Trotz steigender Spritpreise und massivem Fahrermangel zeigt sich Lyall Cresswell, Chef der Transport Exchange Group, überzeugt: „Aus dem Markt lässt sich noch deutlich mehr Effizienz holen.“
Wenn in den Supermarktregalen Produkte fehlen, geraten viele von uns schnell in Panik. Aber haben Sie sich schon einmal wirklich gefragt, wie diese Waren überhaupt dorthin kommen, außer in Momenten, in denen große geopolitische Krisen das Thema plötzlich ins Rampenlicht rücken?
Der Straßengüterverkehr transportiert rund 80 Prozent der Binnengüter in Europa und steuert etwa 3,75 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung der EU-27 bei. Trotzdem ist er nach Ansicht von Lyall Cresswell, Gründer und CEO der Transport Exchange Group (TEG), „wahrscheinlich die größte Branche, über die man erstaunlich wenig weiß“.
Lyall war für die jüngste Folge von The Big Question bei Angela Barnes im Studio und sprach dort über die Herausforderungen der Branche und die möglichen Folgen für die Wirtschaft.
Straßengüterverkehr: Rückgrat der europäischen Wirtschaft
Der gesamte europäische Markt für Fracht und Logistik hatte im Jahr 2025 einen Wert von 1475,88 Milliarden Dollar (1263,66 Milliarden Euro). Der Straßengüterverkehr trägt davon jährlich mehr als 400 Milliarden Euro bei.
TEG vernetzt mehr als 10000 Unternehmen und rechnet damit, in diesem Jahr europaweit rund drei Millionen Transporte zu koordinieren.
Zwischen Fahrermangel, Emissionsvorgaben und fehlenden Investitionen wundert es kaum, dass die größten Sorgen der Branche derzeit die Kraftstoffpreise sind, also die stark schwankenden Benzinpreise infolge globaler Unsicherheiten.
„Kraftstoff macht ungefähr 30 Prozent der Kosten eines Transportunternehmens aus“, erläutert Lyall.
Die Branche arbeitet mit sehr geringen Margen. Die Firmen müssen ständige Preisschwankungen bewältigen und zugleich für genug Liquidität sorgen, denn sie zahlen den Sprit oft lange, bevor sie das Geld für ihre Leistung erhalten.
Wenn die Kraftstoffpreise steigen, ziehen die Preise im Supermarkt nach. Doch das ist nicht das einzige Risiko, das Waren verteuern und Regale leer aussehen lassen könnte.
Überalterte Belegschaft
Allein im Straßengüterverkehr arbeiten in Europa mehr als drei Millionen Menschen. Lagerhaltung und damit verbundene Dienstleistungen bringen noch einmal fast zweieinhalb Millionen Beschäftigte hinzu.
Trotzdem fehlt es der Branche massiv an Fahrern. Im Jahr 2024 hat sich die Zahl unbesetzter Stellen fast verdoppelt, von 233000 auf 426000, und stieg 2025 weiter auf 444000.
Einige Prognosen gehen davon aus, dass das Problem weiter wächst und bis zu 745000 offene Fahrerstellen in Europa erreichen könnte.
„Die Fahrerschaft ist leider stark überaltert“, sagt Lyall.
„50 Prozent der Lkw-Fahrer in Deutschland sind über 55 Jahre alt. Das entspricht allerdings einem Trend, den Sie wahrscheinlich in vielen anderen Branchen ebenfalls sehen“, führt er aus.
„Der klassische Fernverkehr in Europa bedeutete, dass Fahrer tagelang, manchmal wochenlang, von ihrem Heimatstandort weg waren. Man kann sich vorstellen, dass das nicht für alle attraktiv ist.“
Was hilft dagegen? Lyall setzt vor allem auf Technologie.
Er ist überzeugt, dass KI-gestützte Routenplanung Speditionen effizienter machen und den Druck durch den Fahrermangel etwas abfedern kann.
Kann Technologie den Straßengüterverkehr retten?
Zwar investiert die Branche viel in mehr Sicherheit und Komfort für Fahrer, etwa in aktive Geräuschunterdrückung, adaptive Sitze oder Spurhalteassistenten. Lyall sorgt sich jedoch weiterhin um die schlechte öffentliche Infrastruktur. So fehlen vor allem sichere, gut ausgestattete Parkmöglichkeiten, die den Beruf attraktiver machen könnten.
Und wenn wir schon über Technologie sprechen, wollten wir von Lyall wissen, ob er sich fahrerlose Lastwagen in naher Zukunft vorstellen kann. Könnte das die ersehnte Lösung sein?
„Ich glaube, irgendwann wird es automatisierte Punkt-zu-Punkt-Transporte geben, entlang der Autobahnen zwischen großen Verteilzentren. Das kann ich mir gut vorstellen“, sagt er.
„Beim ersten Abschnitt, also der Abholung, und bei der letzten Meile bis zur Zustellung dürfte es dagegen deutlich länger dauern“, erklärt Lyall bei The Big Question.
The Big Questionist eine Reihe von Euronews Business, in der wir mit Branchenvertretern und Fachleuten über einige der wichtigsten Themen der Gegenwart sprechen.
Sehen Sie sich das Video oben an, um die gesamte Diskussion über Europas Logistikbranche zu verfolgen.