2026 verzeichnete Spanien 22.509.200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, erstmals mehr als 22,5 Millionen. Ausländische Arbeitskräfte machten 15,6 Prozent aller Beitragszahler aus. Im Juni kamen 2,37 Beschäftigte auf einen Rentner. Das ist die zentrale Stellgröße in einem Umlagesystem. Auf den Balearen lag die Quote im Juni bei 3,48 Beitragszahlern je Rentenempfänger, in Ourense waren es nur 1,14.

Staatliche Zuschüsse: gut 20 Prozent der Einnahmen

Der Schlüssel zum Verständnis der spanischen Sozialversicherung steckt im Kleingedruckten der Bilanz. Von den 232,8 Milliarden Euro Einnahmen im Jahr 2025 stammten 47,8 Milliarden aus staatlichen Transfers, 11 Prozent mehr als im Vorjahr.

Damit stieg der Anteil der Einnahmen, der direkt aus dem Staatshaushalt kommt, auf 20,5 Prozent. Laut Ministerium geht ein großer Teil des Zuwachses auf den Pakt von Toledo zurück. Er legt fest, dass bestimmte Ausgaben über Steuern finanziert werden müssen. Das gilt auch für das Mindesteinkommen und die Zuschläge auf Mindestrenten.

Die Forschungsstiftung Fedea wählt einen breiteren Blick, um die Finanzlage der Sozialversicherung zu beurteilen. Nach ihrer Analyse der Konten von 2005 bis 2025 beliefen sich die staatlichen Transfers an das erweiterte System im Jahr 2025 auf 61,3 Milliarden Euro.

Rechnet man diese Zuschüsse in die Bilanz hinein, ergibt sich ein Gesamtdefizit von rund 8,4 Milliarden Euro, ähnlich groß wie die 7,4 Milliarden, die das Ministerium ausweist. Lässt man die Transfers außen vor, steigt das Kerndefizit auf 69,8 Milliarden Euro oder 4,15 Prozent des BIP, also auf das Achtfache.

Beide Werte sind korrekt, weil sie Unterschiedliches messen. Ein Teil der Transfers finanziert Leistungen, bei denen niemand bestreitet, dass sie aus Steuermitteln bezahlt werden sollen. 2024 flossen von insgesamt 58,3 Milliarden Euro an Transfers 13,0 Milliarden in nicht beitragsbezogene Leistungen und 15,2 Milliarden in die Renten der Beamten.

Der größte Block, 27,5 Milliarden Euro, diente der Finanzierung beitragsbezogener Leistungen. Die Fedea-Studie verbucht diesen Teil als Defizit, während ihn die offizielle Buchführung des Ministeriums als zusätzliche Einnahme behandelt.

Es handelt sich also nicht um einen Rechenfehler zwischen 7 und 70 Milliarden Euro, sondern um die Frage, wie viel über Beiträge und wie viel über Steuern finanziert werden soll. Beide Sichtweisen sind sich darin einig, dass die Bilanz mit oder ohne Transfers klar negativ bleibt.

Auch Calvo betont, beide Zahlen seien "korrekt, beantworten aber unterschiedliche Fragen". Die Zahl des Ministeriums zeige, wie groß die Lücke der Sozialversicherung noch sei, nachdem sie fast 53 Milliarden Euro vom Staat erhalten habe. Ihre Größe hänge vor allem davon ab, wie viel das Finanzministerium jedes Jahr beisteuere.

Die Berechnung von Fedea stelle dagegen gegenüber, was das System aus eigenen Beiträgen einnimmt und was es ausgibt. Das sei "die relevante Frage, wenn man über Nachhaltigkeit spricht". Nach Calvos Rechnung liegt das beitragsbezogene Defizit, also der Abstand zwischen beitragsfinanzierten Leistungen und den Beiträgen selbst, bei rund 63,7 Milliarden Euro oder etwa 3,8 Prozent des BIP.

Die offizielle Zahl hat aus seiner Sicht zudem "ein Interpretationsproblem". 2025 ging das buchhalterische Defizit um rund 2,45 Milliarden Euro zurück, während die staatlichen Transfers um etwa 4,86 Milliarden zunahmen. "Ohne diesen zusätzlichen Staatsbeitrag hätte sich der Saldo also verschlechtert." Und da der öffentliche Gesamthaushalt weiterhin im Minus steckt, stammen diese Mittel faktisch aus neuen Schulden.

Die Transfers sind nicht der einzige Hebel. Der Staat leiht der Sozialversicherung auch Geld. Ende 2024 schuldete sie dem Staat 135,3 Milliarden Euro. Laut Bericht des Rechnungshofs machten die langfristigen Kredite 7,9 Prozent des BIP aus.

Der Pakt von Toledo setzte 2023 einen Schlusspunkt für die Nutzung dieser Kredite. Trotzdem genehmigte der verlängerte Haushalt von 2023 noch zwei weitere Darlehen über jeweils 10,0 Milliarden Euro, die 2024 und 2025 ausgezahlt wurden.

Zwischen Dezember 2022 und Dezember 2025 stieg die Verschuldung um 30,0 Milliarden Euro auf über 136 Milliarden. Das ist mehr als doppelt so viel wie der Betrag, der im gleichen Zeitraum in den Rentenreservefonds eingezahlt wurde. Je stärker dieser Fonds wächst, desto schneller wächst auch die Schuldenlast.

Regel aus Brüssel: knapp eingehalten

Am 29. Mai prüfte die unabhängige Haushaltsbehörde AIReF, ob die Rentenausgaben die mit Brüssel vereinbarte Grenze einhalten. Im Schnitt von 2022 bis 2050 sollen sie nach Abzug neuer Einnahmemaßnahmen nicht mehr als 13,3 Prozent des BIP ausmachen. AIReF kam auf 13,0 Prozent, also 0,3 Punkte unter dem Schwellenwert.

Brutto lagen die Rentenausgaben bei 14,6 Prozent. Die neuen Einnahmequellen drückten sie um 1,6 Punkte. Die Reform der Beiträge für Selbstständige war der Hauptgrund für die Verbesserung gegenüber der vorigen Bewertung. Mit diesem Ergebnis greift die sogenannte Schließungsklausel nicht. Dieser Mechanismus würde bei einer Abweichung und ohne politischen Kompromiss die Beiträge für den Mechanismus zur intergenerationalen Fairness (MEI) automatisch anheben.

Eine weniger beruhigende Lesart: Ohne diese Einnahmemaßnahmen würden die Bruttoausgaben die Grenze um 1,3 Punkte des BIP überschreiten. Die Regel wird eingehalten, weil die Politik entschieden hat, mehr Geld einzunehmen. Dasselbe Gutachten zeigt auch, dass die Staatsverschuldung ohne Kurswechsel ab 2035 wieder ansteigen und 2050 bei 123 Prozent des BIP liegen würde.

Hinzu kommt: Die Transfers an das Rentensystem müssten bis dahin auf drei Prozent des BIP wachsen, und drei von vier Euro des Mehraufwands kämen vom Zentralstaat. Der müsste andere Politikbereiche kürzen oder sich weiter verschulden. Nach diesen Zahlen sind das Einhalten der Brüsseler Regel und stabile Schulden zwei getrennte Ziele.

Das Ministerium stellte am 9. April sein eigenes Projektionsmodell INTegraSS vor. Laut Pressemitteilung bleibt die durchschnittliche Rentenausgabenquote bis 2050 in der Nähe von 14 Prozent des BIP.

Diese Zahl liegt unter den jüngsten Schätzungen von AIReF, die im Schnitt Bruttoausgaben von 14,6 Prozent des BIP erwartet, rund 0,6 Punkte mehr. Der Unterschied ergibt sich aus abweichenden Annahmen, etwa zur Entwicklung von Beschäftigung, Geburtenrate und Zuwanderung.

Für Calvo wächst die Verwundbarkeit des Landes "jedes Jahr". Spanien liegt mit seiner Staatsverschuldung bei rund 100 Prozent des BIP, die Transfers an die Sozialversicherung nähern sich bereits vier Punkten des BIP, und die Rentenausgaben werden mit der Verrentung der "Babyboomer" laut AIReF bis 2050 auf 16,4 Prozent des BIP steigen.

Calvo will kein Datum für eine mögliche Krise nach griechischem Muster nennen. Sie hänge von einem Auslöser ab, den niemand vorhersagen könne. Die größte Verwundbarkeit sieht er jedoch in den nächsten zwei Jahrzehnten. "Was Spanien heute von Griechenland trennt, ist die Möglichkeit, rechtzeitig und aus eigener Entscheidung eine Reform umzusetzen, die sonst von außen aufgezwungen würde", sagt er.

Die Reform von 2023 brachte den MEI, einen zweckgebundenen Beitrag. Er startete bei 0,6 Prozent der Löhne, steigt jedes Jahr, soll 2029 bei 1,2 Prozent liegen und danach weiterlaufen. Die Einnahmen fließen in den Reservefonds und dürfen bis 2033 nicht angetastet werden. Bisher hat der MEI 11,0 Milliarden Euro eingebracht, für 2026 rechnen die offiziellen Prognosen mit weiteren 5,3 Milliarden.

Rententopf auf Zehnjahreshoch

Am 31. März 2026 verfügte der Reservefonds über 15,3 Milliarden Euro, so viel wie seit einem Jahrzehnt nicht. Im Vergleich mit der Rentenzahlung wird die Größenordnung klarer: Allein die reguläre Monatszahlung kostete im September 14,5 Milliarden Euro. Der Fonds könnte also nur etwas mehr als einen Monat lang Renten bedienen.

Ende 2011, auf seinem Höchststand, lag der Fonds bei 66,8 Milliarden Euro, das entsprach 6,22 Prozent des BIP. In den Folgejahren wurde er Schritt für Schritt aufgezehrt, um laufende Renten zu finanzieren. 2025 wuchs er um rund 4,7 Milliarden Euro, genug für gerade einmal zehn zusätzliche Rentenzahltage.

Eigentlich sollte der Reservefonds kurzfristige Differenzen zwischen Einnahmen und Ausgaben ausgleichen. Dass er nun wieder den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht, sagt deshalb mehr darüber, wie tief er zeitweise gefallen war, als über seine aktuelle Stärke.

Babyboomer belasten die Bilanz

Die Belastung für das Rentensystem ist in den aktuellen Zahlen bereits sichtbar, und die Projektionen für die kommenden Jahre fallen noch angespannter aus. Im September zahlte die Sozialversicherung 10.547.417 Renten an 9.529.386 Anspruchsberechtigte. Die Rentensumme stieg im Jahresvergleich um 6,3 Prozent, die Zahl der Renten nur um 1,6 Prozent.

Ein kleiner Teil des Anstiegs geht also darauf zurück, dass es mehr Renten gibt. Der Rest hat damit zu tun, dass jede einzelne Rente höher ausfällt. In diesem Jahr stiegen die beitragsbezogenen Renten um 2,7 Prozent, die Mindestrenten sogar um mehr als sieben Prozent. Hinzu kommt der sogenannte Substitutionseffekt: Wer neu in Rente geht, erhält im Schnitt rund 500 Euro mehr pro Monat als die Person, deren Rente ausläuft. Die durchschnittliche Altersrente erhöhte sich binnen eines Jahres um ungefähr 4,5 Prozent auf 1.576,1 Euro im September.

2025 brachte einen Rekord bei neuen Altersrenten: 375.324 Menschen gingen in den Ruhestand. Frührenten nehmen weiter zu. Nach vorläufigen Daten der ersten vier Monate 2026 machten sie 31 Prozent aller neuen Renten aus, gegenüber 27,9 Prozent im Jahr 2025.

Der steilste Teil der Belastungskurve steht noch bevor. Die Generation der "Babyboomer", geboren zwischen Ende der 1950er und Mitte der 1970er Jahre, wird sich in den kommenden 20 Jahren nach und nach aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen.

Ein Demonstrant ruft während einer Kundgebung zum Schutz der Renten in Madrid am Samstag, dem 13. November 2021.
Ein Demonstrant ruft während einer Kundgebung zum Schutz der Renten in Madrid am Samstag, dem 13. November 2021. AP Photo

Nach Bevölkerungsprognosen des Statistikamts INE von Juni steigt der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von derzeit 21,1 Prozent bis 2076 auf 30,9 Prozent. Diese Szenarien setzen einen Wanderungsgewinn von 6,3 Millionen Menschen bis 2040 voraus. Ohne diese Zuwanderung wäre der Druck auf die Beiträge deutlich höher.

Calvo richtet den Blick auf die Folgen für jene, die heute ins Berufsleben starten. Die Projektionen zeigen bereits, dass die Rente später einen kleineren Teil des letzten Gehalts abdecken wird. Die sogenannte Ersatzquote würde bis 2050 von 77 auf 65 Prozent sinken, "und das unter Annahmen, die Fedea selbst als optimistisch bezeichnet". Wer heute 30 Jahre alt ist, geht ungefähr 2063 in Rente, in einem Land, in dem auf jeden Beitragszahler deutlich mehr Rentner kommen als heute.

Rentenplus 2027: rund 3,5 Prozent

Auch die Inflation spielt hinein. Nach ersten Schätzungen wird die Rentenerhöhung im kommenden Jahr bei etwa 3,5 Prozent liegen, dem höchsten Wert seit 2024. Die endgültige Zahl hängt vom vorläufigen Verbraucherpreisindex für November ab, der am 27. November veröffentlicht wird und die Grundlage für die Anpassung bildet.

Die Erhöhung muss erneut ohne neuen Haushalt beschlossen werden, denn Spanien startet 2027 mit dem verlängerten Etat von 2023. Im Januar lehnte der Kongress den ersten Erlass mit den Maßnahmen für dieses Jahr ab, die Regierung musste am 3. Februar einen neuen verabschieden. Die konstituierende Sitzung des neuen Parlaments ist für den 23. Dezember geplant, vorausgesetzt, es bildet sich sofort eine Regierung. Die Rentenerhöhung muss ab dem 1. Januar 2027 wirksam werden.

All diese Zahlen führen zu einer politischen Grundfrage: Wer trägt die steigenden Kosten des Rentensystems? Die Optionen sind begrenzt, und keine ist gratis.

Die erste Möglichkeit besteht darin, mehr Einnahmen zu erzielen. Hier setzten die Reformen von 2021 bis 2023 an, mit dem Mechanismus der intergenerationalen Fairness, der die Beiträge bis 2029 anhebt, und mit neuen Beitragsregeln für Selbstständige. Würde die Ausgabenregel verfehlt, löste die Schließungsklausel automatisch höhere MEI-Beiträge aus.

Die zweite Option lautet, pro Rente weniger Geld auszugeben. Das lässt sich erreichen, indem das tatsächliche Renteneintrittsalter steigt oder die Berechnung der anfänglichen Rentenhöhe geändert wird. Der Anteil von 31 Prozent vorgezogener Renten zeigt, wie groß die Lücke zwischen gesetzlichem und tatsächlichem Rentenalter ist.

Die dritte Option ist, den Staat weiter stärker in die Pflicht zu nehmen, mit zusätzlichen Transfers oder weiteren Krediten. Am Ende bedeutet das höhere Steuern oder mehr Staatsverschuldung. Genau das passiert bereits: Die Schulden der Sozialversicherung gegenüber dem Staat liegen schon über 136 Milliarden Euro.

Die vierte Möglichkeit ist, mehr Beitragszahler zu gewinnen, also Beschäftigung und Produktivität zu steigern und die Zahl der Erwerbsfähigen zu erhöhen. Das hängt stark von der Zuwanderung ab und spiegelt sich in den Projektionen des INE.

Ein Mann spricht während einer Kundgebung von Rentnerinnen und Rentnern in Pamplona, Navarra, am 1. Oktober 2018.
Ein Mann spricht während einer Kundgebung von Rentnerinnen und Rentnern in Pamplona, Navarra, am 1. Oktober 2018. AP Photo

Calvos Vorschlag: Notionalkonten

Calvo plädiert für einen Systemwechsel. Er schlägt ein Modell mit sogenannten Notionalkonten vor, bei dem jeder das erhält, was er eingezahlt hat, aufgewertet im Tempo der Wirtschaft, ergänzt um eine kapitalgedeckte Säule. Berechnungen von Devesa, Doménech und Meneu für Fedea, auf die er sich stützt, beziffern die Differenz zwischen den heutigen Anfangsrenten und den Renten in einem solchen Modell auf 12 bis 25 Prozent.

Zwölf Prozent ergeben sich unter der Annahme, dass das BIP so wächst wie in den vergangenen vier Jahrzehnten. 25 Prozent basieren auf den vorsichtigeren Prognosen der Europäischen Kommission. Diese Differenz misst nach Calvos Worten "den Teil des heutigen Versprechens, den das System aus eigenen Mitteln nicht finanzieren kann und der bereits über Transfers und Schulden bezahlt wird".

Sein Vorschlag schützt die laufenden Renten und führt die Umstellung generationenweise ein, ähnlich wie in Schweden. Für die 1970 Geborenen würden zunächst fünf Prozent der Rente nach der neuen Formel berechnet, für den Jahrgang 1971 zehn Prozent, und so weiter, bis die Generation von 1989 vollständig nach dem Notionalkonten-System in Rente ginge. Keine Kohorte würde einen abrupten Sprung gegenüber der vorherigen erleben, und jeder Arbeitnehmer wüsste Jahrzehnte im Voraus, welche Regeln für ihn gelten. Nach Calvos Einschätzung würden Menschen mit niedrigen Bemessungsgrundlagen, langen Erwerbsbiografien und Selbstständige profitieren, "in einem System, das jeden eingezahlten Euro zählt".

Er räumt ein, dass ein Kapitalstock besondere Vorsicht verlangt. Werden Beiträge in individuelle Konten umgeleitet, fehlt Geld zur Finanzierung der laufenden Renten. Daher schlägt er vor, mit dem MEI zu beginnen, der 2025 fast 5 Milliarden Euro für einen in Staatsanleihen investierten Reservefonds eingespielt hat. Dieses Geld solle in kapitalgedeckte Konten mit breit gestreuten Portfolios umgeleitet werden.

Später, wenn die Notionalkonten das System ins Gleichgewicht gebracht haben, ließen sich nach und nach drei oder vier Beitragspunkte in Kapitaldeckung überführen. Auf die Frage, wer die Anpassung trägt, verweist Calvo darauf, dass das heutige System dies längst tue und die Last auf junge Menschen und künftige Steuerzahler abwälze, "ohne es ihnen zu sagen". Eine Reform würde diese Last offenlegen und auf alle heute Erwerbstätigen verteilen.

Müsste er eine einzige Maßnahme für die Regierung wählen, die aus der Wahl am 29. November hervorgeht, würde Calvo noch im ersten Amtsjahr ein Gesetz beschließen lassen, das den Übergang zu Notionalkonten festlegt, mit einem nach Generationen gestaffelten Zeitplan, "der von Tag eins an fixiert ist".

Das Gesetz würde die Sozialversicherung zudem verpflichten, allen Beitragszahlern jedes Jahr einen Auszug mit ihrem bisher angesammelten Guthaben und einer Schätzung ihrer Rente zu schicken. Diese Informationspflicht stand bereits in der Reform von 2011, erinnert er, doch keine Regierung hat sie je umgesetzt. Nach seiner Einschätzung verfügt eine Regierung im ersten Jahr der Legislaturperiode über das meiste politische Kapital für eine Reform dieses Umfangs. Der gestaffelte Kalender erlaube ihre Verabschiedung, ohne in den Anfangsjahren eine einzige laufende Rente anzutasten.

Fragt sich jemand mit 30 Jahren, ob er später eine Rente erhält, verweist Calvo darauf, dass es sie geben wird, "denn es ist der politisch am stärksten abgesicherte Ausgabenposten im Land, und keine Regierung wird aufhören, ihn zu bedienen". Die Unsicherheit liege vielmehr in der Höhe im Verhältnis zum letzten Lohn und im Renteneintrittsalter.

Sein Rat: schon jetzt mit eigenem Sparen beginnen, auch wenn es nur kleine Beträge sind, betriebliche Vorsorgepläne nutzen, falls der Arbeitgeber sie anbietet, und die Debatte aufmerksam verfolgen, denn für seine Generation stehe am meisten auf dem Spiel. "Die beste Garantie ist, dass das System reformiert wird, solange noch genug Zeit bleibt, sich anzupassen."

Jede Option trifft unterschiedliche Gruppen und wirkt in unterschiedlichen Zeiträumen, und die Uhr tickt. Am 27. November wird feststehen, wie stark die Renten im Januar steigen. Am 29. November findet die Parlamentswahl statt. Die Renten werden weiter gezahlt. Wer gewinnt, entscheidet, wer die Rechnung trägt, die laut AIReF bis 2050 staatliche Transfers in Höhe von drei Prozent des BIP erfordern würde.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Europa im Ausnahmezustand: Eine Welle des Protests überrollt den Kontinent

Chinas Wirtschaft wächst um 4,5 Prozent dank Exportboom: Warum die starke Zahl trügt

Freizeitaktivitäten für jede achte Person in der EU unbezahblar