Der mutmaßliche Angreifer von Trappes - einem Vorort von Paris - ist in die Psychiatrie verlegt worden. Kevin T., der einen jungen Mann erschossen und fünf weitere Personen verletzt hat, hatte Cannabis und Kokain im Blut.
Die Polizei hat die Inhaftierung des Verdächtigen nach dem Angriff in Trappes bei Paris aufgehoben. Der Verdächtige hatte einen 26 Jahre alten Mann mit einer automatischen Waffe erschossen sowie fünf weitere Personen verletzt, darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Die Inhaftierung wurde „aus psychiatrischen Gründen“ ausgesetzt, teilte die Antiterror-Staatsanwaltschaft (Pnat) am Sonnta mit.
Der mutmaßliche Todesschütze wurde in die psychiatrische Krankenstation der Polizeipräfektur in Paris verlegt, für „eine Beobachtungsphase (…) , die bis zu 48 Stunden dauern kann“. Dies „soll ermöglichen, zu prüfen, ob sein psychiatrischer Gesundheitszustand mit der Fortsetzung der Vernehmungen vereinbar ist“, so die Justizbehörden.
Die toxikologische Analyse ergab, dass Kevin T. - der bisher zuvor wegen Verkehrs- und Drogenvergehen polizeilich bekannt war - Cannabis und Kokain im Blut hatte.
Vier Personen aus seinem Familien- und Freundeskreis - darunter seine Eltern - werden weiterhin von den Ermittlern befragt.
"Mein Kampf" bei Angreifer zu Hause gefunden
Die Polizei fand in der Wohnung von Kevin T. ein Exemplar von "Mein Kampf" dem Buch Adolf Hitlers. In dem Apartment in der Gemeinde Plaisir lagen laut Quellen der Agentur AFP, die den Justizbehörden nahestehen, auch eine Bibel und ein Koran.
Die Ermittler erklärten zudem, der 39-Jährige habe seine Wohnung mit drei Gasflaschen und Elektrokabeln präpariert, die an eine Zeitschaltuhr angeschlossen waren.
Am Freitag, dem 23. Oktober, gegen 10.30 Uhr hatte der Verdächtige aus seinem Auto heraus das Feuereröffnet und im Dauerfeuer auf Passanten geschossen - in Trappes und in La Verrière, etwa 30 Kilometer südwestlich von Paris.
Die Polizei nahm Kevin T. danach rasch fest. In seinem Auto fanden die Beamten eine Maschinenpistole aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie Tränengasgranaten.
"Rassismus tötet"
Das Todesopfer ist Pengo Bossio Wangi, 26 Jahre alt, war Medienberichten zufolge bekannt als ein aussichtsreicher Sportler im MMA-Kampfsport.
Am Samstag versammelten sich Hunderte Menschen am Ort des Anschlags, um der Opfer zu gedenken. Viele hielten Schilder mit der Aufschrift „Trappes fordert Gerechtigkeit und Wahrheit“ oder „Worte töten“ und legten anschließend eine Schweigeminute ein.
„Das hätte jedem passieren können. Er hat auf Schwarze und Araber geschossen“, sagte ein Händler nordafrikanischer Herkunft gegenüber der AFP.
„Rassismus tötet. Die extreme Rechte tötet“, erklärte Mathilde Panot, Fraktionschefin der linken Partei "La France Insoumise" (LFI), die an der Kundgebung teilnahm.
Die Familie des Opfers geht davon aus dass, der Verdächtige den Behörden bekannt gewesen sei, und fragt, wie er überwacht wurde.
Er war viermal wegen Straftaten des allgemeinen Strafrechts verurteilt worden, unter anderem wegen Verkehrsdelikten. Nach den verfügbaren Informationen tauchte er jedoch nicht in den Akten der Nachrichtendienste auf.
In einer von ihrem Anwalt verbreiteten Erklärung fordern die Angehörigen von Pengo Bossio Wangi eine Untersuchung möglicher Versäumnisse der Behörden und verlangen, „den Radikalisierungsweg des Verdächtigen umfassend zu rekonstruieren“, „einschließlich der ideologischen Quellen, denen er ausgesetzt war“.
Die Verantwortung der Medien
Der Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, macht auch private TV-Nachrichtensender für die Anstachelung zu Gewalt verantwortlich, weil sie in ihren Diskussionsrunden rechtsextremen Politikern wie Eric Zemmour und Marion Maréchal erlauben, fremdenfeindliche und rassistische Kommentare zu äußern.
Wenn im Fernsehen zu hören sei, "Trappes ist Kabul", würden nicht nur eine Stadt und ihre Bewohner stigmatisiert, sondern es werde die Vorstellung "eines Kreuzzugs" genährt - so der Ali Rabeh. "Worte haben dramatische Folgen".
Nach Informationen der Tageszeitung Le Monde soll der Verdächtige den Polizisten gesagt haben, er wolle Menschen mit Migrationshintergrund angreifen, um die Geschäftsleute zu „rächen“, deren Geschäfte am 17. Oktober geplündert worden waren.
An diesem Samstag verlief die Mobilisierung von Schülern, Studenten und Gewerkschaften mit weniger Gewalt als in der Woche zuvor, auch wenn es zu einigen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten kam.
Macron löst Kontroverse aus
Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Schüsse im Département Yvelines vor Ort als „rassistischen Terroranschlag“.
Zugleich löste er Kritik aus, weil er erklärte, es sei das „erste Mal“, dass durch einen Terrorakt Franzosen „wegen der Hautfarbe oder der Religion“ angegriffen wurden.
In Frankreich gab es jedoch bereits mehrere derartige Fälle, etwa die Anschläge von Mohamed Merah in Toulouse und Montauban im Jahr 2012, der Angriff auf den Supermarkt Hyper Cacher 2015 gegen die jüdische Gemeinde, die Ermordung von Pater Hamel im Jahr 2016 sowie der Anschlag auf die Basilika Notre-Dame in Nizza 2020.
Auf X erklärte der Präsident des Rates der jüdischen Institutionen Frankreichs (CRIF), Yonathan Arfi, die Äußerung des Präsidenten der Republik verdiene „eine Korrektur“, und erinnerte an die Namen mehrerer Opfer.
Am Freitagabend schrieb Macron dann auf X, „dass unser Land in den vergangenen Jahren Anschläge erlebt hat, bei denen Christen getroffen wurden, weil sie Christen waren, und Juden, weil sie Juden waren“.
„Keines dieser Opfer darf vergessen werden. Kein Schmerz darf gegeneinander aufgerechnet werden“, so der Präsident.
Der Anschlag von Trappes sechs Monate vor den Präsidentschaftwahlen ereignet sich in einer aufgeheizten Stimmung, während die rechtsnationale Kandidatin Marine Le Pen in den Umfragen vorn liegt.
An diesem Samstag, als ihre Partei Rassemblement National den Parteitag in Orléans eröffnete, protestierten nach Angaben der Präfektur 11.000 Menschen, nach Angaben der Organisatoren 26.000 gegen die extreme Rechte.
Unter den Teilnehmern war Bally Bagayoko, LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, der von Rechten und extremen Rechten regelmäßig für seine Unterstützung der Proteste und seine Präsenz bei Schulblockaden kritisiert wird. „Überall dort, wo Menschen gegen Rassismus aufstehen und sagen, dass Frankreich antifaschistisch ist, werde ich an ihrer Seite sein (…). Dies ist der erneute rassistische Anschlag, der zeigt, dass wir nun handeln müssen“, so der Bürgermeister von Saint-Denis im Norden von Paris.
Marine Le Pen hatte nach der Schüssen von Trappes reagiert und eine Straftat „erschwert durch das abscheuliche rassistische Motiv“ verurteilt.
„Die Justiz wird unerbittlich sein müssen“, so die Kandidatin für das höchste Amt in Frankreich.