Bis zum Jahr zweitausendfünfzig könnten jährlich mehr Menschen an Superkeimen sterben als an Krebs. Japanische Pharmakenner warnen: Antibiotikaresistenz bedroht Gesundheit und Wirtschaft massiv.
„Wir brauchen neue Antibiotika“, appellierte Estelle Fruchet, General Managerin Frankreich bei Shionogi Europe.
Das klingt vielleicht nicht nach einer neuen Erkenntnis. Doch die Zahlen hinter ihrem Appell sollten uns alle alarmieren.
In dieser Folge von The Big Question traf Estelle im Studio auf Angela Barnes. Gemeinsam erklärten sie, warum antimikrobielle Resistenzen zur nächsten Wirtschaftskrise werden könnten.
Tote, Krankentage und sinkende Produktivität
Antimikrobielle Resistenz (AMR) ist der Fachbegriff für den Fall, dass Bakterien mutieren und nicht mehr durch Antibiotika abgetötet werden können. Deshalb sollen wir Antibiotika nicht leichtfertig einnehmen.
„Als ich vor 25 Jahren anfing, wurden Antibiotika oft schon bei einem einfachen Husten verschrieben. Je häufiger man sie einsetzt, desto eher entwickeln Bakterien Resistenzen“, erklärte Estelle.
Je weniger wirksame Behandlungsoptionen es gegen resistente Bakterien gibt, desto höher steigt die Zahl vermeidbarer Todesfälle.
Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) verursachen AMR-Infektionen in der EU jedes Jahr mehr als 35 000 Todesfälle.
Weltweit sterben dadurch rund 1,3 Millionen Menschen pro Jahr. Das entspricht in etwa der Bevölkerung von Prag, Dublin oder Helsinki.
Was bedeutet AMR für die Wirtschaft?
Mehr Krankheitsfälle und längere Krankenhausaufenthalte treiben die Kosten der ohnehin belasteten Gesundheitssysteme nach oben. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das Einkommensverluste, für ihre Arbeitgeber sinkende Produktivität.
Europa verliert dadurch derzeit rund zwölf Milliarden Euro pro Jahr – und die Summe dürfte weiter steigen.
Bleibt die Entwicklung ungebremst, könnten nach einer Lancet-Studie von 2024 bis 2050 weltweit insgesamt 39 Millionen Menschen an AMR-bedingten Infektionen sterben. Die Forschenden rechnen zudem mit zusätzlichen Gesundheitskosten von 412 Milliarden Dollar (352 Milliarden Euro) pro Jahr und mit Produktivitätsverlusten in Höhe von 443 Milliarden Dollar (379 Milliarden Euro) jährlich.
Andere Szenarien zeichnen ein noch düsteres Bild. Sie rechnen mit zusätzlichen Gesundheitsausgaben von bis zu 1 Billion Dollar und einem Rückgang der weltweiten jährlichen Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent.
Steigende Kosten könnten am Ende auch die Lebensqualität vieler Menschen mindern.
Lässt sich AMR eindämmen?
Ein großer Teil der Pharmaindustrie hat die Entwicklung neuer Antibiotika längst aufgegeben. Shionogi gehört zu den wenigen Unternehmen, die weiter daran arbeiten.
Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet im Schnitt rund eine Milliarde Euro und dauert zehn bis fünfzehn Jahre. Etwa 95 Prozent der Projekte scheitern. Bei Antibiotika kommt hinzu, dass die Preise am Markt relativ niedrig sind und ihr Einsatz begrenzt werden muss. Die Rendite für ein neues Antibiotikum fällt deshalb für viele Unternehmen unattraktiv aus.
„Das nennen wir einen kaputten Markt“, sagte Estelle in The Big Question.
„Wir brauchen ein neues ökonomisches Modell. Regierungen müssen neue Finanzierungsinstrumente entwickeln, damit dieses Feld für die Industrie wieder attraktiver wird.“
Das Vereinigte Königreich hat deshalb ein Abomodell eingeführt, das informell als „Netflix-Modell“ gilt. Der Gesundheitsdienst des Landes zahlt Pharmaunternehmen eine feste Jahrespauschale für den Zugang zu wichtigen Antibiotika – unabhängig davon, wie oft diese eingesetzt werden. So sollen Innovationen angestoßen werden.
„In Großbritannien läuft bereits ein Pilotprojekt. Es funktioniert, und ich glaube, dass man so ein Modell auch in anderen Ländern wie Frankreich einführen könnte“, sagte Estelle.
Die Pharmamanagerin betonte jedoch, dass der Kampf gegen AMR nur gemeinsam gelingen kann – mit Ärztinnen und Ärzten, politischen Entscheidungsträgern, Regierungen und der gesamten Branche.
Trotz der Ziele für 2030, den Einsatz von Antibiotika um 20 Prozent zu senken, ist der Verbrauch in der EU im Jahr 2024 gestiegen.
Entscheidend ist, den Einsatz von Antibiotika zu verringern – nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Tieren und in der Landwirtschaft. Parallel braucht es Anreize, die Investitionen in die Entwicklung neuer Medikamente fördern.
„Wir brauchen außerdem internationale Zusammenarbeit, denn Bakterien gibt es überall“, fasste Estelle zusammen.
The Big Questionist eine Reihe von Euronews Business. Darin sprechen wir mit Branchenexpertinnen, Branchenexperten und Führungspersönlichkeiten über zentrale Themen der Gegenwart.
Im Video oben sehen Sie das vollständige Gespräch über AMR mit Shionogi Europe.