Es stimmt, dass das Vereinigte Königreich fast 10 Jahre nach dem Brexit-Referendum engere Beziehungen zur EU anstrebt, aber bestimmte Behauptungen über die Art und Weise, wie sie sich neu ausrichten wollen, sind falsch.
In den sozialen Medien verbreiten sich falsche Behauptungen, der Europäische Rat habe in Brüssel ein britisches Büro für strategische Ausrichtung eingerichtet, um Großbritannien wieder in die EU zu bringen.
In einem Beitrag heißt es, das Büro sei im "Hauptgebäude der EU" eingerichtet worden und man gehe davon aus, dass der Brexit bald vorbei sei. In einem anderen Post heißt es, dies zeige, die EU wolle "gnädig" weitermachen, und fordere die Briten auf, die Gelegenheit nicht zu verpassen.
Zum Leidwesen vieler ist dies jedoch nicht der Fall.
Ein Sprecher des Europäischen Rates sprach von einer "typischen Fehlinformation", da ein solches Büro nicht eingerichtet worden sei.
Auch die Arbeitsgruppe "Vereinigtes Königreich", die für die Verwaltung der Beziehungen zum Großbritannien nach dem Brexit zuständig ist, bezeichnete die Behauptungen als unzutreffend.
Es stimmt jedoch, dass das Vereinigte Königreich versucht, seine Beziehungen zur EU zu vertiefen, fast 10 Jahre nach dem Referendum, das schließlich zum Austritt des Landes aus der EU führte. Die aufeinanderfolgenden konservativen Regierungen hatten danach noch mehr Distanz geschaffen.
Was sagt Keir Starmer?
Das Faktencheck-Team von Euronews, The Cube, wandte sich auch an die britische Vertretung bei der EU, die auf eine Rede von Premierminister Keir Starmer vom 1. April 2026 verwies, in der er den Wunsch seiner Regierung nach einer Annäherung an die EU darlegte.
"Es wird immer deutlicher, dass unser langfristiges nationales Interesse eine engere Partnerschaft mit unseren Verbündeten in Europa und mit der Europäischen Union erfordert, da die Welt weiterhin so unbeständig ist", sagte der britische Premierminister, während er die Reaktion seines Landes auf den Krieg in Iran erläuterte.
"Wir haben an dieser Front Fortschritte in den Bereichen Landwirtschaft, Strom, Emissionen, Handel und mehr gemacht. Aber wie die Kanzlerin [Rachel Reeves] zu Recht betont hat, hat der Brexit unserer Wirtschaft großen Schaden zugefügt, und die Möglichkeiten, unsere Sicherheit zu stärken und die Lebenshaltungskosten zu senken, sind einfach zu groß, um sie zu ignorieren."
"Deshalb werden wir in den kommenden Wochen einen neuen Gipfel mit unseren EU-Partnern ankündigen", so Starmer weiter. "Und ich kann Ihnen versichern, dass das Vereinigte Königreich auf diesem Gipfel nicht nur die auf dem letztjährigen Gipfel eingegangenen Verpflichtungen ratifizieren wird. Wir wollen ehrgeiziger sein: engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, engere Sicherheitszusammenarbeit, eine Partnerschaft, die unsere gemeinsamen Werte, unsere gemeinsamen Interessen und unsere gemeinsame Zukunft anerkennt."
Die jüngste Analyse der britischen Finanzaufsichtsbehörde - Office for Budget Responsibility (OBR) - stellt fest, dass die langfristigen Auswirkungen des Brexit die britische Wirtschaft nach wie vor erheblich belasten. Sie schätzt, dass der Brexit das potenzielle BIP des Vereinigten Königreichs langfristig (bis Anfang der 2030er Jahre) um 4 % verringern wird, verglichen mit dem Wert, der erreicht worden wäre, wenn London bei Brüssel geblieben wäre.
Die 4 % sind in erster Linie auf einen Produktivitätsrückgang zurückzuführen, da Handelsbarrieren den Wettbewerb einschränken und das Vereinigte Königreich daran hindern, sich auf seine effizientesten Branchen zu spezialisieren, so das OBR.
Andere Zahlen der britischen Denkfabrik Centre for European Reform beziffern den wirtschaftlichen Verlust durch den Brexit auf rund 130 Milliarden Pfund (149 Milliarden Euro), und die US-Forschungsorganisation National Bureau of Economic Research geht davon aus, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU das BIP bis 2025 um 6 bis 8 % gegenüber 2016 verringert.
Wie hat sich Großbritannien bisher an Brüssel angenähert?
Die Labour-Regierung, die 2024 an die Macht kam, hat versprochen, die Beziehungen des Vereinigten Königreichs zu Europa "neu zu gestalten", und sie hat bereits einige konkrete Schritte unternommen, um dies zu erreichen, einschließlich der Zustimmung, dem Austauschprogramm Erasmus+ wieder beizutreten.
Beide Seiten haben außerdem eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft ins Leben gerufen und arbeiten unter anderem an Vereinbarungen über gesundheitspolizeiliche und pflanzenschutzrechtliche Standards und die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen.
Kürzlich berichtete die britschen Zeitung The Guardian, dass Minister der britischen Regierung eine Gesetzgebung vorbereiten, die es dem Land ermöglichen würde, die EU-Binnenmarktregeln ohne eine Abstimmung im Parlament zu übernehmen, wenn die Regierung entscheidet, dass dies im nationalen Interesse liegt.
Untersuchungen des Brüsseler Beratungsunternehmens Frontier Economics aus dem vergangenen Jahr haben gezeigt, dass eine stärkere Angleichung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs das BIP des Vereinigten Königreichs um 1,7 % bis 2,2 % steigern könnte.
Da der nächste EU-Großbritannien-Gipfel für den kommenden Sommer geplant ist, bleibt abzuwarten, wie sich die beiden Seiten weiter annähern, aber es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern eher vertiefen als auseiinanderdriften.