Für Beschäftigte sind unberechenbare Arbeitszeiten mehr als lästig. Eine neue Studie zeigt: Starke Schwankungen schaden der Gesundheit – Frauen und Männer trifft das jedoch unterschiedlich.
Eine neue Studie gibt der Debatte über prekäre Beschäftigung eine weitere Dimension: Entscheidend für die Gesundheit ist nicht nur, wie viel Menschen arbeiten, sondern auch, wie unberechenbar sich ihre Arbeitszeiten ändern.
Die Studie (Quelle auf Englisch), die in SSM – Population Health erschienen ist, wertete verknüpfte Daten der US-weit laufenden Current Population Survey zu mehr als 61.000 Menschen im Erwerbsalter aus. Ergebnis: Stark schwankende Arbeitszeiten gehen bei Männern, die im Job bleiben, mit einem deutlich höheren Risiko für eine Verschlechterung der Gesundheit einher. Bei Frauen zeigt sich die Belastung eher dadurch, dass sie Stunden reduzieren, häufiger fehlen oder aus gesundheitlichen Gründen ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden.
„Die Qualität von Arbeit ist entscheidend und umfasst nicht nur Lohn, Sozialleistungen oder die Gesamtzahl der Stunden, sondern auch die Stabilität der Arbeitszeiten und deren Auswirkungen auf die Gesundheit – ein Aspekt, der bislang in der Forschung oft zu kurz kam“, sagte Studienautorin Sinyee Qianyi Lu.
In die Analyse flossen auch Daten von Beschäftigten ein, die ihre Arbeitszeit aus gesundheitlichen Gründen reduziert, ihre Erwerbstätigkeit unterbrochen oder ganz beendet hatten – eine Gruppe, die frühere Untersuchungen häufig außen vor ließen.
„Wenn wir die Betrachtung über die kontinuierlich erwerbstätigen ‚Überlebenden‘ hinaus ausweiten, rückt eine viel größere Gruppe in den Blick, die ebenfalls gefährdet ist“, so Lu.
Die Forschenden erfassten die Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands und die monatlichen Arbeitsstunden der Teilnehmenden. Beschäftigte mit stabilen Arbeitszeiten hatten relativ konstante Pläne, stark schwankende Stunden werteten die Forschenden als hohe Volatilität.
Ein Beispiel: Eine Person arbeitet in einem Monat 20 Stunden, im nächsten 60, bleibt einen weiteren Monat bei 60 und fällt dann wieder auf 20 Stunden zurück.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Bei Männern lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für eine Verschlechterung der Gesundheit bei 38 %, wenn ihre Arbeitszeit so stark schwankte. Bei Beschäftigten mit konstanten 40 Stunden pro Woche waren es 28 %.
Auch die Wahrscheinlichkeit, gesundheitlich stabil zu bleiben, nahm kontinuierlich ab – von rund 46 % auf 38 %. Die Chance auf eine Verbesserung der Gesundheit veränderte sich dagegen kaum.
„Es ist sehr deutlich, dass es nicht um die absolute Zahl der Arbeitsstunden geht“, sagte Liao. „Das Problem liegt eher in den relativen Veränderungen – eine Woche rauf, in der nächsten wieder runter.“
„Vielleicht können sich Menschen an eine bestimmte Gesamtbelastung gewöhnen, nicht aber an abrupte Ausschläge nach oben und unten. Das ist etwas anderes.“
Bei Frauen zeigte sich jedoch ein anderes Muster.
Unter den Frauen, die im Erwerbsleben blieben, fanden die Forschenden keinen statistisch eindeutigen Zusammenhang zwischen schwankenden Arbeitszeiten und einer schlechteren Selbsteinschätzung der Gesundheit. Als sie jedoch auch jene einbezogen, die wegen gesundheitlicher Probleme ihre Arbeitszeit reduziert, pausiert oder den Job aufgegeben hatten, ergab sich ein anderes Bild.
Die geschätzte Wahrscheinlichkeit für eine gesundheitlich bedingte Einschränkung der Erwerbstätigkeit stieg von rund zwei Komma fünf Prozent auf fast acht Prozent, wenn die Schwankungen der Arbeitszeit vom niedrigsten auf das höchste beobachtete Niveau zunahmen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn Studien, die nur Erwerbstätige berücksichtigen, übersehen leicht jene, deren Gesundheit sich so stark verschlechtert hat, dass sie ihre Arbeit nicht mehr wie zuvor ausüben können.
Die Forschung spricht hier vom „healthy worker survivor effect“. Wer zu krank wird, um weiterzuarbeiten, steigt oft aus dem Erwerbsleben aus. Zurück bleibt eine vergleichsweise gesunde Gruppe – dadurch erscheinen Risiken am Arbeitsplatz geringer, als sie tatsächlich sind.
„Die geschlechtsspezifische Modellierung in dieser Studie bestätigt deutliche Unterschiede in den gesundheitlichen Folgen für Männer und Frauen“, sagte Lu. „Bei Männern schlägt sich die Volatilität der Arbeitszeiten vor allem in einer Verschlechterung der Gesundheit im laufenden Job nieder – besonders bei hohen Wochenarbeitszeiten. Bei Frauen äußert sie sich eher in gesundheitlich bedingten Einschränkungen im Beruf oder im Rückzug aus der Erwerbstätigkeit.“
„Unstete Arbeitszeiten sind nicht nur eine lästige Frage der Dienstplangestaltung, sondern ein geschlechtsspezifisches Gesundheitsrisiko für ganze Bevölkerungsgruppen. Deshalb sollten wir sie ernst nehmen.“