Kalabrien stellt sich gegen den US-Druck, Kubas Ärztemissionen zu beenden. Die Regionalregierung warnt, sie könne auf die Mediziner nicht verzichten.
Kalabrien im Süden Italiens ist eine der wenigen Regionen Europas, in die Kuba im Rahmen eines seit vielen Jahren laufenden Programms medizinisches Personal schickt. Die USA wollen dieses Programm beenden.
Kuba hat pro Kopf mehr Ärztinnen und Ärzte als fast jedes andere Land der Welt: Laut WHO-Daten kommen rund 9,5 Medizinerinnen und Mediziner auf 1.000 Einwohner, fast das Dreifache des OECD-Durchschnitts. Das gemeindenahe Präventionsmodell des Landes gilt weltweit als Studienobjekt für Gesundheitssysteme.
Seit Jahrzehnten entsendet Kuba seine Ärztinnen und Ärzte in Entwicklungsländer wie Gambia und Venezuela, vor allem wegen ihrer Erfahrung, mit knappen Ressourcen medizinische Versorgung zu leisten.
Mehr als 200 von ihnen arbeiten in abgelegenen Krankenhäusern in ganz Kalabrien, der ärmsten Region Italiens. Der Mangel an einheimischem Personal hatte dort bereits dazu geführt, dass einzelne Krankenhausabteilungen schließen mussten.
„Es war eine Katastrophe. Ich habe die Notaufnahme ganz allein offengehalten“, sagte der Chefarzt des Krankenhauses von Polistena, Francesco Moschella, der Nachrichtenagentur Associated Press und erinnerte sich an die Zeit, bevor die Kubanerinnen und Kubaner im Januar 2023 eintrafen.
Ihre Ankunft rief Vertreter der US-Regierung auf den Plan. Aus Washington kam Kritik: Dort gilt das Programm als Einnahmequelle für die sozialistische Regierung, die die Trump-Regierung politisch isoliert und mit Sanktionen belegt hat.
Kalabriens Regionalpräsident weigert sich jedoch, das Programm zu stoppen. Er sagt, die Region sei auf die Ärztinnen und Ärzte aus Kuba angewiesen, auch wenn der Sozialismus des Landes nicht zu seinen politischen Überzeugungen passt.
US-Druck auf andere Staaten
US-Außenminister Marco Rubio wirft den kubanischen Missionen eine „Form des Menschenhandels“ vor. Er spielt damit auf Berichte an, wonach die Regierung in Havanna den Großteil der Gehälter einbehält und teilweise angeblich auch Pässe beschlagnahmt.
Der US-Geschäftsträger in Kuba, Mike Hammer, reiste im Februar gemeinsam mit der amerikanischen Generalkonsulin in Neapel nach Kalabrien.
„Auch unter der Biden-Regierung stand ich unter Druck. Unter Trump nahm dieser Druck noch zu“, sagte Occhiuto. Er erklärte Hammer, seine Regionalregierung arbeite an Anreizen, um Ärztinnen und Ärzte aus Kalabrien zur Rückkehr zu bewegen.
„Gleichzeitig habe ich Botschafter Hammer klargemacht, dass ich die Krankenhäuser offenhalten muss und die kubanischen Ärztinnen und Ärzte, die derzeit in Italien arbeiten, in ihren Stellen behalten will“, so Occhiuto.
Italien steht mit dem US-Druck nicht allein. Im März beendete Jamaika ein 50-jähriges Abkommen zur medizinischen Zusammenarbeit mit Kuba, das fast 300 Beschäftigte im Gesundheitswesen betraf. Im selben Monat wies Honduras mehr als 150 kubanische Medizinkräfte aus.
Kalabriens überlastetes Gesundheitssystem
Trotz wachsender Touristenzahlen und einer starken Landwirtschaft liegen die Löhne in Kalabrien etwa 30 Prozent unter dem italienischen Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie im Rest des Landes.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums liegt die Region beim Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung italienweit auf dem letzten Platz.
In der COVID-19-Pandemie entsandte Kuba Ärztinnen und Ärzte in mehrere Regionen Italiens. Kalabrien beschäftigte sie auch nach dem Ende des Gesundheitsnotstands weiter.
„Für Europa, eine Region der sogenannten Ersten Welt, hatten wir uns das anders vorgestellt. Wir hätten nicht gedacht, dass der Ärztemangel so gravierend ist“, sagt Zoila Yakelin Arevalo Cruz, eine Notfallmedizinerin, die 2023 Kuba verließ.
Die Notaufnahme, in der sie in Polistena arbeitet, behandelt rund 30.000 Patientinnen und Patienten pro Jahr. Sechs kubanische Ärztinnen und Ärzte stellen dort die Hälfte des Personals.
„In diesem Krankenhaus gab es Warteschlangen, die acht oder zwölf Stunden dauerten. Jetzt untersucht dank unserer Arbeit innerhalb von weniger als einer Stunde eine Ärztin oder ein Arzt die Patientinnen und Patienten.“
Region zahlt kubanische Ärztinnen und Ärzte direkt
Kalabrien schloss mit den Medizinerinnen und Medizinern Einzelverträge ab und überweist ihre Gehälter direkt auf italienische Bankkonten. Die Region zahlt das Geld also nicht an die kubanische Regierungsagentur, die die internationalen Missionen organisiert.
Nach Angaben kubanischer Ärztinnen und Ärzte gegenüber AP schicken sie dennoch bis zur Hälfte ihrer Bezüge an die Regierung in Havanna zurück.
„Uns allen ist die wirtschaftliche Lage in Kuba bewusst. Es ist ein freiwilliger Beitrag, denn Kuba hat uns ausgebildet, erzogen und zu Ärztinnen und Ärzten gemacht“, sagt Arevalo Cruz.
Die kubanische Kardiologin Daisy Luperon Loforte sieht es genauso: „Wir betrachten uns keineswegs als moderne Sklaven, wie uns manche nennen. Wir lieben unser Land, wir leisten einen finanziellen Beitrag und wir tun das gern.“
Occhiuto bestätigte, dass sich kürzlich 63 kubanische Ärztinnen und Ärzte, einige von ihnen mit Erfahrung in früheren internationalen Einsätzen Kubas, für eine unabhängige Tätigkeit im regionalen Gesundheitssystem beworben haben.