Gaspreise verdreifacht, EU-Speicher auf Rekordtief: Expertinnen und Experten erklären Folgen für Winterrechnungen und wie lange die Lage anhält.
Nach 2022 gab sich Europa ein Versprechen. Sein Winter sollte nie wieder von einem Kriegsland abhängen.
Vier Jahre später ist das Versprechen gebrochen. Nur das Land hat gewechselt.
Die öffentliche Debatte drehte sich vor allem um Öl und Diesel. Gleichzeitig hat sich beim Erdgas ein womöglich größeres Problem aufgebaut.
Analysten warnen inzwischen, Europa müsse seinen Gasverbrauch senken, um bis Ende März durchzuhalten. Die Speicher gehen mit dem niedrigsten Füllstand für diese Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen in den Winter.
„Windaufkommen und Temperaturen entscheiden, wie knapp Europas Gasversorgung in diesem Winter wird und wie hoch die Preise steigen“, sagte Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin für Europa am Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA), gegenüber Euronews.
„Die Reduzierung der Nachfrage bleibt der wichtigste Hebel, den Europa selbst in der Hand hat“, ergänzte sie.
Europäische Gaspreise: wie stark der Anstieg ausfällt
Der niederländische TTF-Kontrakt, die Referenz für europäische Gaspreise, lag Anfang Januar bei rund 28 Euro je Megawattstunde.
Am Montag bewegte er sich um 96 Euro und berührte kurzzeitig 97,64 Euro – den höchsten Stand seit Dezember 2022. Das entspricht einem Plus von rund 234 Prozent seit Jahresbeginn.
Die Preise sind damit noch weit vom Rekordhoch über 340 Euro im August 2022 entfernt.
Die Sorge gilt inzwischen jedoch weniger dem Niveau als der Richtung.
Wo Europas Gas bleibt
Der Krieg mit dem Iran und die Sperrung der Straße von Hormus haben Europa von einem seiner wichtigsten Lieferanten abgeschnitten: Katar.
Verflüssigtes Erdgas (LNG) aus dem Nahen Osten machte im vergangenen Jahr laut dem in Brüssel ansässigen Thinktank Bruegel rund 8 Prozent der LNG-Importe der EU aus.
Seit Mai ist kein einziges Schiff mehr angekommen.
Der Anteil wirkt gering. In einem angespannten Weltmarkt muss jedoch jede fehlende Ladung durch eine andere ersetzt werden, um die auch asiatische Käufer konkurrieren.
Hinzu kommt eine zweite Lücke. Russisches LNG machte im zweiten Quartal nach Angaben von Bruegel noch etwa ein Fünftel der LNG-Importe der EU aus.
Ab Januar 2027 verbietet die EU diese Lieferungen vollständig.
„In dem Bericht ist das Verbot für russisches LNG ab Januar 2027 eingerechnet. Die Berechnungen zeigen, dass die EU dann etwa 7 Prozent weniger Gas verbrauchen muss als im vergangenen Winter“, sagte Jaller-Makarewicz mit Verweis auf die Anfang dieses Monats veröffentlichte IEEFA-Studie.
Gaslager in Europa: warum die Füllstände alarmieren
Ohne Gas aus Katar konnte Europa seine Vorräte in diesem Sommer nicht wie geplant auffüllen.
Nach Angaben von Bruegel waren die EU-Speicher am 24. Oktober zu 74,6 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor lag der Wert bei 82,9 Prozent, 2023 waren die Lager mit 98,5 Prozent fast voll.
IEEFA spricht vom niedrigsten Füllstand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Datenreihe 2011.
Auffällig ist vor allem, dass die Vorräte kaum noch zunehmen. In der Woche bis zum 24. Oktober lagen die täglichen Veränderungen nahe null, einige Länder greifen bereits vor November auf ihre Winterbestände zurück.
In Österreich sanken die Speicher etwa von 69,3 Prozent Mitte Oktober auf 67,2 Prozent; vor einem Jahr lag der Wert bei 84 Prozent.
Das Energieberatungsunternehmen Wood Mackenzie erwartet nun, dass die europäischen Speicher Ende März nur noch zu etwa 17 bis 20 Prozent gefüllt sind – einige Punkte weniger als bislang prognostiziert.
Diese Einschätzung beruht auf der Annahme eines normalen Winters. Zudem geht Wood-Mackenzie-Experte Tom Marzec-Manser davon aus, dass der Konflikt im Nahen Osten noch in diesem Jahr endet und Katar sowie die Vereinigten Arabischen Emirate Anfang 2027 wieder zur üblichen LNG-Produktion zurückkehren.
„Fällt der Winter kalt aus – was wegen El Niño nicht die Mehrheitsmeinung ist –, könnten die Speicherstände noch niedriger liegen“, sagte Marzec-Manser, Direktor für Europa Gas & LNG bei Wood Mackenzie, gegenüber Euronews.
Dann würden die Preise weiter steigen, weil Europa Asien bei den verfügbaren LNG-Ladungen überbieten müsste.
Für Europa hätte ein nahezu leerer Speicher am Winterende noch eine Folge: Im Sommer müssten die Lager stärker aufgefüllt werden, was die Preise erneut nach oben treiben dürfte.
Hohe Gaspreise: wie lange die Belastung anhält
Selbst ein rasches Ende des Kriegs würde die Lage nicht sofort entspannen.
„Selbst wenn der Konflikt bis Jahresende endet und die Produzenten im Nahen Osten Anfang nächsten Jahres wieder mit ihren LNG-Operationen beginnen, gehen wir davon aus, dass es bis zum Herbst 2028 dauert, bis der weltweite LNG-Markt wieder im Gleichgewicht ist“, sagte Marzec-Manser.
„Das bedeutet, dass die Großhandelspreise für Gas in Europa während eines großen Teils dieser Zeit hoch bleiben“, fügte er hinzu.
Gasrechnung im Winter: wie stark sie steigen könnte
Die TTF-Terminkontrakte für die kommenden Wintermonate liegen bei rund 95 Euro je Megawattstunde. Das ist fast das Dreifache des Durchschnittspreises von etwa 36 Euro im vergangenen Winter.
Die Differenz entspricht ungefähr sechs Eurocent pro Kilowattstunde Gas.
Ein typischer Haushalt mit Gasheizung, der zwischen November und März rund 10.000 Kilowattstunden verbraucht, müsste damit etwa 600 Euro mehr allein für die Energie zahlen.
Bei einem durchschnittlichen Mehrwertsteuersatz von 20 Prozent erhöht sich der Betrag auf rund 715 Euro.
Die Endkundenpreise ziehen bereits an. Laut dem Household Energy Price Index (HEPI), erstellt von Energie-Control Austria, MEKH und VaasaETT, kostete Erdgas für Haushalte Anfang September im Schnitt 11,9 Eurocent pro Kilowattstunde in den EU-Hauptstädten – 12 Prozent mehr als im Februar.
Wie stark der Großhandelspreisanstieg bei den Familien ankommt, hängt vom Wohnort und vom Vertrag ab. Festpreisangebote, regulierte Tarife und staatliche Hilfen können den Effekt verzögern oder abmildern.
Gas sparen: kommt Europa so durch den Winter?
Ein Teil der Nachfragereduktion dürfte automatisch einsetzen, so Jaller-Makarewicz, weil hohe Preise einige Verbraucher zum Sparen zwingen.
Für Haushalte gibt es einfache Maßnahmen.
Wer das Thermostat um einen Grad herunterdreht, kann laut Jaller-Makarewicz bis zu zehn Prozent bei der Energierechnung sparen. Auch niedrigere Warmwassertemperaturen und das Abdichten von Zugluft helfen.
Ob Brüssel die Verbrauchsdämpfung jetzt koordinieren sollte, statt auf einen Preissprung zu warten, beantwortet sie mit dem Vorschlag eines gemeinsamen Rahmens mit nationalem Spielraum.
„Brüssel könnte einen Rahmen vorgeben, um dieses Ziel zu erreichen, und den einzelnen Mitgliedstaaten zugleich ermöglichen, Maßnahmen zu ergreifen, die auf ihre jeweiligen Gasmärkte zugeschnitten sind.“
Die langfristige Antwort besteht aus ihrer Sicht darin, den Gasbedarf Europas weiter zu drücken.
„Jedes neue Projekt für erneuerbare Energien, jedes Batteriespeichersystem und jede Netzmodernisierung verringert die Gasabhängigkeit Europas“, sagte sie. Die EU-Gasnachfrage sei zwischen 2021 und 2025 um 17,7 Prozent zurückgegangen; das sei ein entscheidender Puffer gegen Versorgungsengpässe.
Dieser Puffer wird nun auf die Probe gestellt.
Europa hat nach 2022 seine Lieferanten gewechselt, nicht aber seine Abhängigkeit von ihnen. Ob daraus in diesem Winter eine Krise wird, hängt weniger von Brüssel ab als davon, wie kalt der Januar ausfällt – und wie stark der Wind weht.