Der französische Künstler JR verwandelt die berühmte Pariser Pont-Neuf-Brücke in eine begehbare Klang- und AR-Höhle – eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude.
Im Jahr 1607 wurde die Pont Neuf in Frankreich offiziell für die Öffentlichkeit geöffnet. Die hellgrauen Steine ihrer Bögen erzählen die Geschichte von Paris seit der Zeit Heinrichs III.
Nun soll die Brücke über die Seine in eine felsige, monumentale Illusion verwandelt werden. Dahinter steht der bekannte französische Street-Art-Künstler JR, der das Projekt als „möglicherweise größte immersive Installation, die es je gab“ beschreibt.
Das Projekt „Pont Neuf Cavern“ wird sich über 120 Meter erstrecken und mehr als 17 Meter hoch sein.
Die „Höhle“ erhält Surround-Sound und digitale Augmented Reality (AR). Sie soll Fußgängerinnen und Fußgänger begleiten, während sie durch die Struktur gehen.
Transformation als Hommage
Es ist nicht das erste Mal, dass die historische Brücke eine gewaltige Verwandlung erlebt. 1985 verhüllten die Künstler Christo und Jeanne-Claude die Pont Neuf und ihre Straßenlaternen mit einem zarten, seidig goldfarbenen Stoff.
Nach fast zehnjährigen Verhandlungen mit dem damaligen Bürgermeister von Paris, Jacques Chirac, prägte dieses Projekt das heutige Muster monumentaler Kunst im Zentrum großer Städte.
JR – ein Pseudonym, das von seinem Vornamen Jean-René stammt – versteht sein Projekt für 2026 als Hommage an das Künstlerpaar, das sich einst in Paris kennenlernte. Für ihn ist diese Verneigung zugleich ästhetisch und persönlich. Das erhöht den Druck, mit einem so ikonischen Wahrzeichen zu arbeiten.
„Ich hatte im Lauf der Jahre die Gelegenheit, Christo zu treffen“, sagte er. „Wir hatten großen Respekt vor der Arbeit des anderen. Es ist ziemlich schwierig, nach ihnen zu kommen, aber ich mache es in einem ganz anderen Stil, auf meine Weise“, so JR.
Laut Artnet stimmten die Pariser Behörden dieses Mal schnell zu. Bürgermeisterin Anne Hidalgo nannte das Projekt ein „Geschenk für Paris“. Ihre Unterstützung verknüpft sie auch mit ihrer eigenen Erinnerung an das Jahr 1985.
„Ich beobachtete dieses beeindruckende Kunstwerk zunächst aus der Ferne, ging dann näher heran und lief schließlich durch dieses verwandelte Monument“, erklärte sie in einer Stellungnahme. „Es war ein unvergesslicher Moment voller Poesie und Schönheit.“
Ein gewagtes Brückenprojekt
Die Idee für die Höhle kam von der Christo and Jeanne-Claude Foundation, die von ihrem Neffen Vladimir Yavachev geleitet wird. Er wandte sich an JR, weil er zum vierzigsten Jahrestag der Verhüllung von 1985 eine neue Interpretation suchte.
Ursprünglich sollte das Pont-Neuf-Projekt 2025 eröffnen. Wegen technischer und logistischer Probleme wurde es jedoch auf 2026 verschoben.
Die gewaltige Dimension des Projekts schreckt den renommierten Künstler nicht. Er begann als jugendlicher Graffiti-Sprayer in Paris und entwickelte daraus fotografische Interventionen auf Gebäuden, Brücken und Dächern.
Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen ein zwanzig Meter großes Cut-out eines Säuglings an der Grenze zwischen den USA und Mexiko sowie das Projekt „Inside Out“, eine weltweite Mitmachkampagne mit mehr als 600 000 Beteiligten.
Die Menschlichkeit steht in JRs Werken immer im Mittelpunkt, häufig in Form von Gesichtern. Auch wenn dieses neue Projekt ohne seine üblichen Markenzeichen auskommt, setzt er darauf, die Gefühle der Menschen zu berühren – indem er verändert, wie sie mit einem der bekanntesten Wahrzeichen der französischen Hauptstadt umgehen.
Aus der Ferne soll die Brücke aussehen, „als sei sie von einem prähistorischen Felsvorsprung überwuchert“, einem massiven Felsblock mitten in der vertrauten Skyline. Aus der Nähe sollen die Menschen die Brücke als Objekt mit Struktur und Alter wahrnehmen.
In einem Interview mit der Stadt Paris sagte er, das Trompe-l’œil (optische Täuschung) solle Besucherinnen und Besucher „so nah wie möglich an die Risse der Brücke“ heranführen und zeigen, was „unter der Oberfläche“ eines Monuments liegt, das die meisten nur als Hintergrund betrachten.
Im Inneren plant JR einen kontrollierten Wechsel der Atmosphäre. Der Tunnel werde das Tageslicht so vollständig ausblenden, dass Besucherinnen und Besucher „das Zeitgefühl verlieren“, sagt er.
Zwei wichtige Mitstreiter kümmern sich um jene Elemente, die das Publikum spürt, aber nicht sieht, wenn es die Installation betritt. „Man wird es nur von innen hören“, sagt Thomas Bangalter, das frühere Daft-Punk-Mitglied, der den Sound gestaltet.
Snapchats AR Studio Paris entwickelt die Ebene der Augmented Reality, auf die Besucherinnen und Besucher über ihre Telefone zugreifen können.
JR versteht die Installation als Möglichkeit, über Wahrnehmung nachzudenken: darüber, was wir als Wirklichkeit akzeptieren und was uns entgeht, wenn wir die Stadt nur durch einen Bildschirm sehen.
Auch wenn das Publikum eingeladen ist, das Smartphone für die Interaktion zu nutzen, zählt für JR zu den ungewöhnlichsten Aspekten des Projekts die Aufforderung, für einen Moment stehen zu bleiben.
„Unsere Höhlen heute [sind] unsere Telefone“, sagt JR, „weil wir glauben, dass unser Algorithmus in den sozialen Medien ... die Realität ist.“
„Pont Neuf Cavern“ ist in Paris vom sechsten bis zum achtundzwanzigsten Juni 2026 zu sehen.