Rund zwei Kilometer von der belarussischen Grenze steht zwischen den Bäumen ein LKW, doch man sieht ihn erst auf den letzten Metern. Hier versteckt sich eine Einheit der Bundeswehr, die Auffälligkeiten im elektromagnetischen Raum überwachten soll.
Keine Schüsse, keine Explosionen – und doch läuft hier ein Einsatz. An der NATO-Ostflanke in Litauen überwachen deutsche Soldaten den elektromagnetischen Raum. Sie hören gegnerische Funk- und Radarsysteme ab.
An einer Waldgrenze im Osten Litauens war die Bundeswehr scharf im Einsatz. Sie hat dort gegnerische Aktivitäten in einer Gefechtsstellung nur rund zwei Kilometer von der belarussischen Grenze überwacht. Der Inspekteur des Heeres spricht von einem gläsernen Gefechtsfeld, denn hier fliegen weder Raketen oder Drohnen, noch fallen Schüsse. Vielmehr geht es um Daten und Unregelmäßigkeiten.
"Wir werden eingesetzt an verschiedenen Stellungen hier in diesem Bereich entlang der belarussischen Grenze", erklärt Christian, Truppführer der sogenannten EloKa-Einheit. EloKa steht für elektronische Kampfführung und Christian ist nicht sein echter Name. Außerdem trägt er eine Sturmhaube, um seine Identität zu schützen. Euronews trifft ihn in Sichtweite der belarussischen Grenze, rund zwei Kilometer trennen Litauen hier vom Nachbarland.
Christians Truppe war auch im Einsatz, als vor wenigen Wochen Drohnenalarm in ganz Litauen ausgerufen wurde. Es sei erstmal ganz normal, dass beispielsweise eine Warnmeldung über das Handy ausgegeben werde. "Das wird natürlich auch in unseren Gefechtsstand gemeldet und dann fährt man die Sicherheitsstufen einfach hoch", erklärt Christian Euronews. "Das bedeutet, ich muss meine Rüstung anlegen, die ich jetzt selber anhabe, oder muss halt gewisse Schutzräume aufsuchen".
Kampf mit Signalen und Störungen
Viel zu sehen ist von der Einheit an der Waldkante nicht. Ein Camping-Tisch und mehrere Stühle und ein getarntes Fahrzeug. "Wir haben hier einen ganz normalen LKW als Trägerfahrzeug, ich muss ja irgendwie herkommen", erklärt er Euronews.
Das "Herzstück" sei für ihn die Kabine. Strom kommt von einem Aggregat außerhalb, denn "ohne Strom geht bei uns gar nichts", sagt Christian. Darin verbirgt sich die notwendige Technik. Von außen ist die Stellung getarnt.
Unscheinbar zwischen den Bäumen ragt außerdem ein Mast empor, den man aus- und einfahren kann. "Da sind mehrere Antennen dran zur Anbindung, mit denen wir kommunizieren können und auch meine Führung mit mir kommunizieren kann", so Christian. Generell habe er den Auftrag zur Überwachung und Aufklärung.
Gegenseitige Überwachung
"Die Physik kann man nicht überlisten, da muss man sich halt an die Gegebenheiten anpassen, deshalb habe ich da oben zwei Antennen drauf. Die eine relativ markant, die ausgewählte Rakete und daneben ist eine ganz normale Fahrzeugantenne, ein einfacher Stab". Diese messen das Spektrum im elektromagnetischen Feld aus. So wird überprüft, ob die gegnerische Partei bestimmte Aktivitäten vornimmt und welche Veränderungen im Datenraum passieren.
Die Technik der Einheit geht über die bisherigen Maßnahmen hinaus. So könnten die Soldaten auch Netzwerke der gegnerischen Partei stören, in der Fachsprache ergreifen sie elektronische Gegenmaßnahmen. So würde beispielsweise die feindliche Kommunikation zu bestimmten Momenten unterbunden.
"Einfaches Beispiel, wir stören Kommunikation, aber in zeitkritischen Momenten. Das ist beim Feind, wenn ich irgendwas schnell zu koordinieren habe: ich fahre jetzt nicht links rum, sondern rechts rum und wenn ich dann im richtigen Moment den Störer einsetze und die Kommunikation abbricht, fahren doch alle links rum und nicht rechts rum." Weil eine Information zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr durchkommt, können kurzfristige Änderungen verloren gehen.
"Informationsvorsprung, das ist der wichtige Punkt", erklärt Christian Euronews. Derzeit beobachten die Eloka-Kräfte allerdings nur und senden die Informationen an eine zentrale Stelle, sie klären auf.
Mobile Spezialeinheit: 30 Kilo Gepäck, mehr nicht
Eine andere Einheit ist noch kleiner unterwegs. Ein 30-Kilo Rucksack auf dem Rücken, darin alles, was für einen Einsatz gebraucht wird. Das Kleinstnetzwerk, das sogenannte KNW, sei das Gehirn des Systems, sagt ein Hauptfeldwebel, der ebenfalls anonym bleibt.
"Hier laufen alle Informationen zusammen und werden dann auch weiterverteilt, sodass Informationen, die benötigt werden, so schnell wie möglich auch an der richtigen Stelle ankommen." Mit diesem Gerät können die Spezialisten in der Bundeswehr ein eigenes Netzwerk aufbauen. Eingesetzt wurde es bereits bei der Flutkatastrophe im Ahrtal, als andere Kommunikationswege ausgefallen waren.
"Als gar nichts mehr ging, konnten wir hier ein zellulares Netz aufbauen, damit da auch die Kommunikation zwischen allen Blaulichtkräften gegeben war." Sein Job erfordere Kreativität, um in Notsituationen schnell Alternativen zu präsentieren, erklärt der Hauptfeldwebel Euronews.
Daten und ihre Wege im elektromagnetischen Feld gelten als die neue unsichtbare Währung im modernen Gefechtsfeld. Die Bundeswehr hat die EloKa-Truppen an der litauischen Grenze eingesetzt, um beispielsweise Informationen darüber zu sammeln, wie die vergangene sechswöchige Übung "Freedom Shield" beobachtet wurde.