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Annecy: KI ist Tabu beim größten Animationsfestival Europas

ARCHIV: Animationsprojektion von Manual Cinema im National Public Housing Museum in Chicago, 2025
Archivaufnahme: Eine Videoprojektion von Manual Cinema mit Animation im National Public Housing Museum in Chicago, 2025. Copyright  AP/Erin Hooley
Copyright AP/Erin Hooley
Von Marta Rodriguez Martinez
Zuerst veröffentlicht am
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Das Animationsfestival von Annecy gilt als größtes Branchentreffen Europas: Hier entstehen Karrieren, hier werden Filme gehandelt. Doch in diesem Jahr prägen Künstliche Intelligenz und Wandel die Gespräche auf und abseits des Markts.

Im Zelt herrschten fast 40 Grad, draußen erlebte Frankreich die schlimmste Hitzewelle seit Jahren. Trotzdem drängten sich Animationskünstler, Produzentinnen und Produzenten sowie Manager, die Filme finanzieren und verkaufen, in den Raum. Sie wollten über das sprechen, was ihre Branche schneller verändert als alles seit einer Generation: künstliche Intelligenz.

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Jeden Juni wird die Alpenstadt Annecy am See zum Mittelpunkt der internationalen Animationsszene. In diesem Jahr ging es nicht nur um Rekordtemperaturen. KI war überall Thema – und zugleich kaum offiziell sichtbar.

Auf der Bühne: Die optimistische Sicht

Ein Blickwinkel: Fachleute auf dem Panel „Animation: More Human Than Ever“
Ein Blickwinkel: Fachleute auf dem Panel „Animation: More Human Than Ever“ Marta Rodriguez Martinez

Das Panel trug den hoffnungsvollen Titel „Animation: More Human Than Ever“. Moderiert wurde es von Mark Flanagan, einem erfahrenen Dozenten für Computeranimation und Gründer der Lernplattform VFX Jam. Neben ihm saßen Henry Daubrez, Filmemacher in Residenz bei Google Labs, Jade Hautin, Produzentin bei der Pariser Firma Frogbox, der US-Technologe und Regisseur Benjamin Michel sowie Produzent Leo Neumann. Die Frage hinter dem Titel bewegte alle: Wie menschlich kann Animation bleiben, wenn ihre Werkzeuge immer stärker automatisiert sind?

Daubrez warb für mehr Zugang. KI könne, so seine Hoffnung, endlich Kreativen in Ländern eine Kamera in die Hand geben, in denen es bisher weder Studios noch teure Software gab.

Er betonte aber auch die Grenzen. Wer die Werkzeuge bequem einsetzt, ziehe alles in Richtung „Durchschnitt“. Entscheidend sei, der Maschine eine eigene Sichtweise mitzugeben – nicht darauf zu hoffen, in ihr eine zu finden. Aus seiner Praxis funktioniert vor allem, was er „Hybridproduktion“ nennt: KI übernimmt das Rendering, Menschen behalten die Kontrolle über Bewegung und Gestaltung.

Michel sprach über die wirtschaftliche Seite. Er sieht eine Zukunft, in der kleine 5-Millionen-Dollar-Studios Filme produzieren, wo früher eine 50-Millionen-Dollar-Produktion stand. Große Häuser müssten dann das streichen, was er ihr „Polster“ nennt. Und er lieferte den Satz, auf den die Runde immer wieder zurückkam: Wenn die Technologie das technische Handwerk übernimmt, „bleibst am Ende du übrig“ – dein Geschmack, dein Blick. Die Diskussion kreiste deshalb immer wieder um Autorschaft. Kontrolle, sagte jemand auf dem Panel, sei gleichbedeutend mit Schaffen.

Flanagan sprach das Unbehagen offen an. Etablierte Regisseurinnen und Regisseure fühlen sich von KI angezogen, weil sie vielleicht endlich das Herzensprojekt verwirklichen können, für das bisher niemand Geld geben wollte. Junge Leute im Publikum fragen sich dagegen, wie sie überhaupt ihren ersten Job bekommen sollen.

Hautin, deren Kollektiv die neuen Tools seit zwei Jahren in echten Produktionen testet, fasste das ambivalente Gefühl im Raum zusammen: „Ein Teil von dir will, dass es funktioniert, ein Teil von dir nicht.“

Neumann sprach noch klarer über die Effizienz, auf die sich alle beriefen. Für ein kleines Team wären sie ohne KI schneller gewesen, sagte er.

Die Diskutierenden legten ihre besten und schlechtesten Szenarien auf den Tisch. Am Ende blieb eine Einsicht, an der kaum jemand rüttelte: Niemand weiß, wo all das in drei Jahren steht.

Abseits der Bühne: Das Tabu

Vor dem Zelt verstummte dieselbe Debatte. KI ist das offene Geheimnis der Animationsbranche. Sie steckt inzwischen in fast jedem Projekt. Aber darüber zu reden, kostet Nerven. Alle wollen die Ersten sein, die etwas Überraschendes damit schaffen, und fast niemand will zugeben, die Technik zu nutzen – aus Angst vor den Folgen.

Die Branche hatte gerade gesehen, was passieren kann. Einige Wochen vor dem Festival legten Amazon MGM Studios und Amazon Web Services einen Fonds für KI-basierte Serien auf und gaben drei Projekten grünes Licht für Prime Video. Eines davon war Punky Duck von Jorge R. Gutiérrez, dem mexikanischen Regisseur von The Book of Life und Maya and the Three. Die Reaktionen fielen hart aus – und richteten sich nicht nur gegen KI.

Gutiérrez hatte sich über Jahre als eine der lautesten Stimmen zugunsten von Animationsschaffenden profiliert. Noch 2024 warnte er, der Einsatz der Technologie nehme jungen Talenten die „Leiter“ weg. Eine ganze Generation von Kreativen könne so keine Erfolge mehr landen.

Nach zwei Tagen, und einer Welle von Beschimpfungen, die laut ihm auch Drohungen gegen seine Familie einschloss, stieg Gutiérrez aus dem KI-Programm bei Amazon aus. „Taten sprechen lauter als Worte“, schrieb er und entschuldigte sich bei allen, die er enttäuscht habe.

Effizienz, die ausblieb

Kaum jemand hatte die Versprechen der KI so direkt geprüft wie Leo Neumann, der in Deutschland ein Studio mit rund 30 Beschäftigten führt. Für seinen Langfilm The Amazing Kitsuverse setzte er KI bei Aufgaben wie Lippen-Synchronisation und lizenzierter Sprachproduktion ein. Am Ende hätte er es lieber gelassen. Für ein kleines Team, das selbst am Film arbeiten will, kostete das Testen der Tools und ihr Einbau in die Produktionsabläufe mehr Zeit, als es einsparte.

Seine Regel für den ethischen Einsatz von KI ist kurz: kreative Kontrolle nicht abgeben und keine Urheberrechte verletzen. Dahinter liegt ein tieferer Einwand, der mit Besitz zu tun hat. Einen Prompt einzutippen sei wie jemanden online zu engagieren, sagt er. Egal, was zurückkommt – wirklich gehören tut es einem nicht.

Den Preis für diese Offenheit lernte er auf die harte Tour. Sein Studio erwähnte im Abspann jede eingesetzte Software. Bei einer Testvorführung in Annecy wandte sich das Publikum in dem Moment gegen den Film, in dem KI auftauchte. Studios, die dazu schwiegen, hatten keine Probleme – zumindest, bis jemand ihnen auf die Schliche kam. Neumann erklärt das mit einem Vergleich aus der Musik: Ein Stück verliert seinen Wert, sobald man erfährt, dass keine Person, sondern eine Maschine gespielt hat.

Die fehlende erste Sprosse

Für diejenigen, die erst in die Branche wollen, ist die Sorge einfacher formuliert. Der mexikanische Animator Quique Gasca hat die Animationsschule vor nicht allzu langer Zeit abgeschlossen. Was ihn nachts wachhält, ist ein Mechanismus. KI übernimmt zuerst die sogenannten Inbetweens, die Zwischenbilder. Das war bisher die mühselige Arbeit, in der junge Leute das Handwerk lernen und erfahrene Animationsprofis ihr Wissen weitergeben.

Der mexikanische Animator Quique Gasca
Der mexikanische Animator Quique Gasca Marta Rodriguez Martinez

Wenn die unterste Sprosse wegfällt, bleibt keine Leiter mehr zum Aufstieg. Es kommt noch schlimmer, sagt er. Ein Modell, das bereits alles verschlungen hat, „trägt alle Stimmen in sich“. Damit wird das Wichtigste für Neueinsteiger – ein eigener Klang, eine eigene Handschrift – am schwersten zu finden.

Seine Antwort, und die vieler junger Kolleginnen und Kollegen, lautet: auf das zuzugehen, was Maschinen nicht können. Er spricht von einem Comeback des Stop-Motion-Verfahrens, von der Wirkung echter Materialien und echter Fehler, die sich zu etwas formen, das kein Modell nachahmen kann.

Angst macht ihm, dass dieser handgemachte Weg, so schön er ist, ein Nischenprodukt bleibt. Billige KI, „Fast Food“ für Inhalte, könnte zur Hauptnahrung der nächsten Generation werden.

Die Debatte driftet auseinander

Jade Hautin sitzt auf demselben Panel, sieht die Entwicklung aber aus einer anderen Perspektive. Frogbox, wo sie produziert, arbeitet nicht mit generativer KI. Viele französische Studios tun das ebenfalls nicht, sagt sie. Hautin ist außerdem Botschafterin von Creative Machines?, einem frankophonen Kollektiv, in dem das Fragezeichen Programm ist: Die Gruppe will Technologie hinterfragen, nicht vermarkten.

Was Ende 2023 mit ein paar Leuten begann, die sich Links schickten, ist heute ein Chor von mehr als 1.100 Stimmen. Sie organisieren kurze Projektläufe, in denen Mitglieder die Tools an realen Produktionsaufgaben testen und beobachten, wie die Marketingversprechen zerbröseln. Dazu kommen Thementage mit Soziologinnen, Juristen und Ökonominnen.

Hautin fällt vor allem die harte Polarisierung in den KI-Gesprächen auf. Zwei Lager haben sich verfestigt: Menschen, die KI täglich einsetzen und die Branche zum Weitergehen drängen. Und andere, für die schon das Reden darüber Verrat bedeutet. Ihr Kollektiv versucht, dazwischenzustehen – und bekommt von beiden Seiten Gegenwind. Für die einen sind sie zu vorsichtig, für die anderen zu sehr Sprachrohr der Techfirmen. Gleichzeitig werden die Tools immer besser. Im April 2024 bekam niemand eine KI-Figur zum Blinzeln. Im April 2026 wirkten die Ergebnisse verblüffend.

Diese Angst, sagt sie, drängt die Diskussion in den Untergrund. Während des Festivals organisierte ihr Kollektiv einen internationalen Thinktank mit zwischen 40 und 60 Teilnehmenden. Mehrere erzählten ihr danach, es sei der erste Ort gewesen, an dem sie sich überhaupt sicher fühlten, offen über KI zu sprechen.

Das eigentliche Problem sieht sie nicht in den Assistenzwerkzeugen, die seit Jahren in technischen Abläufen stecken, sondern in generativer KI auf Basis massenhaft gescrapter Daten – mit einer Umweltbilanz, die sie „monströs“ nennt. „Gerade jetzt, bei dieser Hitzewelle.“

Worüber reden wir eigentlich?

Wenn die Woche eines gezeigt hat, dann dies: Die Branche kann nicht sinnvoll über ein Wort streiten, das sie nicht definiert. Unter „KI“ wird zu viel zusammengeworfen, sagt Hautin.

Generative Tools tief in einer spezialisierten Pipeline sind ein anderes Wesen als frei zugängliche Werkzeuge im Browser. Erstere gehören seit Jahren zur Animation.

Der heftige Konflikt dreht sich in Wahrheit um den zweiten Typ: Modelle, die auf Arbeiten trainiert wurden, deren Urheberinnen und Urheber nie zugestimmt haben. Wenn man das präzise benennt, so ihr Vorschlag, kann die Branche endlich ehrlich diskutieren.

Draußen richtete die Hitze weiter Schaden an. In einer Ecke des Festivals sprachen spanische und italienische Kreative genau darüber: die Umweltkosten der Technologie, über die alle anderen stritten. Sie lieben ihre Arbeit, sagen sie, sie ist ihr Leben.

Doch wenn der einzige Weg, sie künftig fortzusetzen, durch eine ökologische Katastrophe führt, ist es das nicht wert. Darüber herrschte zumindest Einigkeit.

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