Kühles Bier in 155 Metern Höhe. Der geplante Bau zweier Hochhäuser im Münchner Westen könnte nicht nur die Skyline der Stadt nachhaltig verändern, sondern auch für einen neuen Rekord in der Biergartenwelt sorgen. Denn auf einem der Türme ist ein öffentlich zugänglicher Biergarten vorgesehen.
Deutschland gilt als Bierland schlechthin. Insgesamt gibt es in Deutschland laut Deutschem Brauer-Bund e.V. etwa 50 verschiedene Sorten und mehr als 7.500 einzelne Biermarken. Das Oktoberfest zieht jedes Jahr Millionen Besucher an, und im vergangenen Jahr sollen rund 6,5 Millionen Maß (Maßkrug mit einem Liter Bier) ausgeschenkt worden sein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Flüssigbrot auch bei der Stadtplanung in Bayerns Hauptstadt München eine wichtige Rolle spielt.
Rund zwei Kilometer westlich des Münchner Hauptbahnhofs soll bis 2033 das sogenannte Paketpost-Quartier entstehen. Geplant sind zwei Hochhäuser mit jeweils 155 Metern Höhe. Damit würden sie deutlich über die bislang prägende Silhouette der Stadt hinausragen, die stark von vergleichsweise niedriger Bebauung und historischen Bauwerken geprägt ist. Zu den zentralen Akteuren des Projekts gehört das renommierte Architekturbüro Herzog & de Meuron, das unter anderem bereits das Fußballstadion Allianz Arena in München, die Tate Modern in London und die Elbphilharmonie in Hamburg entworfen hat.
Auf einem der beiden Türme soll nach den aktuellen Plänen ein öffentlich zugänglicher Biergarten entstehen. Sollte das Vorhaben so umgesetzt werden, wäre dort wohl der höchstgelegene Biergarten auf einem Gebäude weltweit zu finden. Der Gedanke passt zu einem Projekt, das ohnehin auf Sichtbarkeit angelegt ist: Nicht nur die Höhe der Türme, sondern auch die Nutzung des Areals soll neue Akzente im Münchner Westen setzen.
Hochhäuser mit Biergarten: Gericht gibt grünes Licht
Die Planung für das Paketpost-Quartier existiert bereits seit 2018, und die Umsetzung wurde in der Stadt mehrfach diskutiert. Kritiker hatten Bedenken geäußert, etwa zur Höhe der Gebäude, zur Beeinträchtigung des Umfelds oder zur Frage, ob genug bezahlbarer Wohnraum entstehen würde.
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat die Klage gegen das Paketpost-Areal jedoch im Januar 2026 abgewiesen. Damit ist das Baurecht für das Quartier in Neuhausen-Nymphenburg bestätigt, wie die für das Projekt verantwortliche Büschl-Unternehmensgruppe mitteilt. Das Unternehmen spricht von einem Projekt, mit dem rund 1.200 Wohnungen und etwa 3.000 Arbeitsplätze entstehen sollen.
Zur Planung gehört auch ein städtebauliches Konzept, das Beiratsvorsitzender Ralf Büschl von der Büschl-Gruppe im Handelsblatt als eine 15-Minuten-Stadt beschreibt. Laut Medienbericht sollen zentrale Alltagswege dort möglichst zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden können - vorgesehen sind unter anderem 4.000 Fahrradstellplätze. Neben den Hochhäusern sind außerdem ein 65 Meter hoher Wohnturm in Holz-Hybrid-Bauweise sowie mehrere weitere Gebäude für Wohnen und Arbeiten geplant. Auch die Öffnung der denkmalgeschützten Paketposthalle für die Öffentlichkeit spielt in dem Konzept eine wichtige Rolle, wie aus Berichten rund um das Projekt hervorgeht.
Eine Maß auf 2.962 Metern
Klassische Biergärten sind in der Regel ebenerdig, oft unter Kastanienbäumen, mit direktem Bezug zu Wirtshaus, Park oder Stadtteil. Ein Biergarten auf einem Hochhaus würde dieses vertraute Format in die Vertikale übertragen und den Ausblick selbst zum Teil des Erlebnisses machen.
Ganz neu wäre ein Ausschank unter freiem Himmel in luftiger Höhe allerdings nicht. Deutschlands höchstgelegene Freiluftgastronomie liegt bereits heute auf der Zugspitze. Die Zeitschrift GEO beschreibt ihn als den höchsten Biergarten Deutschlands auf 2.962 Metern Höhe. Dort treffen Besucher auf Holztische, Gipfelatmosphäre und den Blick über die Alpen.
Der Unterschied liegt vor allem im Charakter. Der Zugspitz-Biergarten ist ein alpiner Ausflugsort, der stark vom Bergtourismus geprägt ist. Der Münchner Biergarten wäre dagegen Teil eines urbanen Architekturprojekts.
Münchens große Biergärten
München ist beim Thema Biergärten ohnehin schon gut aufgestellt. Der Königliche Hirschgarten in Nymphenburg gilt als größter traditioneller Biergarten Deutschlands. Auf seiner Fläche finden rund 8.000 Gäste Platz, und die Anlage gehört seit Jahrhunderten zu den bekanntesten Biergärten der Stadt.
Konkurrenz kommt aus Franken. Der Forchheimer Kellerwald wird von mehreren Portalen als einer der größten Biergärten der Welt beschrieben. Die Stadt Forchheim spricht von 23 Bierkellern auf rund 20.000 Quadratmetern und nennt den Kellerwald einen Ort, der zu den größten Biergärten der Welt zählt.
Gerade beim Kellerwald zeigt sich aber, dass solche Titel immer auch eine Frage der Definition sind. Es handelt sich nicht um einen einzigen zusammenhängenden Biergarten, sondern um mehrere nebeneinanderliegende Betriebe. Während des Annafests kann dort allerdings eine enorme Zahl an Menschen gleichzeitig Platz finden, weshalb der Ort in der Größenordnung tatsächlich herausragt.
Gastronomietradition trifft auf Skyline
Nicht nur Größe und Höhe machen Biergärten in Deutschland interessant. Auch Beliebtheit und Geschichte spielen eine Rolle. Laut einer Falstaff-Auswertung wurde das Stadtwaldhaus in Krefeld zum beliebtesten Biergarten Deutschlands gewählt. Ausschlaggebend war dabei offenbar nicht Größe, sondern vor allem die Lage und die Atmosphäre im Grünen.
Als einer der ältesten Biergärten gilt außerdem die Schloßschänke in Pirna, deren Ursprung bis ins Jahr 1678 zurückreichen soll. Damit wird deutlich, dass Biergärten in Deutschland nicht nur bayerische Publikumsorte sind, sondern Teil einer längeren, regional vielfältigen Gastronomietradition.
Ob der geplante Ausschank unter freiem Himmel auf einem der Türme tatsächlich in dieser Form kommt, hängt weiter von der Umsetzung des Gesamtprojekts ab. Das Baurecht ist bestätigt, doch das Vorhaben bleibt politisch und städtebaulich umstritten. Sicher ist schon jetzt nur eines: München hätte mit dem Paketpost-Quartier nicht nur zwei neue Hochhäuser, sondern möglicherweise auch einen ganz neuen Biergarten-Superlativ.