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Große Pläne, kleine Stückzahlen: Polen baut viel zu wenige Militärdrohnen

„Lemur“ ist eine VTOL-Drohne, komplett von polnischen Ingenieuren entwickelt. Seit vier Jahren in Produktion.
„Lemur“ ist eine unbemannte Drohne mit Senkrechtstart und -landung, komplett von polnischen Ingenieuren entwickelt. Sie wird seit vier Jahren produziert. -  Copyright  materiały prasowe / Flyfocus
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Von Sroczynski Wojciech
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An Polens Ostgrenze bestimmen heute Drohnen Tempo und Art des Krieges. Politikern ist das bewusst, doch Polen baut pro Jahr nur so viele Militärdrohnen, wie die Ukraine in wenigen Angriffen verbraucht.

In Polen scheint es ein Paradoxon zu geben: Politiker kündigen die Aufstellung einer Drohnenlegion an, und das polnische Verteidigungsministerium (MON) verspricht, 2026 rund 26 Mrd. Złoty, umgerechnet knapp 6 Milliarden Euro, für Drohnen und Anti-Drohnen-Systeme bereitzustellen. Öffentliche Auftritte sind voll von Ankündigungen einer technologischen Revolution, die die polnischen Streitkräfte durchlaufen.

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Die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine zeigen jedoch etwas anderes: Entscheidend ist nicht, welche Armee die spannendsten Prototypen besitzt, sondern welche Seite Drohnen schnell, günstig und in Massen fertigt. Vertreter der polnischen Rüstungsindustrie sprechen offen darüber, dass Polen Kapazitäten in einer ganz anderen Größenordnung braucht – nicht Hunderte, sondern Zehn- und Hunderttausende unbemannter Systeme pro Jahr.

Polen hat heute kein Technologieproblem. Es mangelt auch nicht an Firmen, die anspruchsvolle unbemannte Systeme entwickeln und bauen können. Immer deutlicher wird dafür ein anderes Defizit: Der Staat handelt deutlich langsamer, als es die bereits vorhandenen Möglichkeiten erlauben würden.

Ukraine zeigt neue Logik des Krieges

Der Krieg jenseits der östlichen Grenze hat das Denken über Bewaffnung grundlegend verändert. Die Drohne, bis vor Kurzem noch ein Nischenwerkzeug auf dem Schlachtfeld, ist zu einem der wichtigsten Elemente moderner Gefechte geworden.

Das Ausmaß der ukrainischen Produktion zeigt, wie sehr sich die Realität verschoben hat. Nach Schätzungen, auf die sich das Institut Mikromakro beruft, fertigte die Ukraine 2025 rund 4 Mio. unbemannte Systeme.

Zum Vergleich wirkt die polnische Produktion sehr bescheiden. Nach Berechnungen des Instituts Mikromakro liegt der inländische Umfang „militärischer“ Drohnen außerhalb der WB Group bei rund 400 fertigen Sätzen pro Jahr. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle polnischen Unternehmen zusammen nur einige Hundert Drohnen herstellen.

Die WB Group erklärt, sie könne etwa 25 komplette Plattformen pro Tag produzieren. Das zeigt, wie stark sich das Potenzial in wenigen Unternehmen bündelt – und wie weit Polen von der ukrainischen Größenordnung entfernt ist, die in Millionenstücken gemessen wird.

Es handelt sich dabei nicht um einen Vergleich eins zu eins. Die ukrainischen Millionen betreffen vor allem einfache, billige Drohnen aus Massenproduktion, während polnische Firmen auch deutlich komplexere Aufklärungs- und Kampfsysteme liefern. Genau darin liegt aber die Herausforderung: Moderne Kriegsführung braucht sowohl hochentwickelte Plattformen als auch sehr große Stückzahlen einfacher, günstiger Systeme, die sich schnell ersetzen lassen.

Die ukrainische Industrie hat diese Dimension nicht zufällig erreicht. Nach Beginn des großangelegten Angriffkrieges Russlands stieg die Zahl der Unternehmen in diesem Sektor sprunghaft. Der Staat begann, die Produktion aktiv über Aufträge und Finanzierung zu stützen. Für 2025 plante die Ukraine den Kauf von rund 4,5 Mio. heimischen FPV-Drohnen.

Auch polnische Hersteller haben keinen Zweifel mehr an der Richtung des Wandels. Julian Żyromski, Vizepräsident von FlyFocus, betont, dass die Erfahrungen der Ukraine den Zwang zur Einführung dieser Technologien in großem Maßstab belegen. Genau hier liegt das größte Problem Polens.

Über Drohnen wird sehr viel gesprochen, doch Entscheidungen über den schnellen Start der Produktion, über Beschaffung und Einführung fallen weiterhin zu langsam.

Fertige Fabrik steht bereit

Ein gutes Beispiel ist das Unternehmen TKH, das über mehrere Jahre eine eigene Familie von Strahldrohnen der Reihe MTJD (Modular Turbo Jet Drone) entwickelt hat. Das Projekt entstand außerhalb der großen staatlichen Programme und ohne breite mediale Aufmerksamkeit.

Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Es geht längst nicht mehr nur um einen Prototyp. Die Firma erklärt, sie habe eine Fertigungslinie aufgebaut, die rund 1000 Drohnen pro Jahr herstellen kann, und bereitet eine Erweiterung der Infrastruktur vor.

Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Zahl großen Eindruck gemacht. Heute zählt vor allem eines: Die Produktionskapazitäten sind bereits vorhanden.

Wenn der Staat die Zahl fortschrittlicher Drohnen schnell erhöhen will, muss er nicht bei null anfangen. Er hat Unternehmen, die Konstruktionen entwickelt, die Fertigung gestartet und die Skalierung vorbereitet haben.

Polnische Drohne, polnischer Motor

Der Hersteller betont, dass die MTJD-Konstruktion vollständig in Polen entwickelt und gebaut wurde und der Anteil ausländischer Komponenten auf ein Minimum beschränkt ist. Das Unternehmen hat zudem ein eigenes Turbojet-Triebwerk entwickelt.

Die Bedeutung solcher Projekte reicht weit über reine technische Parameter hinaus. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie wichtig unabhängige Lieferketten und die Fähigkeit sind, Schlüsseltechnologien eigenständig zu entwickeln und zu produzieren.

Nach Angaben von TKH soll die größte Variante, die MTJD 100, Geschwindigkeiten von knapp 2500 km/h erreichen und mehr als 100 kg Nutzlast tragen. Kleinere Versionen sollen Einsätze in Entfernungen von bis zu 1000 km fliegen.

Das polnische Militär hat diese Daten bislang nicht öffentlich bestätigt. Sollten sie sich in Tests erhärten, wäre dies eine der fortschrittlichsten polnischen Drohnenkonstruktionen.

Ein Hersteller beweist Machbarkeit

Nicht nur TKH aus Posen zeigt, dass polnische Firmen Produktionskapazitäten besitzen, mit denen sie deutlich größere Stückzahlen erreichen können.

Die WB Group, Hersteller der loiternden Munition Warmate, der Aufklärungssysteme FlyEye sowie des Angriffssystems Gladius, baut seit Jahren konsequent eigene Fertigungskapazitäten aus. Ihre Produkte nutzt nicht nur die polnische Armee, sie stehen auch im Dienst ausländischer Kunden und sind im Gefecht erprobt.

Im Mai 2025 unterzeichnete die polnische Rüstungsagentur mit der WB Group einen Rahmenvertrag über die Lieferung von knapp 10 000 Warmate-Munitionen, gebündelt in rund 1000 Systemen. Der Vertrag läuft bis 2035.

Dieser Schritt ist nicht nur wegen der Zahl der bestellten Systeme wichtig. Er zeigt auch, dass ein polnisches Unternehmen einen Auftrag über mehrere Tausend Drohnen übernehmen und seine Produktion um langfristige Großaufträge herum planen kann.

2026 schloss die Rüstungsagentur mit der WB Group weitere Verträge über die Systeme Warmate, FlyEye und Gladius. Nach Angaben des Herstellers handelte es sich um die bislang größten Verträge über integrierte Aufklärungs- und Angriffssysteme in Polen und Europa.

Die Geschichte der WB Group belegt, dass die polnische Industrie in der Lage ist, unbemannte Systeme in großem Maßstab zu produzieren. Die Geschichte von TKH zeigt zugleich, dass weitere Hersteller bereitstehen, in diesen Markt einzusteigen.

Nicht nur WB Group und TKH

Parallel entsteht die Angriffsdrohne Striker, entwickelt von FlyFocus und den Wojskowe Zakłady Lotnicze Nr 2 (Militärische Luftfahrtwerke Nr. 2). Das unbemannte Luftfahrzeug soll einen Sprengkopf von bis zu 40 kg tragen und Ziele in Entfernungen von bis zu 1000 km bekämpfen. Das Projekt wird gemeinsam mit der staatlichen Industrie für die Einführung und Serienproduktion vorbereitet.

Für das Programm entsteht zudem ein polnisches Triebwerk, das WSK PZL Kalisz entwickelt. Das zeigt, dass die heimischen Kompetenzen inzwischen nicht nur die Plattformen selbst, sondern auch deren Schlüsselkomponenten umfassen.

Die Summe dieser Beispiele führt zu einer klaren Schlussfolgerung. Polen verfügt heute über mehrere Hersteller, die bereits die Fähigkeit zur Produktion bewaffneter Drohnensysteme aufgebaut haben oder sie gerade entwickeln. Es gibt Firmen, die eigene Drohnen konstruieren. Es gibt Unternehmen, die eigene Triebwerke fertigen. Und es gibt Hersteller, die Verträge in Stückzahlen über Tausende Einheiten bedienen.

Es wird daher immer schwieriger zu behaupten, der Engpass liege in der fehlenden Technologie. Immer deutlicher zeigt sich, dass die eigentlichen Probleme in der Skalierung und in der Entschlusskraft des Staates liegen.

Problem ist nicht die Technologie

Seit Beginn des großangelegten russischen Angriffkrieges in der Ukraine sind mehr als vier Jahre vergangen. In dieser Zeit haben alle verstanden, dass Drohnen zu einem der wichtigsten Werkzeuge des modernen Schlachtfelds geworden sind.

Auch Polen hat seine Haltung geändert. Das Verteidigungsministerium gibt an, die Ausgaben für Drohnen und Anti-Drohnen-Systeme von rund 100 Mio. Złoty im Jahr 2023 auf 26 Mrd. Złoty im Jahr 2026 zu steigern. In der Armee entstehen Drohnenlabore, neue Strukturen für unbemannte Systeme werden aufgebaut, und der Verteidigungsminister kündigt Drohnen auf jeder Führungsebene der Streitkräfte an.

All das sind notwendige Schritte. Doch Geld und Ankündigungen reichen nicht. Der eigentliche Test wird das Tempo sein, in dem sich diese Mittel in konkrete Aufträge und diese Aufträge in Serienproduktion verwandeln. Allein die Existenz einiger weniger fortschrittlicher Konstruktionen schafft noch keinen Vorsprung im Drohnenkrieg.

Die wichtigste Lehre aus der Ukraine lautet deshalb nicht, dass Drohnen wichtig sind. Das wissen inzwischen alle.

Die wahre Lehre ist eine andere: Man muss sie schnell, billig und in großer Zahl herstellen können. Im Krieg zählt nicht nur das Potenzial. Entscheidend ist die Fähigkeit, dieses Potenzial immer wieder zu erneuern.

Polen hat heute Technologie und Geld. Es hat Hersteller wie die WB Group, TKH oder FlyFocus. Es verfügt zudem über staatliche Werke, die bereit sind, sich an diesen Programmen zu beteiligen.

Es gibt sogar immer größere Aufträge. Das Problem ist, dass es noch immer keine Produktion in einem Umfang gibt, der den Realitäten eines modernen Krieges entspricht.

Wenn die Debatte trotzdem weiter vor allem um Potenzial kreist, liegt das Problem nicht in der Industrie. Das Problem sind Entscheidungen, die nicht rechtzeitig getroffen wurden.

In der Kriegsführung der Gegenwart verschafft sich nicht derjenige einen Vorteil, der eine Drohne bauen kann. Den Vorsprung gewinnt, wer Zehntausende davon produzieren kann, bevor sie an der Front gebraucht werden.

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