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Mit 'Confessions II' zurück in die Danceteria: das Urteil von Euronews Culture

Madonna bei einem Überraschungsauftritt am Times Square in New York, fünfter Juni 2026
Madonna bei ihrem Überraschungsauftritt am Times Square in New York, 5. Juni 2026 Copyright  Alex Antonioni
Copyright Alex Antonioni
Von Mikhail Calvez
Zuerst veröffentlicht am
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Madonna veröffentlicht ihr mit Spannung erwartetes Album „Confessions II“, den spirituellen Nachfolger zu „Confessions on a Dance Floor“ von 2005. Fan Mikhail Calvez hört genau hin und prüft, ob der Dancefloor im Jahr 2026 noch lebt.

Nach einer Reihe kommerzieller und kritischer Flops hat Madonna endlich ihr lang erwartetes Album „Confessions II“ veröffentlicht – eine Fortsetzung des erfolgreichen „Confessions on a Dance Floor“ aus dem Jahr 2005.

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Vor allem ihre schwulen Fans haben sich seit Langem ein neues Dance-Album der Queen of Pop gewünscht – jetzt ist es da. Weltweit standen Menschen Schlange, um die Platte zu ergattern und sie als Erste zu hören; viele überschlugen sich am Veröffentlichungstag mit Lob.

Einer der Orte mit einer besonderen Madonna-Aktion war Lyon in Frankreich. Zur Release-Party versammelten sich die Fans gegen halb elf Uhr abends vor einem Plattenladen; verkauft wurde erst ab Mitternacht.

„Ich wohne in einer kleinen Stadt in der Nähe von Lyon und bin mit dem Auto hergefahren, nur um die CD und die Schallplatte zu kaufen. Ich lege sie an, sobald ich wieder im Wagen sitze“, sagte ein besonders erwartungsfroher Besucher.

„Mein Mann schläft schon, aber ich werde das Album heute Nacht zu Hause mit Kopfhörern hören. Es sind zehn Jahre vergangen!“, ergänzte ein weiterer begeisterter Fan.

Eine Erklärung für die riesige Vorfreude auf dieses Release liefert die Marketingstrategie, die Madonnas Team für „Confessions II“ gefahren hat. Die Popikone hat das Publikum sehr lange angeteasert, die Kampagne für das Album ist schlicht hervorragend.

Vom Start der ersten Single „I Feel So Free“ über einen Kurzauftritt bei Sabrina Carpenters Coachella-Show bis hin zu einer groß angelegten Kooperation mit der Dating-App Grindr für Schwule – die viele Nutzer ziemlich nervig fanden – und einem prominent besetzten NSFW-Film mit Songs aus dem Album: Madonnas Marketingteam arbeitet offensichtlich am Limit.

Confessions II – Der Film

Nun stellt sich die entscheidende Frage: Hat Madonna ein wirklich überzeugendes Nachfolgewerk abgeliefert?

Die visuelle Identität des Albums ist beeindruckend: knallige Farben, ausgeklügelte Posen von Madonna und zugleich eine gewisse Schlichtheit. Die Marke „Confessions II“ stammt von derselben Agentur, Special Offer, Inc., die schon Charli XCXs „brat“ zum Erfolg gemacht hat.

Den Auftakt macht die mantraartige Single „I Feel So Free“. Madonna verkündet darin, sie wolle „eine neue Persona erschaffen“ und „eine andere Identität“ schaffen – ein gewagter Satz von einer der wichtigsten Sängerinnen der Popgeschichte. Der House-Track führt das zentrale Thema des gesamten Albums ein: die Tanzfläche. Musikalisch erinnert er mit dem ständig wiederholten Titel stark an Donna Summers „I Feel Love“. Madonna verleiht dem Stück jedoch eine eigene Note mit verletzlichen Vocals und viel Stöhnen. Ziemlich sexy.

Der zweite Track „Good For The Soul“ schließt nahtlos an. Schon „Confessions on a Dance Floor“ sollte einst wie eine durchgehende Party klingen, was damals nur bedingt gelang. Im Jahr 2025 brachte Madonna das Album erneut heraus und kam ihrer ursprünglichen Vision näher. Auf „Confessions II“ wirken die Übergänge jedoch noch stimmiger und aufregender.Die Vocals sind zwar stark bearbeitet, passen aber sehr gut zum Elektropop-Sound des Songs. Die Streicher – besonders im Finale – sind das i-Tüpfelchen und halten das Stück elegant zusammen.

„One Step Away“ beginnt mit einem weiteren Statement Madonnas. Sie meint, „die Leute halten Dance-Musik für oberflächlich“ und viele „liegen damit völlig falsch“. Der Song mischt klassische Instrumente wie Klavier und Streicher mit einem Elektrobeat. Die Stimme klingt natürlich und klar. Damit zeigt sie den Kritikerinnen und Kritikern: Madonna kann mit 67 Jahren noch immer singen. Der Beat bleibt allerdings sehr gleichförmig und entwickelt sich kaum weiter. Für DJs ist der Track trotzdem ein Geschenk.

Schon wieder führt ein perfekter Übergang zu „Bring Your Love“, einem Feature mit Pop-Prinzessin Sabrina Carpenter. Die zweite Single hatte Premiere beim diesjährigen Coachella-Festival in Carpenters Set. Auffällig ist, wie sehr sich der Sound seit der ersten Veröffentlichung verändert hat – und das tut dem Stück hörbar gut. „Bring Your Love“ folgt der klassischen Popformel und setzt sich sofort im Kopf fest. Sabrina und Madonna haben „etwas zu besprechen“ – aber worum geht es?

Madonna & Sabrina Carpenter – Bring Your Love

Die Antwort lautet Danceteria – jener legendäre Club, in dem Madonna früher feiern ging und in dem zum ersten Mal ihr Demotape lief. In diesem Track zeigt sie, dass sie auch rappen kann, und erzählt, was dort damals passierte. Sie erwähnt zahlreiche Namen, ähnlich wie in „Vogue“, nur dass es diesmal vor allem um Hollywoodstars geht. Der Song setzt etwas abrupt ein, doch das ist schnell vergessen, sobald der Groove einsetzt. Spannend ist auch der Beatwechsel gegen Ende, der wie ein Remix der ersten Songhälfte wirkt. Ein perfekter Partytrack.

„Read My Lips“ holt den kolumbianischen Sänger Feid ins Boot. Der Track hat einen beschwingten Drive, kommt mit mehr akustischen Instrumenten und typischen Klängen traditioneller Latin-Musik. Es wirkt, als hätte Madonna eigentlich Bad Bunny gewollt, der aber keine Zeit hatte. Feid singt auf Spanisch, Madonna auf Englisch – am Schluss fordert sie uns auf, „den Mund zu halten“.

„Everything“ beginnt intim und akustisch, mit Streichern und einer Solostimme, die nur leicht bearbeitet ist. Dann kippt die Stimmung. Plötzlich dominieren Electro- und Techno-Beats mit geloopten Vocals. Man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass dieser Track in vielen Techno-Clubs laufen wird. Will Madonna über die klassische Disco-Tanzfläche hinausgehen? Falls ja, ist sie auf einem guten Weg. Am Ende kehrt der Song zu den klassischen Instrumenten zurück und rundet die Geschichte stimmig ab.

Die dritte Single folgt. „Love Sensation“ klingt sehr ähnlich wie „Bring Your Love“, besonders im Refrain. Wer beide Stücke direkt nacheinander abspielt, könnte sie für ein und denselben Song halten. Der Track macht Spaß und atmet mehr Disco-Vibes, bleibt aber ohne echte Überraschung. Die Zeile „there's nothing that we cannot do“ nutzt sich schnell ab.

„Love Without Words“ ist ein weiterer House-Track, der das Publikum wortwörtlich auf die Tanzfläche einlädt. Madonna bittet die Hörer nahezu anflehend, in den Club zu kommen. Der Popsong wirkt ziemlich experimentell, mit zerschnittenen Vocals und einem Beatwechsel.

Mit futuristischen Synths treibt „Bizzare“, ein Feature mit Martin Garrix, die Geschichte weiter. Der Song klingt angenehm, folgt aber erneut einer sehr formelhaften Popstruktur, die ihn auf Dauer etwas blass wirken lässt. Garrix liefert trotzdem ab – sein typischer Sound ist deutlich zu erkennen.

Madonna bei ihrem Überraschungskonzert am Times Square in New York
Madonna bei ihrem Überraschungskonzert am Times Square in New York BFA

Tanzfläche, Tanzfläche, Tanzfläche ... Madonnas Leitthema steht unübersehbar im Mittelpunkt. An diesem Punkt des Albums wünschen sich viele wohl einen Themenwechsel. Doch „School“ macht damit nicht Schluss. Der experimentelle Track arbeitet mit verzerrten Elektrosounds, sehr repetitiven Lyrics und stellenweise überraschend maskulin wirkenden Vocals. Nett zum Tanzen, aber kaum hängenbleibend.

Mit „Fragile“ durchbricht Madonna endlich das Muster. Der Song beginnt mit einem weiteren Monolog, diesmal über Lebensphilosophie. Klanglich erinnert er stark an die alte Madonna, an die Ära von „Ray of Light“ und „Erotica“. Das Tempo ist deutlich niedriger, man sieht ihn kaum in einem Club. Langjährige Hardcore-Fans werden ihn dennoch lieben.

Von „Je suis désolée“ bis „Je n'étais pas perdue; J'étais juste cassée; Ils ont essayé de me faire tomber; Je m'en fous“: Madonna macht auf ihrem Französisch-Abenteuer hörbare Fortschritte und bekommt dabei Unterstützung von Stromae im Song „My Sins Are My Savior“. Wer darauf hofft, dass der belgische Künstler singt, wird enttäuscht – er spricht nur. Der Track klingt stark nach den 90ern und lädt dazu ein, sich langsam, vorsichtig und elegant zu bewegen. Dazu kommt eine spannende Sample-Auswahl; es wirkt, als hätte Madonna ihren Song „Erotica“ als Vorlage genutzt, um genau diese Atmosphäre einzufangen.

„Betrayal“ knüpft direkt an diese Stimmung an. Der Track setzt auf viele klassische Instrumente und wirkt sehr persönlich, oft emotional. Gemeinsam mit „The Test“, einem Duett mit Madonnas Tochter Lola Leon, zählt er zu den Songs, in denen die Sängerin ihr Privatleben auslotet. Die Texte strahlen Wärme aus, die Energie ebenfalls, und Lolas Stimme hat einen eigenen Charakter. Trotzdem bleibt die Frage, ob diese letzten Stücke wirklich nötig sind. Sie passen kaum zu der sonst dominierenden, treibenden Tanzmusik des Albums.

Der Schlusstrack „L.E.S. Girl“ beendet dieses Dance-Inferno mit schönen, kaum bearbeiteten Solo-Vocals und einem fein gewobenen Instrumental. Madonna fühlt sich „stimmlich nackt“ und lässt durchscheinen, wer sie jenseits von Attitüde, Ruhm, Kleidung und Make-up wirklich ist – und das spürt man als Hörer.

Albumcover von Madonnas „Confessions II“
Albumcover von Madonnas „Confessions II“ Rafael Pavarotti

Madonna fordert uns auf, aus unseren Schneckenhäusern zu kommen, auszugehen, Freiheit zu spüren und anders zu sein – Dinge, die viele Menschen ihrer Ansicht nach verlernt haben.

In dieser Phase ihrer Karriere zitiert sie konsequent ihr eigenes Werk – sei es „Confessions II – The Film“ oder das Album „Erotica“ von 1992. Es war eine kluge Entscheidung, den legendären Pop-Produzenten Stuart Price erneut an Bord zu holen. Gemeinsam haben sie starke Arbeit abgeliefert. Das Album lässt uns in der Zeit zurückreisen, um diese Madonna wiederzuentdecken, und gleichzeitig nach vorn schauen.

„Confessions II“ ist sicher kein Meisterwerk, wirkt aber wie ein Befreiungsschlag – für Madonna ebenso wie für ihr Publikum. Das Album ist nicht durchgängig rund und klingt stellenweise repetitiv, doch vieles spricht dafür, dass es ihr bestes Werk seit „Rebel Heart“ aus dem Jahr 2015 ist. Mit dieser Veröffentlichung widerlegt Madonna Charli XCXs Behauptung, die Tanzfläche sei tot. Wir haben noch immer eine Dancefloor-Ikone – und wir hören ihr gern zu.

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