Indiens Filmprüfstelle stoppt den Start von Kaouther Ben Hanias preisgekröntem Doku-Drama „The Voice of Hind Rajab“ und macht so den Kurswechsel zu Israel unter Premier Modi sichtbar.
Der Film feierte im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere. Nach einer rekordverdächtigen 23-minütigen stehenden Ovation erhielt er den Großen Preis der Jury, den Silbernen Löwen.
Er war für einen Golden Globe nominiert und schaffte es in diesem Jahr unter die fünf Filme der Oscar-Shortlist in der Kategorie Bester internationaler Spielfilm.
Doch trotz all dieser Erfolge wird Kaouther Ben Hanias The Voice of Hind Rajab in Indien verboten.
Die indische Zensurbehörde Central Board of Film Certification (CBFC) hat den tunesischen Film über den Tod eines fünfjährigen Mädchens im Krieg zwischen Israel und Gaza gestoppt.
In einem Bericht des Branchenblatts Variety (Quelle auf Englisch) sagte Manoj Nandwana von der in Mumbai ansässigen Firma Jai Viratra Entertainment, man habe ihm mitgeteilt, eine Veröffentlichung des Films würde die Beziehungen zwischen Indien und Israel „zerbrechen“ lassen.
Nandwana widersprach dieser Begründung. Er verwies darauf, dass der Film bereits in Ländern wie den USA, Großbritannien, Italien und Frankreich gestartet ist – viele dieser Staaten unterhalten ebenfalls diplomatische Beziehungen zu Israel.
Er sagte: „Ich habe ihnen gesagt: Die Beziehungen zwischen Indien und Israel sind so stark, dass es idiotisch ist zu glauben, dieser Film könne sie zerstören.“
Geschrieben und inszeniert von Kaouther Ben Hania, erzählt der Film vom Tod von Hind Rajab, die am 29. Januar 2024 ermordet wurde.
Hind Rajab überlebt als Einzige einen israelischen Angriff in Gaza. Eingeschlossen in einem Auto, umgeben von den Leichen ihrer Angehörigen, ruft das junge palästinensische Mädchen den Notdienst in Palästina an. Sie fleht um Hilfe, während Panzer der israelischen Armee (IDF) näher rücken, und freiwillige Helfer des Palästinensischen Roten Halbmonds versuchen, sie zu beruhigen und einen Krankenwagen zu ihr zu schicken.
Der Rettungsversuch scheitert. Wie die Washington Post und das Euro-Mediterranean Human Rights Monitor dokumentiert haben, durchlöchern Soldaten der IDF das Auto mit 355 Kugeln und erschießen zwei Sanitäter, die dem Mädchen zu Hilfe kommen wollten.
In unserer Kritik zu The Voice of Hind Rajab, der es auf unsere Liste der besten Filme des Jahres 2025 geschafft hat, schrieben wir: „Wie schon in ihrem Oscar-nominierten Film Four Daughters verbindet die tunesische Filmemacherin Kaouther Ben Hania Dokumentarisches mit nachgestellten Szenen; sie nutzt die Originaltonaufnahmen von Hind Rajabs Notruf und dramatisiert die Reaktion der Einsatzkräfte. (...) Wütend und dringlich in Inhalt und Form ist The Voice of Hind Rajab ein Dokudrama, das die menschlichen Folgen einer völkermörderischen Kampagne zeigt.“
Die Reaktionen auf das Verbot in Indien fallen heftig aus. Viele bezeichnen die Entscheidung als beschämend und nennen Premierminister Narendra Modi eine Marionette Israels.
Es ist nicht das erste Mal, dass das CBFC politisch heikle Filme stoppt. So verhinderte die Behörde im vergangenen Jahr den Start von Sandhya Suris Santosh, weil sie die Darstellung von Frauenfeindlichkeit und Gewalt in der indischen Polizei beanstandete. Die Zensur von The Voice of Hind Rajab verweist jedoch auf eine veränderte Linie in der indischen Außenpolitik.
Indien hat historisch die Palästinenser unterstützt. Unter Narendra Modi stellt sich das Land jedoch offen an die Seite Israels. Im Februar reiste Modi zu einem offiziellen Besuch nach Israel – als erster indischer Regierungschef in den 25 Jahren, seit denen beide Staaten volle diplomatische Beziehungen unterhalten. Das markiert eine weitere Verschiebung im Verhältnis zwischen Israel und Indien.
The Voice of Hind Rajab ist bereits in mehreren Ländern erschienen. Brad Pitt, Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Alfonso Cuarón und Jonathan Glazer unterstützen den Film als Executive Producer. Trotzdem verzichten einige Verleiher aus Angst auf eine Veröffentlichung.