Mysteriöses kosmisches Phänomen katapultiert Oak Street aus der Vorstadtidylle der Achtziger in die Urzeit – der Überraschungsblockbuster des Sommers.
In diesem Jahr hat sie gemeinsame Traumata mit schimmerndem roten Stoff ausgetrieben in Mother Mary. 2026 sah sie außerdem, wie sie sich durch Konzernintrigen kämpfte, um ein Modemagazin zu retten (The Devil Wears Prada 2) und lästige Verehrer abwehrte, die es auf den Thron ihres Ehemanns abgesehen hatten (The Odyssey).
Jetzt versucht Anne Hathaway, die Vorstadtängste des Amerika der achtziger Jahre zu überstehen, und drückt einem Dinosaurier in David Robert Mitchells The End Of Oak Street kurzerhand eine Schrotflinte ins Gesicht.
Keine Frage: Was kann diese Frau eigentlich nicht? Sie zeigt jedenfalls sehr klar, dass Tom Holland und Zendaya zwar das ideale Plakatpaar für zwei Kassenschlager dieses Sommers sind (The Odyssey und Spider-Man: Brand New Day), doch 2026 gehört vor allem Anne Hathaway – es ist ein echtes Hathaway-Jahr.
Sie spielt die Hauptrolle in Mitchells Rückkehr auf die große Leinwand nach einer achtjährigen Pause. Hathaway verkörpert Denise Platt, das Zentrum einer scheinbar perfekten Kleinfamilie: Ehemann Greg (Ewan McGregor) und ihre zwei Kinder Audrey (Maisy Stella) und Brian (Christian Convery). Und dann ist da noch ihr hinreißend bedrohlicher Hund Starbuck.
Doch unter der Oberfläche dieser bürgerlichen Idylle brodelt es. Denise und Greg reden nicht richtig miteinander und stehen kurz vor der Scheidung. Er fährt als Pizzabote, um zu verheimlichen, dass er seinen Job verloren hat; sie hat die Rolle der Provinzmutter satt und schreibt heimlich einen Roman, um den unausgesprochenen Wunsch zu verarbeiten, einfach die Koffer zu packen und ihre Familie zu verlassen.
Zur Krönung der Probleme hat Brian einem örtlichen Schläger den Arm gebrochen und raucht heimlich (Schnappatmung!), während Audrey … Nun, Audrey macht sich Sorgen um eine mögliche Scheidung, aber zitiert Carl Sagan wie eine Meisterin – als Teenager hat sie ihr Leben also erstaunlich gut im Griff.
Die Lage verkompliziert sich deutlich, als im Garten eines Nachbarn seltsame prähistorische Pflanzen sprießen und im Radio von „üblichen Raumverwerfungen“ und merkwürdigen „Sonnenstürmen“ die Rede ist. Kurze Zeit später versetzt ein Lichtblitz in der Nacht die ganze Nachbarschaft von 1982 in die Urzeit: Rundherum breitet sich Dschungel aus, und paläontologisch korrekt gestaltete Dinosaurier werden zunehmend unruhig.
„Mom? Ist das das Ende der Welt?“
Nun, Kind, streng genommen handelt es sich eher um eine unerklärliche Teleportation. Aber es fühlt sich an wie ein ausgewachsener „Dinogeddon“. Da wirkt ehelicher Streit plötzlich ziemlich klein, oder?
Für seinen Schritt von Indie-Filmen zu großem Blockbuster-Kino liefert der Regisseur von It Follows und Under The Silver Lake eines der besten Sommerabenteuer des Jahres ab. Es ist eindeutig der beste Dinosaurierfilm seit 1993.
Zugegeben, dieses Lob klingt angesichts des absoluten Unsinns, den die Jurassic World-Reihe bislang abgeliefert hat, zunächst verhalten. Doch wenn ein Überlebens-Thriller mit Dinosauriern genug Herz besitzt, um sich neben Jurassic Park zu behaupten, ist das keine Kleinigkeit.
Mitchell trägt seine Vorbilder aus dem Spielberg- und Amblin-Kino offen zur Schau, mit unübersehbaren Anspielungen auf E.T., The Goonies und natürlich Jurassic Park. Diese Referenzen verstärkt Michael Giacchinos hervorragender Score, der alle Merkmale eines ausgelassenen John-Williams-Soundtracks in sich trägt. Doch statt eines rein fetischistischen 80er-Jahre-Pastiches (wir sehen dich, Stranger Things) oder einer bloß abgeleiteten Nostalgie-Masche hat Mitchell ein Familienabenteuer geschaffen, das voller spannender Setpieces, Suspense und vor allem Herz steckt. Er hat bei Jaws genau hingeschaut, wie man Monster nach und nach andeutet und klug enthüllt, bevor man das wilde Chaos loslässt – und dabei vergisst er nie, seine Figuren weiterzuentwickeln.
Indem er die Dynamik der Familie sorgfältig ausarbeitet und ihren inneren Konflikten treu bleibt, verankert Mitchell den Überlebenskampf in etwas Greifbarem und macht ihn umso nervenaufreibender. Das zeigt sich in der bewusst gesetzten Bildgestaltung und in köstlichen Split-Diopter-Einstellungen (Verdienste gebühren Kameramann Mike Gioulakis), aber auch in der starken Figurenorientierung, die zu überraschend bewegenden und mitunter schockierenden Momenten führt. Und ohne das überinterpretieren zu wollen, steckt hier eine kraftvolle Metapher dafür, wie aus dem Tritt geratene Vorstadtsiedlungen existenzielle Angst verkörpern.
Vor allem aber ist The End Of Oak Street ein perfekt austarierter Publikumsliebling, eine Überlebens-Achterbahnfahrt mit zügigem Tempo, flüssigem Schnitt und kluger Genre-Mischung. Der Film ist ein Dinosaurierabenteuer mit makellos animierten CGI-Ungetümen; ein oft witziger Blockbuster, der die inhärente Absurdität der Oak-Street-Situation erkennt – inklusive Camarasaurus beim Liebesspiel, eines Theropoden, der die Freuden von Eiscreme entdeckt, und dem, was Dr. Ian Malcolm als „ein großer Haufen Scheiße“ bezeichnet hätte; und zugleich ein Actiontrip, der beim Horror nicht spart. Mitchell inszeniert einige gnadenlos effektive Todesmomente und viele Szenen, die garantiert den Atem stocken lassen – mehr wird hier nicht verraten.
Auch wenn das nach einem leicht widersprüchlichen Mix klingt, sorgt Mitchells Fokus auf seine Figuren dafür, dass all diese Elemente zusammenfinden und glaubwürdig wirken.
Trotz aller Stärken leistet sich der Film ein paar Schwächen.
Anne Hathaway trägt das Ganze mit Stärke und nachvollziehbarer Verletzlichkeit. Ewan McGregor hat weniger Glück: Seine Figur Greg muss sich durch holprige Dialoge kämpfen, und manches seiner Satzbetonung wirkt steif. Greg soll zwar bewusst der optimistische, etwas tölpelhafte Vater als Gegenstück zur pragmatischeren Mutter Denise sein, doch einige Teile seiner Darstellung zünden einfach nicht.
Und dann ist da das angeklebte Finale. Ohne etwas zu verraten: Das Drehbuch verliert am Ende etwas den Mut, wenn bestimmte Bequemlichkeiten der Handlung mit einem allzu abrupten Happy End weggewischt werden. Das passt zwar zur unverhohlen altmodischen Amblin-Abenteuerstimmung, aber die letzten fünf Minuten werden manchem Publikum sauer aufstoßen.
Die Fahrt ist während der Laufzeit so mitreißend, dass es kaum stört, wenn The End Of Oak Street einer letztlich vertrauten Vorlage folgt. Trotzdem verschenkt der Film im Finale eine Chance. Man wünscht sich, dass das geheimnisvolle Kugel-MacGuffin stärker als rätselhafte Bedrohung aufgebaut worden wäre oder dass der zugrunde liegende Twilight Zone-Charakter der Geschichte noch konsequenter betont worden wäre. Angesichts der Tatsache, dass J.J. Abrams als Hauptproduzent fungiert, hätte selbst ein kleiner Cloverfield-Schlenker nicht geschadet.
Dennoch: Wenn auf einen Fehltritt in letzter Minute erstklassige Unterhaltung vorausgeht, die heftige Spannung mit genügend herrlich überdrehtem Unsinn und echter Emotion verbindet, bleibt wenig Raum für Beschwerden. Und wer würde schon gegen einen weiteren Film aus dem Jahr 2026 argumentieren, in dem Anne Hathaway wieder einmal einen Raptor um ihren kleinen Finger wickelt – mit unverzichtbarer Hilfe von Starbuck? Dino-sicher nicht wir.
The End Of Oak Street startet am 14. August in den Kinos.