Deutschland hat industrielles Wissen, aber zu wenig Rechenleistung: Beim Digital-Gipfel in Berlin sprach Wirtschaftsministerin Katherina Reiche über "Physical AI" in Deutschland, also KI, die mit Maschinen, Robotern und Produktionsprozessen verbunden werde und Chancen und Wettbewerbsvorteile biete.
Künstliche Intelligenz soll künftig nicht nur im Büro eingesetzt werden, sondern in Fabriken, Lagerhallen und industriellen Anlagen. Der Schlüssel dazu ist die sogenannte "Physical AI", also KI, die mit Maschinen, Robotern und Produktionsprozessen verbunden wird und aus Daten konkrete Handlungen in der physischen Welt ableitet.
Genau darum ging es Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in ihrer Rede beim diesjährigen Digital-Gipfel der Bundesregierung in Berlin. Ihr Kernargument: Deutschland hat mit seiner Industrie eine gute Ausgangsposition, muss diese aber schneller mit Künstlicher Intelligenz, Rechenleistung und Energie verbinden.
"Die erste große Welle hat verändert, wie wir Informationen verarbeiten. Die nächste wird verändern, wie wir produzieren", sagte Reiche. "Physical AI verbindet die Künstliche Intelligenz mit Maschinen, mit Robotern und mit industriellen Prozessen."
Deutschlands Vorteil: Prozesswissen
Reiche sieht den entscheidenden Vorteil Deutschlands nicht primär in der Entwicklung großer KI-Modelle, sondern im Zusammenspiel von KI und industriellem Know-how. Unternehmen hierzulande verfügten über jahrzehntelange Erfahrung mit Werkstoffen, Fertigungsprozessen und Maschinen.
Unsere Chance liegt darin, Künstliche Intelligenz mit etwas zu verbinden, was in Deutschland über Jahrzehnte aufgebaut wurde, nämlich industrielle Erfahrung“, sagte die Ministerin.
Dieses Wissen werde jedoch nicht automatisch zum Wettbewerbsvorteil. Es müsse in strukturierte Maschinen- und Prozessdaten, digitale Zwillinge und KI-Anwendungen übersetzt werden. "Unser industrieller Erfahrungsschatz wird allerdings nicht dadurch zum Wettbewerbsvorteil, dass er schier da ist", sagte Reiche. "Dieser Wettbewerbsvorteil muss für KI nutzbar werden."
Nicht jeden Roboter humanoid bauen
Reiche warnte davor, Fortschritt allein an menschenähnlichen Robotern festzumachen. Entscheidend sei, ob KI-gesteuerte Systeme industrielle Aufgaben zuverlässig, flexibel und wirtschaftlich lösen können.
Nach Angaben der International Federation of Robotics (IFR) wurden 2025 weltweit mehr als 603.000 Industrieroboter neu installiert, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Allein in China kamen rund 354.000 Roboter hinzu, etwa 59 Prozent aller weltweiten Neuinstallationen. Deutschland installierte laut IFR 24.800 neue Industrieroboter und war damit für 41 Prozent aller Neuinstallationen in der Europäischen Union verantwortlich. Weltweit lag Deutschland bei den jährlichen Installationen hinter Südkorea, den USA, Japan und China auf Platz fünf.
Die deutsche Automobilindustrie blieb mit 5.800 neuen Robotern zwar die größte Abnehmerbranche, die Nachfrage ging jedoch deutlich zurück. Die metallverarbeitende Industrie installierte 5.300 Roboter, die Chemie- und Kunststoffindustrie 3.000 Einheiten.
Rechenleistung braucht Strom
Ein zentraler Engpass ist für Reiche die Infrastruktur. "Power to Compute heißt, dass wir die gesamte Kette planen", sagte Reiche. "Von der gesicherten Stromversorgung über Netze, Umspannwerke bis zur Kühlung, zum Rechenzentrum, zu industriellen Anwendungen.“
Die Bundesregierung hatte im März eine Rechenzentrumsstrategie beschlossen. Danach soll die allgemeine Rechenzentrumskapazität bis 2030 mindestens verdoppelt und die Kapazität für KI-Rechenzentren mindestens vervierfacht werden.
"Unsere Aufgabe ist nicht nur die Rechenzentren anzukündigen, sondern diese Rechenleistung zu ermöglichen", so Reiche beim heutigen Digital-Gipfel.
Forderung nach Regulierungspragmatismus
Besonders deutlich wurde Reiche im Vergleich mit China. Dort kämen hohe industrielle Wertschöpfung, technisches Know-how und massive Investitionen in Rechenleistung zusammen. Zugleich stellten chinesische Akteure andere Anforderungen an Datenschutz und Regulierung.
Daraus leitet Reiche ihre zentrale Forderung ab: "Hier brauchen wir möglichst viel Pragmatismus in der europäischen Regulierung. Ein gutes Regelset hilft, zu strenge Regeln behindern.“
Maschinendaten müssten dabei anders behandelt werden als personenbezogene Daten, sagte die Ministerin. "Maschinendaten sind anders zu fassen und zu definieren als Daten, die mit der Persönlichkeit zu tun haben.“
Merz fordert Tempo
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte beim Digitalgipfel für mehr Geschwindigkeit geworben. Deutschland und Europa müssten digitale Technologien schneller entwickeln und konsequenter nutzen. "Wir wollen Spitzenreiter werden“, sagte Merz.
Er warnte zugleich vor einer einseitigen Abhängigkeit von ausländischen Anbietern. "Deshalb müssen wir unter allen Umständen vermeiden, dass wir bei der Entwicklung und Nutzung dieser Technologie vollständig abhängig von Dritten werden", so Merz.
Auch er sah bei "Physical AI" Chancen für Deutschland: "Unsere Elektronikindustrie, unser Maschinenbau profitieren jetzt schon massiv von den globalen Investitionen in die KI-Infrastruktur und dem einsetzenden Robotik-Boom", sagte der Kanzler.
Mittelstand braucht Vertrauen
Reiche appellierte daran, den Mittelstand nicht aus der KI-Entwicklung auszuschließen.
"Wichtig erscheint mir, dass wir nicht nur bei großen Unternehmen, die das können und jetzt auch investieren, in Vorleistung gehen, sondern auch unserem Mittelstand Zugang und vor allem Confidence (Anmerkung der Redaktion: "Vertrauen") geben", sagte Reiche.
Reiche sieht darin auch eine Chance für Europa. Weil das Vertrauen in Anbieter aus den USA in den vergangenen Jahren gesunken sei und man gegenüber China weiterhin skeptisch bleibe, könnten Deutschland und Europa als industrielles "Powerhouse" sichere digitale Lösungen anbieten. Diese sollten nicht nur für Großunternehmen, sondern auch für Lieferketten sowie kleine und mittlere Unternehmen verfügbar sein.
Wettlauf mit China bleibt
Die Debatte findet vor dem Hintergrund eines wachsenden wirtschaftlichen Drucks statt. China war 2025 laut Statistischem Bundesamt mit einem Handelsvolumen von 250 Milliarden Euro Deutschlands wichtigster Handelspartner. Während die deutschen Exporte nach China zurückgingen, stiegen die Importe chinesischer Waren deutlich.
Reiche warnte davor, einzelne Robotervorführungen überzubewerten. Zugleich müsse Deutschland handeln, bevor andere Länder die Standards für industrielle KI und Robotik setzen.