"Im Regal können wir konkurrieren, aber in der Lieferkette sollten wir zusammenarbeiten", sagte der CEO von Tony’s Chocolonely zu Euronews.
„Will ich die Größe des Unternehmens verdoppeln? Natürlich will ich das“, sagt Tony’s‑Chocolonely‑Chef Douglas Lamont im Gespräch mit Euronews.
Doch anders als viele andere Unternehmenschefs geht es Douglas nicht nur um Umsatz und Wachstum. Er will die gesamte Schokoladenbranche verändern – und steht vor einer schweren Aufgabe.
„Mehr Absatz bedeutet mehr Bohnen und damit mehr Wirkung vor Ort bei den Bäuerinnen und Bauern [...]. Das heißt, wir verdoppeln die Menge der Bohnen, die wir auf faire Weise einkaufen und für die wir Kakaobauern in Westafrika einen existenzsichernden Preis zahlen.“
In dieser Folge von The Big Question hat sich Douglas mit Hannah Brown zusammengesetzt. Thema: der wahre Preis von Schokolade und der Kampf gegen Ausbeutung.
Ausbeutung in der Schokoladenbranche
Falls Ihnen Tony’s Chocolonely noch kein Begriff ist: Das Unternehmen stellt Schokolade her und wurde 2005 vom niederländischen Dokumentarfilmer Teun van de Keuken gegründet. Teun war entsetzt, als er das Ausmaß der Ausbeutung in den Lieferketten der Schokoladenindustrie erkannte. Nachdem seine Enthüllungsdoku nichts bewirkt hatte, beschloss er, die Branche von innen heraus zu verändern.
21 Jahre später ist das Unternehmen deutlich vorangekommen.
Der allergrößte Teil der Schokolade, die wir in Europa essen, stammt aus Kakaobohnen aus Côte d’Ivoire und Ghana. In der Branche schätzt man, dass rund 40 % der Haushalte, die Kakao anbauen, Fälle von Kinderarbeit verzeichnen.
Tony’s gibt an, diesen Anteil in der eigenen Lieferkette auf etwa vier Prozent gedrückt zu haben.
Der Schlüssel dazu ist ein existenzsichernder Lohn für die Bäuerinnen und Bauern, den Tony’s unabhängig vom aktuellen Weltmarktpreis für Kakao zahlt.
„Wir geben ihnen langfristige, asymmetrische Verträge. Wir kaufen ihnen ihren Kakao immer zum existenzsichernden Preis ab. Sie müssen aber nicht an uns verkaufen, wenn sie anderswo einen höheren Preis erzielen. Das verschiebt die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten“, sagte Douglas in The Big Question.
„Derzeit zahlen wir in Westafrika einen Aufschlag von 45 % auf den sogenannten Farmgate-Preis. In der Summe bedeutet das: Die Bauern und Bäuerinnen haben mehr Geld in der Tasche, können in ihre Felder investieren und ihre Kinder zur Schule schicken.“
Douglas betonte, wie wichtig Rückverfolgbarkeit in der Branche ist. Sie bildet die Grundlage für Beziehungen zu Kakaobauern. Die EU-Entwaldungsverordnung werde hier eine zentrale Rolle spielen, weil sie das für alle Firmen verbindlich mache.
„Für Kakao bedeutet das: Rückverfolgbarkeit wird Pflicht. Jedes Unternehmen muss künftig wissen, von welchen Farmen sein Kakao stammt“, sagte er.
„Sobald man die Produzenten kennt, entsteht eine direkte Beziehung. Dann geht es darum, ihnen einen Lohn zu zahlen, von dem sie leben können. Früher behaupteten die großen Konzerne, es sei zu kompliziert, die Herkunft genau zu bestimmen.“
Was Schokolade wirklich kostet
Als eine der am schnellsten wachsenden Schokoladenmarken der Welt macht Tony’s Chocolonely einiges richtig. Oder sogar gleich zwei Dinge.
„Wir machen uns nichts vor: Wenn ein Produkt nur ethisch korrekt, aber sehr teuer und geschmacklich schwach ist, kaufen die Leute es nicht. Und sie kaufen es auch kein zweites Mal.“
„Wir zeigen, dass beides zusammengeht. Man braucht aber auch ein verdammt leckeres Produkt – erst die Kombination überzeugt“, so Douglas.
Im Jahr 2025 legte die Marke im Wert um 20 % zu. Der Umsatz stieg damit auf über 240 Millionen Euro. Nach Menge gemessen wuchsen die Verkäufe um vier Prozent, und die USA lösten die Niederlande als wichtigsten Markt ab.
Viele halten Tony’s Chocolonely für eine eher teure Tafel Schokolade. Douglas betont jedoch, dass sich die Firma selbst nicht als Luxusmarke sieht.
„Unsere Tafel ist im Vergleich zu vielen anderen im Regal deutlich größer und dicker“, erklärte er.
„Auf Kilobasis liegt unser Preis typischerweise 20 bis 25 % über anderen Tafeln im Regal. Das ist aus meiner Sicht ein Aufpreis, den es wert ist.“
Klimawandel: Steht Schokolade vor dem Aus?
Extremes Wetter in den vergangenen Jahren hat die Kakaoernten stark beeinträchtigt und die Preise für Bohnen in die Höhe getrieben.
Der Preissprung bei Kakaobohnen ließ die Verbraucherpreise für Schokolade in der EU im Jahr 2025 im Schnitt um 17,9 % steigen – stärker als bei jedem anderen Lebensmittel oder alkoholfreien Getränk. 2026 hat sich dieser Trend teilweise umgekehrt: Die Bohnen werden wieder günstiger, weil die Nachfrage zurückgeht und die Ernten besser ausfallen.
„Wir freuen uns aber nicht über diese niedrigen Marktpreise. Wir wollen einen verlässlichen, auskömmlichen Preis für die Menschen auf den Farmen [...]. So entsteht eine stabilere Branche. So holen wir Kinder aus der Arbeit auf den Feldern. So verändern wir die Industrie“, sagte Douglas weiter.
Der Klimawandel dürfte den Kakaopreis auch künftig beeinflussen. Douglas ist dennoch überzeugt, dass Schokolade eine Zukunft hat.
„Wie bei allen Rohstoffen gilt: Wenn man in Produktivität investiert, in die Bauern und Bäuerinnen vor Ort, und ihnen ein Einkommen ermöglicht, von dem sie leben können, wird die Branche in Westafrika attraktiver. Dann werden die Ernten stabiler und die Mengen verlässlicher.“
„Natürlich wird es weiterhin wetterbedingte Schwankungen von Jahr zu Jahr geben. Aber die Ertragsunterschiede fallen deutlich geringer aus, wenn die Branche insgesamt stärker investiert.“
„Hinzu kommt der moralische Gewinn: Wir reduzieren Kinderarbeit und drängen strukturelle Probleme wie Entwaldung aus der Branche. Das ist aus unserer Sicht der Weg nach vorn.“
„Für diesen Wandel gibt es aus meiner Sicht ein sehr klares ökonomisches und moralisches Argument“, fasste Douglas zusammen.
The Big Questionist eine Reihe von Euronews Business, in der wir mit Führungspersönlichkeiten und Expertinnen und Experten über einige der wichtigsten Themen unserer Zeit sprechen.
Sehen Sie sich oben das Video an, um das vollständige Gespräch mit Tony’s Chocolonely zu verfolgen.