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Angine de Poitrine: Wer ist das virale Math-Rock-Duo – und ist der Hype gerechtfertigt?

Viral-Math-Rock-Duo Angine de Poitrine: Wer steckt dahinter, und ist der Hype gerechtfertigt?
Viral Math-Rock-Duo Angine de Poitrine: Wer steckt dahinter – und ist der Hype berechtigt? Copyright  Constantin Monfilliette
Copyright Constantin Monfilliette
Von David Mouriquand
Zuerst veröffentlicht am
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Angine de Poitrine erobern in wenigen Wochen das Netz mit ihrem gepunkteten Alien-Look und Math-Rock. Ihr neues YouTube-Video macht sie zum Hype – bleiben sie oder verglühen sie?

An Angine de Poitrine kommt man derzeit nicht vorbei.

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Das kanadische Duo ist nach einer KEXP-Session beim achtundvierzigsten Festival Trans Musicales im französischen Rennes zum viralen Hit geworden.

Publikum und Netz waren gleichermaßen fasziniert: von der starken Bildsprache und dem Klangkarneval auf der Bühne. Zwei hörbar versierte Musiker, mit übergroßen Pappmaché-Masken und gepunkteten Kostümen, die sich in dissonanten Rock hineinsteigern.

Eine Figur hat lange, nudelartige Haare, eine Pinocchio-Nase, spielt eine Doppelhals-Gitarre und wirkt, als hätte sie eine umgedrehte weiße Pyramide von oben getroffen. Die andere sieht aus wie das uneheliche Kind eines Dalmatiners und des Schwarzen Ritters aus Monty Python and the Holy Grail.

Ihr Auftritt im Februar ging durch die Decke, Millionen sahen das Video auf YouTube. Das Angine-Phänomen schwappte über Kontinente, die geplanten UK- und EU-Tourdaten im Herbst waren im Handumdrehen ausverkauft.

Mit dem plötzlichen Erfolg kamen Spekulationen. Die Band selbst lässt kaum etwas durchblicken.

Sicher ist nur: Angine de Poitrine kommen aus Québec und gründeten sich 2019 ursprünglich als Witz. Sie verwenden die Pseudonyme Klek de Poitrine (der Ritter am Schlagzeug) und Khn de Poitrine (das Gitarren- und Bass-Wunder). Ihr erstes Album „Vol. I“ erschien 2024, das in Eigenregie veröffentlichte „Vol. II“ kam Anfang April heraus. Sie bezeichnen sich als „Raum-Zeit-Reisende“, die ein „Mantra-Rock-, dadaistisches, pythagoreisch-kubistisches Orchester“ bilden.

Das ist nun wirklich eine Nische.

Übrigens bedeutet „Angine de Poitrine“ wörtlich „Brustangina“. Wer tatsächlich starke Schmerzen in der Brust verspürt, weil das Herz zu wenig durchblutet wird, sollte das sehr ernst nehmen: ausruhen und ärztliche Hilfe holen. In der Regel verschreibt die Ärztin oder der Arzt Nitroglyzerin gegen die Symptome.

Nicht behaupten, wir hätten nicht gewarnt.

Angine de Poitrine
Angine de Poitrine KEXP YouTube screenshot

Es wäre leicht, bei diesen beiden genervt die Augen zu verdrehen und sie als kurzlebigen Hype abzutun, als goût du jour, der nur von schrägen Gimmicks lebt. Zumal sie sich mit Dreieckszeichen verständigen und ihre Songtitel so seltsam sind wie ihre Kostüme.

Zum Beispiel: „Mata Zyklek“, „Sarniezz“ und „Utzp“ finden sich alle auf ihrem zweiten Album.

Was das heißen soll, wissen sie wohl nur selbst.

Angine de Poitrine sind auch nicht die erste Band, die bewusst auf Theatralik und eigene Mythen setzt, um Geheimnisse zu schaffen. Von Kiss über Daft Punk bis Slipknot: Masken und Schminke sind kein neues Konzept.

Aber die Musik lässt sich nicht wegwischen.

Ihre Stücke sind überwiegend instrumentale Kompositionen, eine Art Math-Rock mit übereinandergeschichteten Loops, ungewöhnlichen Taktarten, funkigen Grooves, Nahost-Anklängen und genug Schwung, um Fans von King Gizzard & The Lizard Wizard wie aufgescheuchte Erdmännchen hochschrecken zu lassen.

Vor allem aber macht das Ganze einfach Spaß.

Wer noch den Segen eines Rock-Gottes brauchte, bekam ihn von Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl. Er erlag dem schiefen Charme von Angine de Poitrine und nannte sie „völlig verrückt“.

Im Podcast Logan Sounds Off (Quelle auf Englisch) geriet Grohl regelrecht ins Schwärmen und zückte zwischendurch sein Smartphone, um ein Video des Duos zu zeigen.

„Ein Freund hat mir das gestern geschickt, und es hat mich komplett umgehauen.“

Ein Ritterschlag.

Cover für das zweite Album von Angine de Poitrine „Vol. II“
Cover für das zweite Album von Angine de Poitrine „Vol. II“ Bandcamp

Bleibt die Frage: Ist der Hype gerechtfertigt?

Ja, bis zu einem gewissen Punkt. Das aktuelle Album „Vol. II“ besteht aus sechs Tracks und erfindet die mikrotonale Musik nicht neu. Die Band hängt ihre Genre-Nachbarn auch nicht mühelos ab. Trotzdem ist die Platte ein delirisch unterhaltsamer Trip, und man darf nicht vergessen: Es ist erst Album Nummer zwei. Zeit haben sie noch.

Spannend am viralen Phänomen Angine de Poitrine ist der Kontext.

Der Dadaismus, auf den sich die Band offen bezieht, entstand als Antwort auf Krieg und den erdrückenden Druck der Moderne. Die aktualisierte Spielart von Angine de Poitrine kann man als Kommentar auf unsere Gegenwart hören und sehen. Es wäre etwas kühn zu behaupten, sie seien das Gegenmittel zu unseren strapazierten Zeiten oder das Heilmittel gegen den Boom an unerträglich schlechter KI-Musik. Doch es tröstet, wie populär sie bei jungen Hörerinnen und Hörern sind, die offenbar die glattgebügelten Alternativen links liegen lassen.

Gemeint sind aktuelle Chart-Stars wie Ella Langley, BTS, Alex Warren, Luke Combs...

(Olivia Dean, falls du das liest: Mach weiter so. Uns gefällt sehr, was 2026 bislang mit dir und deinen Chartpositionen anstellt.)

Bleiben Angine de Poitrine auf Kurs und behalten ihre Dominanz, ist das ein Grund zur Freude. Je schräger, desto besser. Und wenn sie ihr Publikum ganz nebenbei dafür sensibilisieren, wie wertvoll menschliche Kreativität im Vergleich zu allgegenwärtigem KI-Einheitsbrei ist, umso mehr.

Eine YouTube-Nutzerin brachte es in den Kommentaren zur KEXP-Performance auf den Punkt: „KI: Die Menschen sind mit Musik durch - Angine de Poitrine: Halt mal kurz mein dreieckiges Mars-Bier.“

Und wenn Angine de Poitrine für einige zur Einstiegdroge in experimentellere Richtungen und Künstlerinnen und Künstler wird - man denke etwa an Captain Beefheart oder King Crimson - bleibt nur zu sagen: Werdet ruhig seltsam. Vive l’Angine!

„Vol. II“ von Angine de Poitrine ist ab sofort erhältlich.

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