Parallel zu den Schülerprotesten gegen die Wehrpflicht und die schlechten Bedingungen an Schulen am Brandenburger Tor hat in Berlin eine weitere Demonstration stattgefunden. Für die Versammlung wurde unter anderem in linken, linksextremistischen und propalästinensischen Kreisen mobilisiert.
17.30 Uhr am Rosenthaler Platz in Berlin: Unter dem Motto "Gen Z hat genug!“ haben sich nach Polizeiangaben rund 3500 Demonstranten versammelt. Ursprünglich hatten die Einsatzkräfte mit lediglich 500 Teilnehmern gerechnet. Der Andrang ist damit deutlich größer als erwartet.
Schon in der U-Bahn-Station sind schwarz vermummte Menschen zu sehen. Andere tragen Palästinensertücher in verschiedenen Farben: Rot, Schwarz, Pink. Auf dem Boden liegen Pappschilder, auf die teilweise getreten wurde, darunter eines mit der Aufschrift "Schluss mit der deutschen Unterstützung von Besatzungsterror!“. Darauf ist eine halbe Melone abgebildet, darüber klebt ein Sticker mit der Aufschrift "Free Free Palestine“.
Oben drüber, auf dem Rosenthaler Platz, setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Kastanienallee in Bewegung. Palästinensische Symbole und Zeichen vermischen sich mit antifaschistischen. Die einen tragen schwarze Sturmhauben und verspiegelte Sonnenbrillen, andere haben Hals und Kopf in ihrer Kufiya versteckt.
Sie skandieren "Die Reichen wollen Krieg, die Jugend, die will Hoffnung“ und "A-A-A-Antikapitalista“. Andere schreien "Zionisten sind Faschisten, töten Kinder und Zivilisten“ oder einfach nur "Fuck you Germany“. Es riecht nach abgebrannten Bengalos und explodierten Böllern. An der Seite laufen Eltern mit ihren Kindern, verkleidet als Zauberer, Piraten und Prinzessinnen - es ist ja Halloween.
Der Protest richtet sich offiziell gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, zunehmende Militarisierung, Krieg und Aufrüstung sowie Sozialabbau. Auch internationale Jugendproteste, insbesondere in Frankreich, spielten bei der Mobilisierung eine Rolle. Hinter dem Protest steht ein Aufruf, der unter anderem über den Instagram-Account "@ortberlin" verbreitet wurde. Die Veranstaltung wird im Berliner "Demo-Ticker" den Themen Antifaschismus, Antimilitarismus, Antizionismus und Antirepression zugeordnet.
Bereits bei der Veranstaltung der Initiative "Gen Z regelt“ am Brandenburger Tor verteilten Dutzende junge Menschen Flyer für die Veranstaltung, unter ihnen auch Personen, die kein Deutsch sprachen.
Demonstrationszug zieht weiter – und kommt schließlich zum Stehen
Je weiter die Demonstration voranschreitet, desto weniger scheint sie mit Schülerprotesten zu tun zu haben. Es wird lauter, immer mehr Böller explodieren, Flaschen fliegen. Antifaschistische und propalästinensische Parolen dominieren das Klangbild.
Die Demonstration am Rosenthaler Platz ist nicht mit der Kundgebung "Gen Z regelt“ am Brandenburger Tor zu verwechseln, die bereits am Nachmittag stattgefunden hat. Die Organisatoren hatten zuvor klargestellt, dass sie für den abendlichen Protestzug nicht verantwortlich sind.
Ein Euronews-Reporter wird gegen 19.00 Uhr von einem Mann verfolgt, der verlangt, dass er seine Aufnahmen von der Demonstration und den Sprechchören auf seinem Smartphone löscht. Als der Reporter sich weigert und betont, dass er nicht möchte, dass die Situation eskaliert, erwidert er: "Die Situation wird auf jeden Fall eskalieren.“
Dann kommt der Demonstrationszug auf der Prenzlauer Allee plötzlich zum Erliegen. Vor einer haltenden BVG-Straßenbahn, mitten auf den Schienen, zwischen zwei Polizeiabsperrungen. In den nächsten zwanzig Minuten spielen sich hier verschiedene verrückte Szenen ab.
„Ganz Berlin hasst die Polizei“ und andere antifaschistische Sprechchöre sind zu hören. „Die Internationale“, auf einer Trompete gespielt, schallt schrill aus einem Lautsprecher. Auch Ululationen sind zu hören – hohe, trillernde Laute, die weltweit vor allem von Frauen bei rituellen Handlungen, großen Freudenfesten sowie bei Trauerfeiern und religiösen Zeremonien eingesetzt werden.
Immer häufiger kommt es zu Rangeleien zwischen Polizei und Demonstranten. Der Grund ist aus der Ferne nicht ersichtlich. Ganze Polizeitrupps rennen durch die Menge. Ein Beamter schubst eine Frau mit einer Pizzaschachtel in der Hand, bevor er mehrfach mit der Faust zuschlägt.
Ein Mann mit Palästinensertuch und Palästina-Regenschirm schreit die Polizei an: "Der Polizeiapparat ist gescheitert!“ Eine Frau ruft in Richtung einer Polizeibarrikade: "Ihr eskaliert, ihr schlagt Kinder!“
Um 18.52 Uhr erklärt der Versammlungsleiter die Demonstration für beendet. Die Polizei fordert über Lautsprecher dazu auf, die Straße über die Prenzlauer Allee einzeln oder in kleinen Gruppen in nördlicher Richtung zu verlassen. Das funktioniert langsam, aber es funktioniert. Wenig später ziehen die ersten Polizeieinheiten wieder ab.
Bereits im Vorfeld gab es Hinweise, Berichte und Warnungen
Die Tageszeitung "taz" berichtete bereits im Vorfeld über die Beteiligung linksradikaler Gruppierungen bei der Mobilisierung. Demnach beteiligen sich unter anderem "Sozialismus von unten“, "Kommunistischer Aufbau“ und "Young Struggle“ an den Aufrufen. Unterstützung kommt zudem von der "Linksjugend solid". Bereits Mitte Oktober hatte in Berlin ein Vorbereitungstreffen stattgefunden, zu dem die Initiative "Gen Z regelt“ gemeinsam mit der Neuköllner Jugendorganisation der Linken eingeladen hatte.
Bei dem Treffen mitte Oktober kamen rund 150 Schüler und Studenten im Gebäude der politisch weit links, marxistisch und kommunistisch orientierten Tageszeitung "Junge Welt“ (jW) zusammen. Die Zeitung wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz dem linksextremistischen Spektrum zugeordnet, weil es in der Berichterstattung Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung sieht.
Die Pressestelle der Berliner Polizei teilte Euronews auf Nachfrage zwei Tage vor den Protesten mit, dass einzelne Gruppierungen aus dem linken politischen Spektrum die Proteste in Frankreich aufgriffen und entsprechende Mobilisierungsaufrufe verbreiteten.
Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin hat im Vorfeld vor einer möglichen Vereinnahmung der Proteste durch Linksextremisten gewarnt. Mit Blick auf die Ausschreitungen bei Schülerprotesten in Frankreich befürchtet sie, dass radikale Kräfte die Solidaritätskundgebungen in Deutschland für eigene Zwecke und Gewaltfantasien instrumentalisieren könnten.
Im Fokus steht dabei insbesondere die "Linksjugend solid". Laut "GdP" fiel die Organisation in der Vergangenheit mehrfach durch polizeifeindliche Rhetorik auf und versuchte, Israelhass auf Berlins Straßen zu legitimieren.
Die "Linksjugend solid Neukölln" ist eine örtliche Jugendgruppe im Umfeld des Bezirksverbands "Die Linke" Neukölln. Diesem gehört auch die umstrittene Abgeordnete Vanessa Emde an, die Mitglied des Bezirksvorstands ist. Emde steht wegen ihrer Positionen zu Israel und ihrer Kontakte zu umstrittenen palästinensischen Aktivisten in der Kritik. Innerhalb der Partei wird ein mögliches Parteiausschlussverfahren gegen sie diskutiert. Der Streit um Emde belastet zudem die Gespräche über eine mögliche Koalition der Linken mit SPD und Grünen in Berlin und gilt als potenzielles Hindernis für ein solches Bündnis.
Nach Medienberichten verteilte ein Vertreter der "Linksjugend solid Neukölln" am 4. September 2026 an der Fritz-Karsen-Gesamtschule in Berlin-Neukölln Aufkleber an Schüler. Sie zeigten eine Katze mit einer Kalaschnikow, eine palästinensische Flagge, sowie Hammer und Sichel.
Ein Blick auf den Instagram-Account "solidberlinmitte“ zeigt ebenso Hammer und Sichel auf einer Palästinaflagge als Profilbild. Die Gruppe "Solid Berlin-Mitte“ ist eine von mehreren lokalen Untergruppen, die unter dem Namen "Solid“ auftreten. Zu den Followern des Accounts zählt unter anderem der Linken-Politiker Ferat Koçak. Dieser war zuvor wegen Berichten über mutmaßliche Clan-Verbindungen sowie eines Fotos bei einer Wahlveranstaltung mit Ibrahim Ibrahim in die Kritik geraten. Ibrahim gilt als führender Unterstützer der Terrororganisation "Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP).
Dem Account folgt auch der 17-jährige Tom Köning, Landessprecher der Linksjugend Rheinland-Pfalz. Kürzlich wurde er zum Bundessprecher der umstrittenen Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität (BAG Palisoli) innerhalb der Linken gewählt. Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) steht wegen Antisemitismusvorwürfen in der Kritik. Gegen ihre Sprecherin Hannah Bruns wurde im September ein Parteiausschlussantrag gestellt. Laut Tagesspiegel beschäftigt sich offenbar auch der Berliner Verfassungsschutz mit der Gruppierung.
Die Pressestelle der Berliner Senatsverwaltung für "Inneres und Sport" teilte Euronews auf Nachfrage im Vorfeld der Proteste mit, dass auch Akteure aus Teilen des linksextremistischen und des auslandsbezogenen extremistischen Spektrums für die Demonstrationen am 31. Oktober mobilisierten.
Ziel ihrer Beteiligung dürfte es unter anderem sein, die Proteste zu vereinnahmen und zu radikalisieren. "Dadurch soll legitimer zivilgesellschaftlicher Protest zum Kampf gegen Rechtsstaat und freiheitliche Demokratie umgedeutet werden“. Bei einzelnen linksextremistischen Akteuren, die zur Teilnahme aufrufen, müsse zudem von einem grundsätzlichen Interesse an einer Eskalation ausgegangen werden.
Nach Angaben des Berliner Polizeisprechers Jörn Iffländer kam es vereinzelt zu Würfen mit Pyrotechnik aus dem Gleisbett sowie zu Stein- und Eierwürfen auf umliegende Geschäfte. Auch Sachbeschädigungen wurden registriert. "Wir haben erkannte Straftäter festgenommen“, sagte Iffländer gegenüber "BILD".
Auch in anderen deutschen Städten kam es im Rahmen der Proteste zu Ausschreitungen. In Hamburg brannten Barrikaden, die Polizei setzte Pfefferspray ein. Auch in Köln kam es zu Festnahmen. Die Polizei setzte dort mehrfach Wasserwerfer ein.
Bei den Protesten in Frankfurt am Main kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Die Einsatzkräfte setzten Pfefferspray und einen Wasserwerfer ein und lösten schließlich die Demonstration auf. Nach Polizeiangaben wurden Einsatzkräfte mit Pyrotechnik, Flaschen und Steinen angegriffen. Dabei wurden mehrere Polizisten verletzt.