Nach der Abschaltung des Atomkraftwerks Paks bereitet sich die EU auf eine mögliche Energiekrise in Ungarn vor. Die Kommission erwägt ein Krisentreffen, während Budapest Bevölkerung und Wirtschaft zum Stromsparen aufruft.
Die Europäische Kommission ist nach eigenen Angaben bereit, wegen der Abschaltung des ungarischen Atomkraftwerks Paks eine außerordentliche Sitzung ihrer "Electricity Coordination Group" einzuberufen. Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar warnt vor einer drohenden Energiekrise.
"Obwohl der Betreiber Notfallmaßnahmen ergriffen hat, um die nukleare Sicherheit zu gewährleisten, könnte ein solcher Vorfall die regionale Strombilanz zusätzlich belasten", sagte die Sprecherin der Kommission, Anna-Kaisa Itkonen, gegenüber Euronews. "Die Kommission ist bereit, eine Ad-hoc-Sitzung der Electricity Coordination Group einzuberufen."
Magyar warnte, Ungarn könne bereits in der kommenden Woche in eine Energiekrise geraten. Anlass ist das Kraftwerk Paks, das fast die Hälfte des ungarischen Strombedarfs deckt und nach Rekordniedrigständen der Donau vom Netz genommen wurde. Der Fluss liefert Kühlwasser für die Reaktoren. Es ist das erste Mal seit der Inbetriebnahme vor 42 Jahren, dass die Anlage vollständig heruntergefahren wurde.
Magyar sagte am Donnerstagabend: "Das bedeutet, dass ab spätestens Montag 2.000 Megawatt aus der ungarischen Stromproduktion wegfallen, während der Bedarf in Haushalten und im öffentlichen Bereich wegen der Hitze weiter steigt."
Die Regierung ruft Bevölkerung und Unternehmen auf, ihren Stromverbrauch in den Spitzenzeiten zwischen 17 und 22 Uhr zu senken. Vor allem Klimaanlagen und Waschmaschinen sollen in dieser Zeit möglichst nicht genutzt werden.
Magyar erklärte, die Regierung habe zudem einen Notfallplan ausgearbeitet, um den Verbrauch in Industriebetrieben im Rotationsprinzip zu begrenzen. Die Leistung anderer Kraftwerke in Ungarn soll erhöht werden.
"Angesichts der Schwere dieser beispiellosen Lage bitten wir alle – Großverbraucher ebenso wie die Bevölkerung –, sich verantwortungsvoll zu verhalten", sagte er. "Es liegt in unserem gemeinsamen Interesse, ungeplante Abschaltungen und einen unerwarteten Systemkollaps zu vermeiden, wie wir ihn in Westeuropa und auf dem Balkan gesehen haben."
András Perger, Experte der ungarischen NGO Energiaklub, sagte Euronews, Ungarn drohe ab Montag 25 bis 30 Prozent seiner Stromproduktion zu verlieren. Er bezeichnete die Lage als ernste Belastungsprobe für die Energieversorgung des Landes.
"Ab Montag, wenn der Verbrauch voraussichtlich steigt und Paks weiter nicht am Netz ist, beginnt eine deutlich kritischere Phase", sagte Perger. "Das wird ein harter Test für die Versorgung in Ungarn und in der gesamten Region."
Einen Teil des Bedarfs könne Ungarn durch Stromimporte aus Nachbarländern decken, fügte er hinzu. Doch die Verfügbarkeit von Wasserkraft sei in der Region selbst begrenzt.
In Rumänien bereitet die Abschaltung eines Reaktors weniger Probleme, da der Anteil der Kernenergie am Energiemix des Landes kleiner ist.
"Trotz der angespannten Lage in Ungarn rechne ich nicht mit gravierenden regionalen Problemen", sagte Perger.
Die Umweltorganisation Friends of the Earth Hungary sieht die Vorgänge rund um das Atomkraftwerk Paks nicht als Einzelfall, sondern als Herausforderung der Klimaanpassung.
"Ungarn muss seine Energiewende hin zu einem widerstandsfähigeren, dezentralen System beschleunigen, das weniger von klimaanfälliger Infrastruktur abhängt und stärker auf Energieeinsparung, Flexibilität und erneuerbare Energie setzt", erklärte Geschäftsführender Präsident Ákos Éger in einer an Euronews übermittelten Stellungnahme.
Itkonen erklärte, Brüssel verfolge die Entwicklung der Stromversorgung in Ungarn und Rumänien genau. Derzeit gebe es jedoch keine unmittelbaren Sorgen um die Energiesicherheit.
Nach Angaben der Kommission soll die "Electricity Coordination Group" den Informationsaustausch erleichtern und die nächsten Schritte zwischen den Ländern der Region koordinieren. Der weitere Verlauf wird genau beobachtet. Ungarn steuert nach Einschätzung von Verantwortlichen in Brüssel und in Budapest auf eine entscheidende Bewährungsprobe für die Widerstandskraft seines Energiesystems zu.