Bis zum Jahr 2050 soll die Luftfahrt klimaneutral werden. Der Markt für nachhaltige Flugkraftstoffe wächst rasant. Wir haben mit einer wichtigen Innovationstreiberin gesprochen.
„Der europäische Luftverkehrsmarkt hat heute ein Volumen von 56 Milliarden Dollar. Bis 2030 dürfte es auf über 100 Milliarden steigen“, sagte der CEO des auf nachhaltigen Flugkraftstoff spezialisierten Unternehmens EcoCeres in der Euronews-Sendung The Big Question.
Doch kann die Luftfahrt überhaupt weiter wachsen und Europa trotzdem seine Klimaziele erreichen? Und da die geopolitische Lage immer unberechenbarer wird und die Treibstoffversorgung gefährdet, stellt sich auch die Frage: Womit sollen Flugzeuge künftig fliegen?
Zuletzt ist der Ölpreis auf mehr als 100 Dollar je Barrel gestiegen. Kerosin hat sich dadurch im Preis verdoppelt – von 750 auf 1.500 Dollar.
In der aktuellen Folge von The Big Question war EcoCeres-Chef Matti Lievonen bei Angela Barnes im Studio zu Gast. Er erklärte, warum ihr nachhaltiger Flugkraftstoff (SAF) eine Antwort auf diese Probleme sein könnte.
Nachhaltiger Flugkraftstoff: Wie er entsteht
Der SAF von EcoCeres wird ähnlich hergestellt wie herkömmliches Kerosin. Statt jedoch fossile Brennstoffe zu fördern, nutzt das Unternehmen vorhandene Rohstoffe wie gebrauchte Speiseöle, Tierfette und Fischöl.
Der Vorteil: bis zu 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen.
Das in Hongkong ansässige Unternehmen arbeitet bereits mit 350.000 Restaurants zusammen – von McDonald’s bis Subway in ganz China. Sie liefern ihr gebrauchtes Frittieröl für den Produktionsprozess von EcoCeres.
EcoCeres hat eigene Verfahren entwickelt, um diese „schmutzigen Rohstoffe“ zu filtern und aufzubereiten. Lievonen sagt stolz, die Umwandlungsrate von Einsatzstoffen zu fertigem Treibstoff sei „die beste der Welt“ – mit einer Ausbeute von 85 Prozent.
Dabei ist EcoCeres noch ein junges Unternehmen und sieht sich selbst als Start-up. Dennoch ist es bereits der zweitgrößte Produzent in seinem Segment, mit einer Jahresproduktion von rund 770.000 Tonnen.
Eine dritte und vierte Anlage sind schon in Planung, auch Standorte in Europa werden geprüft. Die Produktion dürfte also weiter deutlich steigen.
Nachhaltiger Flugkraftstoff: Wird Fliegen teurer?
EcoCeres beliefert bereits Airlines wie British Airways, Lufthansa, KLM und Air France. EU-Vorgaben schreiben derzeit eine Beimischung von zwei Prozent SAF vor; bis 2030 steigt der Anteil auf sechs Prozent, bis 2050 auf 70 Prozent. Viele Fluggesellschaften setzen allerdings schon jetzt auf höhere SAF-Anteile, als sie müssten.
Ein Standardflug zwischen Hongkong und London verbraucht rund sechzig Tonnen Kerosin. Die 770.000 Tonnen Jahresproduktion von EcoCeres reichen also für Zehntausende solcher Flüge.
Müssen Reisende dafür draufzahlen? Lievonen schätzt, dass auf der Strecke Hongkong–London bei einem SAF-Anteil von zehn Prozent ein Aufpreis von rund 42 Euro pro Ticket fällig würde.
„Ich finde, wir alle sollten persönlich Verantwortung für SAF übernehmen“, erklärte er. „Wenn ich Fluggesellschaften frage: ‚Was ist euer größtes Risiko?‘, antworten sie alle: der Klimawandel. Heute spüren wir das noch nicht so stark. Aber wenn das Wetter gefährlicher wird, werden weniger Menschen reisen.“
„Deshalb sollten wir das als gemeinsames Ziel sehen: Die Luftfahrt, aber auch andere Verkehrsträger zu dekarbonisieren. Es geht um den Klimaschutz, aber auch um Versorgungssicherheit – das sehen wir jetzt sehr deutlich.“
SAF ist derzeit in der Herstellung noch teurer als fossiles Kerosin. Dafür ist es weitgehend von den Preisschwankungen bei Öl und Gas entkoppelt, die oft geopolitische Ursachen haben. Während sich der Preis für herkömmliches Kerosin zuletzt verdoppelt hat, stieg der SAF-Preis nur um 30 Prozent. Die Lücke schrumpft also. Vor den jüngsten Krisen kostete SAF noch 200 bis 300 Prozent des Preises von normalem Kerosin, inzwischen sind es etwa 150 Prozent.
SAF und Billigflieger: Steht das Geschäftsmodell vor dem Aus?
SAF dürfte Flugtickets zwar etwas verteuern. Lievonen betonte aber, dass die Regeln für alle Airlines gleich gelten und die Preisabstände damit erhalten bleiben.
„Wenn eine Airline heute kostengünstiger arbeitet als andere, bleibt dieser Vorteil bestehen, selbst wenn sie für nachhaltigen Treibstoff etwas drauflegen muss“, so Lievonen.
„Es bringt die Billigflieger nicht um“, fügte er hinzu. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt sinnvoll ist, dass wir so extrem billig fliegen. Ich weiß es nicht.“
The Big Questionist eine Serie von Euronews Business, in der wir mit Branchenführungspersönlichkeiten sowie Expertinnen und Experten über einige der wichtigsten Themen unserer Zeit sprechen.
Im Video oben sehen Sie das ausführliche Gespräch mit EcoCeres.