„Manosphere“-Szene schürt schädliche Einstellungen und vergrößert Gesundheitsungleichheiten bei Jungen und Männern; Experten fordern Gegenstrategie im Gesundheitswesen.
Immer mehr Jungen und junge Männer, die sich von der Gesellschaft missverstanden oder übersehen fühlen, suchen online nach Gemeinschaft. Manche finden sie in Gruppen der sogenannten Manosphere. Dort kreisen Gespräche um eine angebliche Krise der Männlichkeit und um die Überzeugung, dass der Feminismus Männer systematisch benachteiligt habe.
„Die Manosphere bietet Jungen und jungen Männern Zugehörigkeit, Identität und eine Erklärung dafür, warum das Leben sich hart anfühlt“, sagte Sarah Hawkes, Mitbegründerin des Thinktanks Global 50/50 und Co-Autorin des Berichts.
Doch dieses Gefühl von Zugehörigkeit hat seinen Preis.
Die Manosphere, ein loses Netzwerk von Online-Gemeinschaften, das vorgibt, die Probleme von Männern zu thematisieren und dabei häufig Frauen und den Feminismus verantwortlich macht, richtet laut einem neuen Lancet-Bericht (Quelle auf Englisch) unterschätzten Schaden für die Gesundheit an. Demnach soll sie mit sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen angegangen werden, die eine koordinierte Antwort erfordern.
Der Schaden für Jungen und Männer, Frauen und Mädchen und die gesamte Gesellschaft umfasst soziale Isolation, die Scheu, Unterstützung bei psychischen Problemen zu suchen, sowie geschlechtsspezifische Gewalt. Um diese Risiken zu verringern, müssen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, kommerziellen Strukturen und sozialen Normen angegangen werden, die die Anziehungskraft der Manosphere stützen.
Dazu könnten Maßnahmen gehören, die wirtschaftliche Unsicherheit durch Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik verringern, Jungen wieder stärker für Bildung gewinnen und den Zugang zu psychologischer Unterstützung und anderen grundlegenden Diensten für Jungen und junge Männer verbessern.
Der Bericht betont, dass die Moderation von Inhalten allein nicht ausreicht. Eine Begrenzung von Manosphere-Inhalten gehe nicht an die unerfüllten Bedürfnisse heran, die ihre Erklärungen überhaupt erst attraktiv machen.
„Wir müssen Jungen etwas Besseres anbieten, statt ihnen nur zu sagen, was sie vermeiden sollen“, sagte Hawkes.
Der Bericht zeigt auch umfassendere Herausforderungen für Jungen und Männer auf. Jungen ziehen sich zunehmend aus den Bildungssystemen zurück. Männer sind in den Statistiken zu Suiziden und zu Gefängnisinsassen deutlich überrepräsentiert. Im Gesundheits- und Sozialwesen erleben Männer und Jungen, besonders jene, die durch soziale und strukturelle Faktoren an den Rand gedrängt sind, laut einem weiteren Lancet-Beitrag (Quelle auf Englisch) erhebliche unerfüllte Bedürfnisse, die bestehende Politik, Systeme und Angebote nicht ausreichend auffangen.
Die Manosphere arbeitet mit klaren Hierarchien der Männlichkeit, die nach Angaben der Autoren hauptsächlich auf körperlicher Attraktivität und sozioökonomischem Status beruhen.
Idealisierten Darstellungen des männlichen Körpers mit wenig Körperfett, ausgeprägter Muskulatur und hypermaskulinen Merkmalen kursieren breit im Netz. Sie stehen in Verbindung mit psychischen Belastungen wie Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und seelischem Stress.
Manosphere: Anreize im Hintergrund
Die Autoren verweisen zudem auf die kommerziellen Anreize hinter der Manosphere und argumentieren, dass der Erhalt dieser Online-Gemeinschaften ein lukratives Geschäftsmodell sein kann.
„Jungen und Männer sind nicht das Problem“, sagte Kent Buse, Co-Autor des Berichts. „Das Problem sind die Bedingungen, die sie isoliert und ohne sichere Zukunft zurücklassen, und die Unternehmen, die von ihrer Wut und Unsicherheit profitieren.“
Er ergänzte, die Manosphere funktioniere als Geschäftsmodell, das Empörung und Groll ausnutze und die extremsten Inhalte belohne.
Auch jenseits der Manosphere setzen Strategien der öffentlichen Gesundheit an den Ursachen komplexer Probleme wie geschlechtsspezifischer Gewalt und Drogenkonsum an. Sie bekämpfen Stigmatisierung, verbessern den Zugang zu Unterstützungsangeboten und verändern öffentliche Einstellungen, statt sich vor allem auf Strafe und Strafverfolgung zu stützen.
Ein ähnlicher Ansatz sollte nach Ansicht der Autoren auch auf die Manosphere übertragen werden. „Die öffentliche Gesundheit verfügt über ein erprobtes Instrumentarium gegen kommerzielle Schäden, und wir sollten es nutzen“, sagte Buse.