In Spanien wachsen evangelikale Gemeinden weiter: 4.763 registrierte Gotteshäuser im Jahr 2025, getragen vor allem von Migranten aus Lateinamerika; Großevents wie das Festival der Hoffnung machen den Boom sichtbar.
Für einen Moment wirkt die Szene eher wie ein Konzert als wie ein Gottesdienst. Tausende Menschen singen, heben die Hände und verfolgen die Veranstaltungvon den Rängen des Palacio Vistalegre in Madrid. Auf der Bühne erscheint Franklin Graham, Sohn des legendären Evangelisten Billy Graham, Präsident der Billy-Graham-Evangelisationsassoziation und enger Verbündeter des US-Präsidenten Donald Trump.
Das Festival de la Esperanza (Quelle auf Spanisch), das am 30. und 31. Mai stattfand, zog Tausende Besucherinnen und Besucher an und lenkte den Blick erneut auf eine Entwicklung, die in Spanien immer sichtbarer wird: den Aufschwung evangelikaler Kirchen.
„Spanien braucht Hoffnung, und diese Hoffnung liegt in Jesus Christus“, sagte Graham vor dem Publikum. Der Prediger sprach von einem neuen Interesse am christlichen Glauben in verschiedenen europäischen Ländern und äußerte den Wunsch, Spanien möge ein neues geistliches Erwachen erleben.
Nach Angaben des „Pastors von Trump“ besuchten 12.600 Menschen den ersten Tag des Festivals; weitere rund 2.000 mussten wegen Platzmangels draußen bleiben. Die Billy-Graham-Evangelisationsassoziation gab die Gesamtzahl der Besucherinnen und Besucher am Wochenende später mit 18.700 an.
Die Organisatoren bereiteten das Treffen 18 Monate lang vor und mobilisierten rund 840 Kirchen der Region Madrid aus unterschiedlichen evangelikalen Denominationen. Nach ihren Angaben nahmen zudem knapp 9.800 Menschen an Schulungen und Evangelisationsaktionen teil, die in den Monaten zuvor stattfanden.
Schon die schiere Größe der Veranstaltung sorgte für Aufmerksamkeit. Doch das Großereignis in Vistalegre spiegelt auch einen tieferen Wandel wider, der die religiöse Landkarte Spaniens verändert.
Fast 4.800 evangelikale Gemeinden
Nach den jüngsten Zahlen des Observatoriums für religiösen Pluralismus in Spanien (Quelle auf Spanisch) gab es im September 2025 4.763 evangelikale Gottesdienstorte. Das sind mehr als die 4.455, die ein Jahr zuvor verzeichnet wurden. 2011 waren es noch 2.944.
Katalonien zählt derzeit 1.010 evangelikale Gemeinden, gefolgt von Madrid mit 855, Andalusien mit 744 und der Region Valencia mit 510.
Die katholische Kirche bleibt mit 22.922 registrierten Gottesdienstorten klar die Mehrheit. Doch evangelikale Kirchen stellen inzwischen mehr als die Hälfte aller religiösen Zentren, die nicht zur katholischen Kirche gehören.
Besonders deutlich zeigt sich das Wachstum in Madrid. Laut den Daten des Observatoriums stieg die Zahl der evangelikalen Kirchen in der Region in knapp einem Jahrzehnt von rund 662 auf 855.
Evangelikale Verbände schätzen, dass ihre Gemeinschaft derzeit etwa 1,5 Millionen Menschen umfasst. Exakte offizielle Statistiken zur Zahl der Gläubigen gibt es jedoch nicht.
Das Wachstum betrifft nicht nur die Zahl der Gotteshäuser. Nach Angaben verschiedener evangelikaler Organisationen haben diese Kirchen auch an Universitäten, in Nachbarschaftsvereinen, in den Medien, bei öffentlichen Veranstaltungen und in den sozialen Netzwerken an Präsenz gewonnen. Heute treten sie deutlich sichtbarer auf als noch vor zwei Jahrzehnten.
Lateinamerikanische Migration als Motor
Hinter dieser Expansion steht immer wieder derselbe Faktor: die Migration aus Lateinamerika. Nach den neuesten Daten des Nationalen Statistikamts INE verzeichnet Spanien weiterhin Rekordwerte bei der Bevölkerungszahl, vor allem durch den Zuzug von im Ausland geborenen Bewohnerinnen und Bewohnern. Besonders stark gewachsen sind in den vergangenen Jahren die kolumbianische und die venezolanische Gemeinschaft.
Viele dieser neuen Einwohner kommen aus Ländern, in denen evangelikale Kirchen viel stärker verbreitet sind als in Europa. Kolumbien, Venezuela, Honduras, Guatemala, Brasilien oder die Dominikanische Republik erleben seit Jahrzehnten ein starkes Wachstum evangelikaler und pfingstkirchlicher Gemeinden.
Für zahlreiche Migrantinnen und Migranten dienen die Gemeinden zugleich als Treffpunkt, Anlaufstelle und Ort der Begleitung. Neben dem Gottesdienst bieten sie Netzwerke, Beratung und ein familiäres Umfeld für Menschen, die ohne gefestigte soziale Strukturen im Land ankommen.
Diese soziale Funktion taucht in vielen Analysen zum evangelikalen Wachstum auf. Für viele Neuankömmlinge bilden die Kirchen ein erstes Unterstützungsnetz, erleichtern persönliche und berufliche Kontakte und vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit in einer neuen Umgebung.
Die wachsende Sichtbarkeit der Bewegung zeigt sich auch außerhalb der Kirchenräume.
Wochen vor dem Festival de la Esperanza brachte das Treffen The Change Madrid (Quelle auf Spanisch) nach Angaben der Organisatoren rund 35.000 Menschen ins Stadion Metropolitano. Dort traten internationale Prediger auf; außerdem beteiligte sich der ehemalige brasilianische Fußballprofi Dani Alves, der von seiner religiösen Hinwendung nach seiner Zeit im Gefängnis berichtete.
Die Veranstaltung machte deutlich, wie sehr sich die Dimension der Bewegung verändert hat. Was jahrzehntelang mit kleinen Gemeinden und Nachbarschaftslokalen verbunden war, füllt heute einige der größten Veranstaltungsorte Spaniens.
Ein Teil dieses Wachstums stützt sich auf Formate, die Livemusik, aufwendige audiovisuelle Produktionen, digitale Übertragungen und persönliche Zeugnisse kombinieren – eine Mischung aus religiösem Eifer, Emotion und Show, die ihre öffentliche Sichtbarkeit deutlich erhöht hat.
Diese jüngsten Großereignisse fallen in die Tage vor der Ankunft von Papst Leo XIV. in Spanien. Die katholische Kirche bleibt zwar klar die größte Glaubensgemeinschaft, doch evangelikale Kirchen verzeichnen eines der schnellsten Wachstumstempo des Landes.
Die Tausenden Menschen, die sich in Vistalegre versammelten, sind nur der sichtbarste Ausdruck eines Wandels, der sich seit Jahren jenseits der großen Bühne in den Vierteln und Städten des ganzen Landes vollzieht.